Am 16. Februar morgens gab ich einige Briefe und Karten an den Missionar Johnson mit der Bitte um Weiterbeförderung ab. Die Missionare schicken ungefähr alle vierzehn Tage einen verläßlichen Mann, der bis zur nächsten Station reitet, von wo aus die Briefe dann auf ebendieselbe Weise nach Hankau weiterbefördert werden. Kurz bevor ich wegging, ließ sich der Mandarin noch einmal angelegentlichst nach meinen ferneren Absichten erkundigen und anfragen, ob ich etwa den Wunsch hätte, zu Tung-fu-hsiang zu gehen. Ich sagte ja, um zu sehen, was die Leute wohl tun würden. Der Bote ging zurück, bat mich jedoch, bevor ich abmarschierte, den Bescheid seines Herrn abzuwarten. Bald kam er wieder in Begleitung von 16 Kavalleristen und 20 Infanteristen; zugleich sagte er mir im Auftrage seines Herrn, daß diese Leute dazu bestimmt wären, mich von meinem Vorhaben nötigenfalls abzubringen, woraufhin ich ihm erwiderte, daß ich sofort das Feuer eröffnen würde, sobald auch nur einer es wage, mich zurückzuhalten. Der Mandarin hatte jedenfalls sehr viel mehr Angst um seinen Posten und seine reichen Einnahmen, falls mir etwas zustoßen sollte, als um meine eigene Person, die ihm gänzlich gleichgültig war. Ich vertrug mich später sehr gut mit den Soldaten, schoß ihnen etwas mit meiner Mauserpistole vor und bin überzeugt, daß auch nicht einer im entferntesten gewagt hätte, mich zurückzuhalten, falls ich doch Tung-fu-hsiang aufgesucht hätte. Die Mauserpistole, die immer schoß und gar nicht geladen zu werden brauchte, flößte ihnen einen Heidenrespekt ein. Daß nur zehn Patronen darin seien, erzählte ich ihnen natürlich nicht, nebenbei hatte ich vorsichtshalber auf nur 20 Schritt Entfernung geschossen, so daß die sechs abgegebenen Schüsse alle dicht beieinander saßen. Meine Begleitung verkrümelte sich nach und nach bis auf zwei Kavalleristen und einen Begleiter vom Yamen.

Pferdeoperation in Pingliang Fu

Bei bezogenem Himmel ging es talaufwärts, mehrfach den gefrorenen Fluß kreuzend, was sehr unangenehm war, da die Tiere einbrachen und sich die Fesseln durchschnitten. Das Tal war mit mannshohem Gestrüpp bewachsen und hatte viel Steingeröll. Wir sahen zum ersten Male die schönen Königsfasanen, die bekanntlich hier heimisch sind. Ich hatte das Glück, einen mit der Kugel zu schießen, was eine sehr willkommene Abwechslung in unsern etwas einförmigen Küchenzettel brachte. Nach 70 Li machten wir Rast. Der Karrentreiber veruneinigte sich mit seinem Stangenmaultier, was eine recht unerquickliche Szene gab, da er es rücksichtslos mißhandelte, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil das unglückliche Tier nicht fressen wollte. Übrigens trat heute doch eine merkbare Preissteigerung in allem ein. Weiterhin verengerte sich das Tal fortwährend, und es kamen sehr hübsche Felspartien zu beiden Seiten vor.

Bergtempel in Kansu

Ich war gerade dabei, eine solche mit meinem Kodak aufzunehmen, als mich in voller Fahrt ein großer schwarzer Hund anfiel, der anscheinend toll war. Die Lage war kritisch, denn ich mußte meinen Apparat retten, den ich auf keinen Fall geopfert hätte. Der Köter sprang mich an und schnappte über meine linke Hand hinweg nach meinem Rock; ich fiel auf die steinerne Brüstung des Weges, den Apparat in der rechten Hand hochhaltend. In demselben Moment stach einer der mich neugierig umgebenden Soldaten nach dem Vieh, worauf es das Weite suchte. Die ganze Episode spielte sich in vielleicht zwei Sekunden ab. Die Chinesen beglückwünschten mich, daß mich der Hund nicht gebissen hatte; ich hätte ihm gern hinterher noch eins aufgebrannt, aber er war längst verschwunden.

Flußübergang vor Huacing, halb vereist

Der Weg wurde für die Tiere immer anstrengender, die Karren blieben bei den Übergängen alle Augenblicke stecken, wobei dann die Führer gegenseitig mit Vorspann aushalfen. Gegen 5 Uhr überschritten wir einen hohen, sehr beschwerlichen Paß und hatten dann im Tale Huacing eine Sperrfestung vor uns. Hier scheiden sich die Wege nach Lantschan Fu und Kuyuen. Der Karrenführer wollte die Stadt links umgehen, um gleich den Lantschau Fuer Weg zu gewinnen. Er war erst nach recht energischem Zureden meinerseits zu bewegen, in die Stadt zu fahren; natürlich hatte er nur Angst, daß ich zu Tung-fu-hsiang gehen würde, und wollte möglichst schon heute in einem Orte auf dem Lantschau Fuer Wege übernachten. Der Yamen erkundigte sich sofort nach meinen ferneren Absichten, und zwar ließ mich der junge Beamte nicht zufrieden, sondern wollte immer mehr wissen, so daß ich schließlich die Geduld verlor, überhaupt keine Antwort mehr gab und für fernere Soldatenbegleitung dankte.