Meine Karawane im Kin Ho-Tal

Kingtschau ist eine große Stadt. Auch hier war wieder alles illuminiert, teilweise sogar die Einwohner, die dem auf allen Straßen feilgebotenen, bis zum Kochen heißen Schnaps tüchtig zugesprochen hatten. Aber nirgends sah man einen Krakeeler, alles ging friedlich vor sich wie stets beim Chinesen. Die Stadt ist an einem Berge gelegen, und am Abend machte sich das Lichtmeer der Illumination am Berge herauf und herunter wunderhübsch. Sämtliche Preise, sowohl was Essen als was Pferdefutter anbetrifft, gingen, entgegen den Angaben der Missionare, stets herunter. In dieser Gegend waren sie einfach lächerlich niedrig. Über Nacht waren wieder einmal die Karrenmaultiere über mein Futter geraten, und da der Mafu auf kein Rufen hörte, mußte ich selbst hinaus und die Tiere wegjagen. Nebenbei verschlief der Mafu am 14. Februar morgens die Zeit, meine Stiefel waren nicht geschmiert, ich hatte wieder Kopfschmerzen, kurzum, die lieblichste Laune war fertig.

Es ging weiter im Kin Ho-Tale aufwärts; die Gegend war wenig wechselnd, auf der Straße herrschte lebhafter Karrenverkehr; meist waren es solche, die in viereckige Blöcke zusammengepreßte Tabakpacken von Lantschau Fu nach der Küste bringen. Mittagsrast machten wir in Wangtu, wo ich alte Bekannte traf, die ich seiner Zeit in Tschöntingfu kennen gelernt hatte; es waren Kaufleute aus Urumtschi, die von Peking kamen und nach ihrer Heimat zurückgingen. Sie boten mir gleich an, mich ihnen anzuschließen, aber sie marschierten mir zu langsam. Von Vorteil für mich wären allerdings ihre mongolischen Sprachkenntnisse gewesen; einer unter ihnen sprach auch Türkisch und ein anderer radebrechte Russisch. Wir waren heute schon früh im Quartier in Peitseyu, ich setzte daher zum Schmerze meines Mafu großes Sattelreinigen an. Der Karrenführer wollte mich anborgen, ich verstand aber mit einem Male kein chinesisch mehr und wies ihn an den Mafu, dem es ebenso zu gehen schien wie mir. In dieser Gegend begann auch schon die Frühjahrsbestellung, man merkte es an den überschwemmten Wegen; das Wasser trat von den schlecht gehaltenen Bewässerungsgräben der Felder aus.

Im Orte war abends unter großem Zulauf ein Schattenbildtheater auf einer einfachen, erhöhten Bühne; hinter einem weißen Gazerahmen ließ ein alter, ganz heiserer Schauspieler die sehr gut gemalten bunten Figuren ihre Mätzchen machen. Jungen waren unter die Bühne gekrochen und kniffen den alten Kerl in die Beine, was natürlich, als der alte Mann es schließlich merkte, sehr komisch wirkte. Die Figuren auf der Bühne rauchten und aßen, was sich sehr spaßig machte.

Am 15. Februar morgens hatte ich wieder Kopfschmerzen, und die Nacht über hatte ich sehr schlecht geschlafen. Ich schrieb dies dem mit Pferdemist geheizten Kang zu; in den Zimmern war ein durchdringender, scharfer Geruch, der auch, wenn man die Feuerung hinaustragen ließ, blieb und europäischen Nasen wenig zusagte. Unser Weg war heute von zwei Reihen hoher, dicht beieinander stehender Bäume eingefaßt. Um 1 Uhr mittags waren wir in Pingliang Fu. Vor der Stadt stand auf einem einsamen Hügel eine Art Kastell mit Tempel und hoher Pagode darin; das Kastell beherrscht die Stadt und den Anmarschweg von Lantschau Fu.

Da ich mich nunmehr dem Hauptquartier Tung-fu-hsiangs bis auf wenige Märsche genähert hatte, war es für mich von ganz besonderem Interesse, etwas Neues über ihn zu erfahren. Ich begab mich daher sofort zu dem hier anwesenden Missionar, einem Herrn Johnson; in der Stadt, die ich auf dem Wege zur Mission passierte, bekam ich von Tung-fu-hsiangs Schwarzröcken nichts zu sehen; dagegen hatte ich Gelegenheit, einer Pferdeoperation auf offener Straße beizuwohnen. Der Missionar wohnte außerhalb des Tores, ich innerhalb desselben, so daß ich nicht bei ihm bleiben konnte, da nach Toresschluß gegen 6 Uhr nicht mehr geöffnet wird und ich anderseits den Mafu mit Geld und Waffen nicht allein lassen wollte. Jedenfalls fand ich hier genau das, was ich mir dachte, nämlich eine chinesische Stadt genau wie alle andern, mit dem lebhaften Kommen und Gehen, wie es stets auf der großen Verkehrsstraße zu sein pflegt, und keinen Menschen, der sich auch nur eine Minute für Tung-fu-hsiang interessiert hätte. Man sagte mir, alle Gerüchte über ihn und seine Truppenteile seien weit übertrieben; er sitze ruhig in Heichengtse, drei Tagemärsche nördlich von dieser Stadt, verschanzt, und tue keinem Menschen etwas zuleide. Im Gegenteil, er solle in letzter Zeit die Absicht geäußert haben, sich noch weiter nach dem Innern zurückziehen zu wollen, da er sich hier immer noch den Grenzen der Zivilisation zu nahe fühle. Er habe nur 13 schwache Kompanien (eine chinesische Kompanie hat 504 Mann), im ganzen 5000 Mann, dazu alte Kanonen und genügend Reit- und Bespannungsmaterial. Ferner habe er sehr viel Proviant aufgekauft; da in den letzten Jahren gute Ernten gewesen seien, habe dieses nicht weiter auf die Preise gedrückt, wie ich selbst feststellen konnte. Man war in den hiesigen Kreisen fest überzeugt, daß er nichts unternehmen würde; der Missionar ließ gerade jetzt seine Frau aus Hsi Ngan Fu hierherkommen, was doch sicher als ein Zeichen des Friedens anzusehen war. Missionare sind stets gut orientiert und unterhalten nebenbei Spione bei Tung-fu-hsiang.

Pingliang Fu