Gegen 5½ Uhr erreichten wir Hsiau-Suitse, und richtig war alles in dem Neste besetzt, es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn etwas abergläubisch ist am Ende jeder, und ich hatte heute Morgen meine Salzbüchse umgeworfen. Der chinesische General von Lantschau Fu befand sich auf dem Wege nach Hsi Ngan Fu, wohin er versetzt war. Gerade heute war er abmarschiert, und sein Riesentroß hielt jedes Zimmer und jeden Stall besetzt. Mit Not und Mühe und viel Geschimpfe auf den gänzlich ratlosen Mafu, der sich von den Kavalleristen verhöhnen ließ, bekam ich ein Zimmer, an dem Fensterrahmen und Tür fehlten, dann eine Krippe für die Pferde und zu geradezu horrenden Preisen etwas Stroh, den Hafer brachte ich selber mit. Das Fenster wurde mit der "wasserdichten" Lagerdecke verhängt, bei welcher Gelegenheit ich die Löcher in derselben zu meinem Kummer zählen konnte; sie hatte sich auf dem Packsattel durchgescheuert. Schließlich erkämpfte ich mir auch noch ein Stück Herd zum Kochen; diesen in seiner vollen Ausdehnung hatte ein unverschämter Koch irgend eines ganz geringen Herrn aus der Begleitung des Generals besetzt. Da gutes Zureden nicht wirkte, zeigte ich ihm meine Hand mit einer nicht mißzuverstehenden Geberde; das Mittel half vorzüglich. Er wollte mir nun sogar Essen schenken, aber stolz wie ein Spanier würgte ich, ihm dankend, meinen Reis hinunter. Für den Chinesen war es nur Formsache, "Wahren des Gesichts", er hätte sich wahrscheinlich sehr gewundert, wenn ich etwas genommen hätte.
Im Gebirge vor Lantschau
Neben uns in einem ähnlichen Zimmer wohnten zwei Yamenbeamte, die soeben aus Tsin-tsiang kamen. Mein Mafu kam angsterfüllt an, dort gebe es nichts zu essen und alles wäre maßlos teuer. Ich ging hinüber und stellte fest, daß die beiden übel aussehenden Brüder ungefähr den Weg gekommen waren, den wir nehmen wollten, setzte aber meinem Mafu, um ihn zu beruhigen, an der Hand der Karte auseinander, daß wir eine ganz andere Straße marschieren würden, als diese beiden; denn wenn es nichts zu essen gibt, macht er nicht mehr mit, und ich glaube, daß er schon auf dem besten Wege war, nach Tientsin zurückzukehren. Der Mafu und der Karrentreiber waren am nächsten Morgen ordentlich durchgefroren und klagten über alle möglichen Schmerzen, weil sie eine Nacht einmal nicht auf ihrem glühenden Kang geschlafen hatten, sondern mit einem ungeheizten Zimmer ohne Tür und Fenster hatten vorlieb nehmen müssen. Ich ahnte schon, was folgen würde, und richtig pumpte mich der Karrenführer schon wieder an. Die Gesamtsumme des geborgten Geldes hatte jetzt gerade die Höhe seines Trinkgeldes erreicht, so daß von nun an der Geldladen geschlossen wurde.
Tor von Lantschau
Im Weitermarsch durch felsige Berge bekamen wir auf eine kurze Strecke den Hoang Ho in Sicht, den ich mir hier eigentlich mächtiger vorgestellt hatte. Dann ging es wieder durch Lehmberge und zuletzt in sehr steilem Abstieg zur Ebene hinunter. Auf zehn Kilometer hatten wir Lantschau Fu vor uns; man merkte bereits die Annäherung an die große Stadt; über ihr lag eine Dunstwolke, lebhafterer Verkehr herrschte auf der Straße, und auch die unendlich ausgedehnten Gräberfelder kündigten sie an. Es ging den letzten Teil durch große Tabakfelder; vorbei an einigen Soldatenlagern und hohen roten Tempelmauern gelangten wir zum Osttor, das wie alle anderen Tore von weithin sichtbaren Türmen gekrönt ist. Vor der Stadt kam uns im Galopp ein laut heulender Diener nachgeritten und fragte, ob wir nicht etwa den Mantelsack seines Herrn gesehen hätten, der ihm gestohlen worden war, während er in einer Kneipe saß. Er ritt weiter, jeden Menschen am Wege fragend. Die Sachen waren natürlich längst verschwunden und der Kuli wird zur Strafe für seine Unachtsamkeit wohl ordentlich Prügel gesehen haben. Am Tore stellte die Wache die üblichen Fragen an mich, noch hinzufügend, ob ich dienstlich hier wäre. Zum höchsten Erstaunen der Leute erwiderte ich, daß ich zu meinem Vergnügen reise. Ich wußte damals noch nicht, daß jeder, der im Besitze, eines Passes vom Auswärtigen Amt ist, sich auf Dienstreisen befindet.
Das Unterkommen war leidlich. Ich ließ sofort alle Sachen auspacken, die Decken wurden gesonnt, Wäsche zum Waschen gegeben, ein Schuster reparierte meine Schnürstiefel, ein Friseur schnitt mir mit meiner kleinen Nagelschere die Haare kurz. Er wollte mir durchaus nach chinesischer Sitte den Kopf halb rasieren, ich streikte jedoch energisch, und er machte seine Sache recht gut, wenn auch etwas langsam. Ich hatte mich auf den Hof in die pralle Sonne gesetzt; das Thermometer zeigte plus 31 Grad, und um uns herum hatten sich eine Menge Zuschauer gesammelt. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn es dauerte zwei Stunden, bis er fertig wurde. Dann rasierte er mich noch einschließlich Schnurrbart. Gott sei Dank, daß meine gute Mutter mich nicht so sehen konnte.