Ich nahm am Abend mit einem alten Lama, der gerade von Tung-fu-hsiang herzukommen behauptete, Rücksprache. Wir gingen durch die Stadt spazieren, wobei er mir die Parteigänger des Rebellen-Generals zeigte. Sie tragen stets ganz schwarze Kleidung, im übrigen handelte es sich hier nur um solche, die Getreide oder Pferde ankaufen wollten; eigentliche Soldaten Tung-fu-hsiangs habe ich kaum zu Gesicht bekommen. Ich fragte den alten, freundlichen Mann, ob es für mich irgendwie lebensgefährlich sei, nach Heichengtse zu gehen. Er meinte, daß keinerlei Gefahr damit verbunden wäre, riet mir aber insofern ab, als dort nichts, rein gar nichts von Interesse zu sehen sei. Man würde mich ruhig in die Befestigungen, die genau so aussähen wie alle anderen, hineinlassen, und mir nichts tun; auf keinen Fall aber würde ich den alten Tung-fu-hsiang zu sehen bekommen. Er halte sich streng abgeschlossen, und selbst von seinen eigenen Leuten hätten ihn die allerwenigsten jemals erblickt. Auf diese Nachrichten hin stand ich von meiner ursprünglichen Absicht, nach Heichengtse zu gehen, ab und nahm damit meinem Mafu und meinem Karrentreiber einen schweren Stein vom Herzen. Ich glaube, sie fühlten ihren Kopf in der letzten Zeit nicht mehr sicher auf den Schultern, und meinem Mafu war der sonst sogar recht beträchtliche Appetit vergangen.

Am Rasthaus im Liu pan schan

Die Nacht war wieder einmal sehr kalt, die armen Pferde hörte ich neben meiner Stube fortwährend hin- und hertreten, die Kälte ließ sie nicht schlafen. Ich wollte ihnen noch eine Decke überlegen und warf beim Aufstehen meine silberne Zigarettentasche, die ich als Behälter für Kompaß und Kneifer benutzte, herunter. Der Kneifer blieb ganz, der Kompaß zerbrach leider, ein recht herber Verlust. Beim Abreiten meldeten sich noch zwei Infanteristen; wir marschierten zuerst bis an den Hauptpaß im Liu pan schan, zu dem es sehr steil bergauf ging, so daß die armen Zugtiere schwer zu ziehen hatten; ohne Nepomuk hätten die beiden Muli allein die gar nicht so große Last wohl nicht heraufgebracht. Wie gefühllos die Chinesen den Tieren gegenüber sind, konnte man heute wieder beobachten, denn gerade an der schwierigsten Stelle setzten sich die Infanteristen, der Treiber und der Mafu in die Karre, aus der ich sie sofort wieder herausbesorgte. Auf halber Höhe liegt ein hübsches Rasthaus mit Tempel, der, wie alle solche hier, Lauyemiau heißt. Da er eine kleine Soldatenbesatzung hat, ist seinem Namen hinten noch ein Ping angehängt (Ping heißt nämlich Soldat). Der Wirt hatte drei hübsche Töchter, die schleunigst photographiert wurden, sie waren ausnahmsweise ganz vernünftig dabei. Ich benutzte bei den Serpentinen immer die Richtwege, um auf Fasanen zu pirschen, sah auch mehrfach welche, kam jedoch nicht zum Schuß. Die Soldaten nahmen recht eifrig an der Jagd teil. Nach Aussage der Leute sind Wildschwein, Wolf und Leopard hier gar nicht so selten, leider verbot mir meine kurz bemessene Reisezeit, größere Jagdausflüge zu machen. Den Paß krönt wie gewöhnlich ein Tempel. Beim Abstieg hatten wir eine riesenhafte Windhose vor uns, die von den Wolken trichterförmig erwidert wurde. Im Tale liegt Lung-hsi-hsien mit befestigtem Bergfort auf der Ostfront vorgelagert. Die Pferde bekamen hier zum ersten Male wieder Hafer, den sie sehr gern nahmen.

Meinem Karrenführer war nun das Geld endgültig ausgegangen, er klagte mir sein Leid, und es stellte sich heraus, daß er von der anfangs vereinbarten Summe von 19 Taels nur 15 erhalten hatte, den Rest hatten die Leute Goo-ta-jens eingesteckt, und ich staunte nur, daß er überhaupt noch so viel erhalten hatte. Von dem empfangenen Gelde hatte er noch die Hälfte an die Taitai abzugeben. Wenn seine Tiere besser gewesen wären, hätte ich ihn nach Kaschgar engagiert, da er durchaus mit mir gehen wollte; die Maultiere waren aber zu alt, die Karre zu schwer, außerdem wußte kein Mensch zu sagen, wie fernerhin die Wege eigentlich seien und ob überhaupt Karren so weit fahren könnten. Nun borgte er den Geschäftsführer des Gasthauses an. Das soll allgemein so Sitte sein bei den Karrenführern, die durch dieses Verfahren niemals auf einen grünen Zweig kommen, da sie stets in irgendeinem Gasthause hängen. Übrigens hatte ich meinen Führer in falschem Verdacht mit dem Feigensack gehabt, er hatte die Früchte nur als Geschenk für Freunde mitgenommen und verteilte sie nun, wie ich mehrmals sehen konnte.

Mittags verlangte ich Schweinefleisch, worauf alles lachte und mich abwies. Ich ahnte nicht den Grund; erst später fiel mir ein, daß hier meist schon Mohammedaner wohnen. Am Nachmittag trafen wir beim Weitermarsch eine ganze Kamelkarawane, mit Hirschgeweihen beladen. Sie kamen aus Si-ning-fu, das Hirschhorn geht zur Küste und wird zu Arzneizwecken verwandt. Am Abend in Tschönning pu sollte ich eine Frau ärztlich behandeln, die den Anzeichen nach an Herzkrämpfen litt. Ich verordnete kalte Abreibungen morgens und abends und beim Eintritt der Krämpfe kalte Umschläge; jedenfalls war ich sicher, damit keinen Schaden anzurichten, denn ehe der Chinese zum kalten Wasser greift, geht die Welt unter.

Einziehende Kavallerie

Am 18. Februar morgens ging es durch die Ebene weiter. In Tsching Hsing tschau, wo wir rasteten, hatte sich eine entsetzlich neugierige Menge um mich gesammelt, die sich weder durch Wasserguß, noch durch sonstige Schreckmittel abhalten ließ, bis laute Signale einrückende Kavallerie meldeten, die einen malerischen Anblick gewährte. Vier Trompeter bildeten Spalier und bliesen Fanfaren, voraus ritten drei Falkenträger, dann kamen die Fahnen und schließlich die Mannschaften in bunten, meist roten Uniformen. Ich photographierte die Gesellschaft, wobei sie mich rücksichtslos anritten. Unterdessen hatte sich Staubsturm erhoben, der beim Weitermarsch recht unangenehm war. Wir kletterten über drei Pässe mit überaus starken Steigungen, so daß die entgegenkommenden Tabakkarren aus Lantschau Fu sich gegenseitig Vorspann bis zu 16 Tieren gaben, um die einzelnen Wagen die Berge herauf zubringen. Die Luft war derart mit Staub erfüllt, daß wir bei Biegungen oder an den Hunderte von Metern hohen, steilen Abfällen die vorn gehenden Tiere am Kopf führen mußten, da man den Weg gar nicht mehr sehen konnte und ich fürchtete, bei der geländerlosen Straße abzustürzen. Entgegenkommende Karawanen meldeten sich stets durch Glockenklang ihrer Tiere an. Um sie an den Ausweichestellen festzuhalten, damit wir glatt vorwärts kommen konnten, hatte ich die mich begleitenden Soldaten vorausgeschickt; es klappte auch ganz gut. Gegen Abend legte sich der Staubsturm, der diesmal nur vier bis fünf Stunden gedauert hatte.

Als wir noch etwa zwei Kilometer vor unserm beabsichtigten Nachtquartier waren — ich ritt hinten —, rief der Karrenführer plötzlich: Sa lauye, Lhang! (Wölfe.) Rechts am Abhänge einer Lehmschlucht, auf etwa 600 Meter, trottete langsam ein großes graues Tier; ich hielt es für einen Hund, ließ aber doch meinen Zeiß auspacken, um einmal hinzusehen. Unterdessen traten aus der Schlucht drei und dann noch ein ebensolches Tier heraus. Jetzt sah ich, daß es unzweifelhaft Wölfe waren. Sofort ließ ich mir Karabiner und Patronengürtel geben und trabte querfeldein auf eine andere Lehmschlucht zu, um mich durch diese heranzupirschen. Der gute Dicke machte seine Sache sehr gut. Als ich absaß und mich näher schlich, ging er sehr vernünftig im Schritt zurück. Das Rudel, das sich zusammengeschlossen hatte, sicherte nach mir hin, hielt nicht mehr und zog von dannen. Es waren mindestens noch 300 Meter, und diese Entfernung war mir zum Schießen zu weit, außerdem verschwanden sie zu schnell.