Lantschau am Hoang Ho. Ausgefahrene Schiffsbrücke im Eise.

Während der Mafu zum Yamen wanderte, um die üblichen Förmlichkeiten zu erledigen, ging ich mit einem kleinen Jungen als Führer zur Mission und traf dort drei Englisch sprechende Missionare und zwei Frauen. Ich ließ mich anmelden, wurde aufgefordert, näher zu treten und bekam Kaffee und Kuchen, die mir sehr wohl taten. Nebenbei gab es nichts von Interesse zu hören, eher umgekehrt; sie suchten aus mir herauszuholen, was es Neues in der Welt gab; der hier ansässige deutsche Missionar Bläsner nebst Frau war leider gerade jetzt nach Si-ning-fu verreist. Ich wurde für den nächsten Tag zum Lunch eingeladen und verabschiedete mich dann bald. Das Leben hier draußen macht zweifellos stumpfsinnig, hätte ich nicht fortwährend neue Gedanken für das Gespräch hervorgesucht, so hätten wir alle schweigend dagesessen; Männer und Frauen waren in chinesischer Kleidung. Als einzige Neuigkeit erzählten sie, daß in Lantschau Fu seit kürzester Zeit ein russischer Laden in der Hauptverkehrsstraße aufgemacht worden sei, in welchem Russen, die fertig Chinesisch sprächen, jedoch ihre russische Kleidung weitertrügen, verkauften. Die Missionare vermuteten Regierungsgeld hinter der Sache und den Beginn eines Attentates auf diese Provinz. Merkwürdig ist die Sache allerdings. Der älteste der Missionare, zugleich Superintendent für Kansu, befragte mich, ob ich auch eine Bibel mit hätte, was ich leider verneinen mußte; daraufhin mußte ich gleich mitgehen, um wenigstens hier fleißig in Herrn Bläsners Bibel zu lesen. — In dem Gasthaus hatte der Mafu unterdessen aufgeräumt, und zwar zum ersten Male unaufgefordert. Außerdem konnte er mir auch noch eine andere Delikatesse für morgen ankündigen, nämlich frische Kuhmilch.

Lantschau am Hoang Ho und der Tempelberg gegenüber

Am 25. Februar morgens, als ich gerade aus dem Schlafsack gekrochen war, erschien bei meinem Wirt die Steuerkommission, um die Steuern zu erheben. Auch hier sind diese Leute gar nicht gern gesehen, da die Steuern recht hoch sind. Eine an allen Ecken angeschlagene Proklamation des Vizekönigs mahnt zur ordnungsgemäßen Zahlung. Ich gab dem Mafu meine Aufträge und wanderte dann zur Mission, wo ich Mr. Kenneth beim Unterricht einiger Chinesen fand. Wie anderswo sucht man auch in China zuerst Arme und Elende zu bekehren. Ich hörte zu, verstand jedoch wenig, habe auch wahrscheinlich nur gestört, da bei Anwesenheit des Europäers die Aufmerksamkeit fehlte. Nach dem Kaffee begab ich mich mit einem der jüngeren Missionare zur Nordfront, an der der Hoang Ho entlang fließt. Eine Pontonbrücke verbindet sonst die beiden Ufer; da jedoch das Eis gerade im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, war sie aus- und am Südufer aufgefahren. Es war sehr zweifelhaft, ob ich morgen noch hinüberkommen würde, was dann womöglich einen Aufenthalt von mehreren Tagen bedeutet hätte, da die Chinesen nicht wagen, über den eistreibenden Strom mittels der Fähre hinüberzusetzen. Am jenseitigen Ufer liegt, auf vielen Terrassen verteilt, eine malerische Tempelgruppe, Pai-ta-schan. Für mich zum Trost zog gerade von drüben über das Eis eine aus Tibet kommende Ponyherde; die Tiere waren kräftig und in guter Kondition, trotz des 3½ monatlichen Marsches. Die Treiber waren schmierig, in Felle gewickelt und grundhäßlich. Wir gingen die Nordfront entlang; den Weg besserten Soldaten aus; sie machten Witze über uns und wollten sich krank lachen. Dann kamen wir zu einer Wasserpumpe mit Dampfbetrieb, die einst ein fremdenfreundlicher Vizekönig hatte kommen lassen, um den Yamen mit Wasser zu versorgen; Gebäude und Maschinen stehen noch, daneben aber hat man das alte ursprüngliche chinesische Wasserschöpfrad angebracht. Man sieht, der jetzige Vizekönig Song, ein Mandschu, schätzt europäische Sachen nicht; das äußert sich sogar auch hier; jetzt standen übrigens beide Werke des Eises halber still. Wir wanderten weiter durch das Wassertor in die östliche Vorstadt und auf einer von verschüttetem und gefrorenem Wasser glatten Passage zum Pferdemarkt, wo kein einziges Pferd war; der Markt beginnt übrigens schon um 6 Uhr morgens; weiter zum vizeköniglichen Yamen in der Mitte der Stadt, der nichts Besonderes bietet, und dann zu einer Tabakmanufaktur. In der ersten, an der wir klopften, wollte man uns nichts zeigen; in der zweiten war man freundlicher. Auf den Dächern sortierten Weiber die Blätter, von denen es zweierlei Sorten, grüne und braune, gibt. Der grüne Tabak ist besser, folglich färbt man den braunen mit einer hier gewonnenen Pflanzenfarbe grün. Die Blätter werden erst getrocknet, dann ausgeschwungen, zerkleinert und kommen schließlich in eine Presse, wo sie zu einem ungefähr einen Kubikmeter enthaltenden Block zusammengedrückt werden. Von diesen Blöcken wird dann der Tabak mittels eines Hobels, der genau so aussieht wie unser Tischlerhobel, abgehobelt und in kleinere Pakete gepreßt; diese wiederum werden in Papier eingeschlagen, um entweder nach Schang-hai ausgeführt oder in der Stadt verkauft zu werden. In den unteren Räumen standen die Hobel, deren Bedienung sich auf kleinen Öfen Opium zum eigenen Gebrauch auskochte. Entsprechend ihrer Tätigkeit sahen die Leute ganz grün aus, so daß man sie auf der Straße sofort herauskannte. Hier liegen viele solcher Fabriken. Ich photographierte die Anlage und empfahl mich.

Besitzer einer Tabakmanufaktur in Lantschau auf dem Dache seines Hauses, rechts tabaksortierende Frau

Frauen sortieren Tabakblätter auf dem Dache der Fabrik in Lantschau Fu