Abends in Gau-dia-pu kamen wir gerade zum Schweineschlachten zurecht. Zuerst bekam ich die Nieren gebraten, und dann ließ ich mir ein recht schönes Kotelett herausschneiden, das der Mafu leider gänzlich verdarb. Die Leute können nur auf eine einzige Art kochen, und ob das Schwein, Hammel oder sonst Beliebiges ist, bleibt ihnen vollkommen gleich; es wird nach Schema F hergerichtet. Bei gänzlicher Windstille und leichtem Schneefall ging es am 19. Februar weiter, am Tsauli Ho in Windungen an den Bergwänden entlang. Der Schnee blieb liegen, und die Wolken hingen tief in die Täler. In einem Dorfe gab es prachtvolles Schweinefett, von dem ich gleich eine ganze Büchse kaufte. Dies erwies sich schon am selben Abend als sehr angenehm, denn in unserm Nachtquartier Tsai dia tse war die Unterkunft schlecht, alles sehr teuer, und man bekam nichts zu essen. Zweimal über Nacht erhielt ich Besuch von großen Kötern, die sich durch die Tür zwängten und mir mein Stiefelfett stahlen. Als ich morgens nach der Dose suchte, fand ich noch einen Hund, dieselbe ausleckend; ich wollte sie ihm wegnehmen, woraufhin er mich in meine Ledergamasche biß; ein Schuß machte bald darauf seinem Leben ein Ende.

Wir hatten in den letzten Tagen recht erhebliche Märsche gemacht, ich ritt abwechselnd die Stute und den dicken Pony, und beide befanden sich ausgezeichnet. Das Tier, welches nicht geritten wurde, ging hinten an der Karre angebunden oder wurde von einem der begleitenden Kavalleristen an der Hand geführt. Am wohlsten von allen dreien fühlte sich jedenfalls Nepomuk, der als Zugtier in der Karre ganz in seinem Element war und alle übeln Gewohnheiten der Maultiere angenommen hatte.

Am 20. Februar brachen wir bei 14 Grad Kälte auf und marschierten, um abzukürzen, nicht über die Berge, sondern in einem Flußbett entlang. Ich wäre gerne abgesessen und hätte etwas geführt, um mich zu erwärmen; das war aber nicht möglich, da wir fast ununterbrochen durch Wasser ritten. Es war der Chu-ning-ho. Kaum waren wir aus den Flußtale heraus, so befanden wir uns wieder im dicksten Staube, der die Tiere außerordentlich ermüdet; trotzdem wollte der Karrenführer morgen siebzig Kilometer marschieren, um in drei Tagen in Lantschau Fu zu sein. Wer natürlich am 21. Februar morgens nicht aufstand — es waren hier 15 Grad Kälte —, waren meine beiden Genossen. Um 6 Uhr mußte ich sie vom Kang herunterbesorgen; zu ihrem Glück hatten sie wenigstens die Pferde rechtzeitig gefüttert.

Bei unangenehmem Südost, der sich allmählich zum Staubsturm steigerte, ging es weiter. Es gab einige nicht unerhebliche Steigungen zu nehmen; ich benutzte immer die Richtwege und verritt mich einmal so, daß ich froh war, nach einer Stunde meinen Karren wieder zu haben. Die Tiere waren bei der Ankunft in Nanting Hsien sehr müde, besonders die große Stute, die heute geführt wurde, hatte sich schon den ganzen letzten Teil zerren lassen. Für die Menschen gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen, nachdem wir die letzten zwei Tage nur von Reis und Brot gelebt hatten. Der Staub ist hier besonders fein und dringt durch alles hindurch; ich befürchtete das Verderben meiner photographischen Aufnahmen, wegen der stets verstaubten Linse des Apparates. In der Ebene mußte der Staubsturm noch toller gewesen sein, denn die uns entgegenkommenden Leute waren vor Schmutz überhaupt nicht zu erkennen. Die Stute bekam hier zum ersten Male chinesischen Beschlag; sie hatte so schöne, gesunde Hufe, daß auch ein chinesischer Schmied kaum etwas daran verderben konnte. Als Bezahlung bekam er die alten deutschen Eisen, die seine höchste Bewunderung erregten; er machte dabei immer noch ein sehr gutes Geschäft, wenn man die hiesigen Schundeisen bedenkt.

Am 22. Februar waren wir wieder in Lößbergen mit ihrem terrassenförmigen Anbau. Das Gebirge hieß Ta-lang-tsue-schan, der große Wolfsrachenberg, auf deren Spitzen mehrfach kleine Kastelle lagen. Die Leute leben hier nur von der bekannten Wassersuppe mit Nudeln, dem Mien-tang; dazu Graubrot und kleine runde Brötchen, sehr selten gibt es Reis; Fleisch ist ein fast unbekannter Luxusartikel. Über Nacht zum 23. Februar hatte ich wieder einmal Hundebesuch, dem ich mittels eines schweren Knüppels ein plötzliches Ende machte. Der Staub lag heute in den Hohlwegen bis ein viertel Meter tief, über Mittag wurde es angennehm warm, plus 27 Grad, ein Temperaturunterschied von 40 Grad in 24 Stunden. — Wir durchschritten Tsing-hsui-dschiau, eine einstmalige Stadt, von der nur noch der mittlere Ehrenbogen und die Stadtmauern stehen. Die Chinesen im Vorort, bei denen wir Birnen kauften, behaupteten, es wolle sie keiner mehr aufbauen, da es drinnen spuke. Nebenbei zeigten sie mir das große Loch in der Stadtmauer, wo seinerzeit die Mohammedaner Bresche gesprengt hatten.

Befestigtes Dorf in Kansu

Auf der Straße wurden sehr wohlschmeckende Reiskuchen, mit Pflaumen darin, und Honig-Aufguß ausgeboten; für uns waren sie einfach eine Delikatesse. Ich beobachtete hierbei die Reinigungsmethode der Teller. Der Verkäufer leckte sie zuerst nach Rückgabe höchst eigenmäulig rein, denn entnahm er einem Behälter einen breiten Pinsel und strich mit einer unbestimmbaren Flüssigkeit über den Teller; abgetrocknet wurde er dann am hinteren Teil der Hose. Sehr ermutigend sah das zwar nicht aus, hielt mich aber nicht ab, doch zu essen; man gewöhnt sich eben an vieles, und Hunger tut weh.

Die Gegend hier hat gemischte Bevölkerung, Chinesen und Mohammedaner, manchmal sogar innerhalb der Dörfer selbst, die Weiber der letzteren gehen verschleiert, sonst habe ich keinen Unterschied herausgefunden. Auf den Bergen lag auch heute wieder ein zerstörtes Dorf neben dem andern. Was hier an Wohlstand durch den Aufstand vernichtet worden ist, läßt sich kaum beurteilen. Übrigens muß auch der gesamte Verkehr vor den Kämpfen größer gewesen sein, denn viele der großen Absteigehöfe — sofort an der Anlage erkennbar — sind nicht wieder aufgebaut worden. Nach der Mittagsrast überschritten wir den Hsiau-sche-ho und folgten seinem rechten Ufer; es wurde immer wärmer und wir hatten gegen drei Uhr 30 Grad Celsius. Mir war schon beim Reiten mein Pelzrock zu warm geworden, und als ich beim Anpirschen wilder Enten wie ein Radfahrer schwitzte, zog ich den Rock aus und trennte kurz entschlossen den ganzen Pelz heraus zur unendlichen Freude meiner beiden Chinesen und des übrigen Publikums. Auf dem rechten, zehn Meter hohen, steil zum ungefähr einen Kilometer breiten Flußbette abfallenden Ufer liegt ein Dorf neben dem andern. Die meisten haben ein Kastell; ob dieses für Soldatenbesatzung bestimmt ist oder nur als Zufluchtsort bei Überfällen für die Einwohner dienen soll, konnte ich nicht erfahren, jedenfalls waren recht viele vorhanden, ein Zeichen, wie unsicher hier die Gegend noch immer sein muß. Die Leute rekeln sich faul in der Sonne; überall sieht man sie vor ihren Häusern kauern und nichts anderes tun, als sich gegenseitig die Läuse absuchen, Karten und ein Brettspiel mit Steinen wie unser Damespiel spielend, schlafend oder spinnend. Hierbei haben sie in einer Hand ein birnenförmiges Körbchen, in dem die Baumwolle sich befindet, unten ziehen sie den Faden heraus, der um ein Stückchen Holz gewickelt wird, das einen Meter tiefer hängt; dieses Stück drehen sie durch Anstoßen mit den Füßen. Meist sieht man alte Menschen männlichen Geschlechts bei dieser nützlichen Tätigkeit. Wo der Fluß nicht alles mit Kieselsteinen versandet hat, wird etwas Ackerbau betrieben, dessen Bewässerung durch die von den Bergen herabkommenden, geschickt aufgefangenen Schneewässer bewirkt wird. Die Leitungen hierzu gehen über die Hohlwege in Holzrinnen, die fast alle undicht sind. Marschiert man daher nicht im Staube, so watet man im knietiefen Schlamm.

Gegen vier Uhr abends, nachdem ich mich mehrmals, jedoch vergeblich, an die sehr schönen Enten herangemacht hatte, verengerte sich das Tal, rechts und links traten felsige steile Berge heran, über die nur Maultierpfade führten. Wir marschierten im Flußbette entlang, den Fluß auf den Kilometer gegen vierzigmal kreuzend. Er hatte infolge der Schneeschmelze viel ganz trübes Wasser, was bis über die Achsen der Karre ging. Mein Pony, der von dem langen Marsche sehr müde war, stolperte im Flusse mehrfach über die darin liegenden großen Steine, die er nicht sehen konnte; mitten in den gelben Fluten war das kein sehr angenehmes Gefühl.