In der Tabakfabrik in Lantschau
Tabakpresse

Wir kamen allmählich wieder zum Mittelpunkt der Stadt, wo in einem offenen Laden Missionare der China-Inland-Mission predigten, was übrigens vom alten Vizekönig nicht sehr gebilligt wird. Man erzählt sich hier, daß Song, Tuan, Tung-fu-hsiang und Yung-lu in Verbindung sind und ein neues Königreich gründen wollen. Dieses würde aus Kansu, Schensi, Tsin-tsiang, Sze-tschuan bestehen und Tuan zum König wählen, der in Hsi Ngan Fu, als seiner Hauptstadt, residieren würde. Ich halte dies für unmögliche Träume der sehr ängstlichen Missionare. Im übrigen ist jetzt, wo ich dies niederschreibe, der alte Yung-lu schon längst im Grabe und damit die mächtigste Persönlichkeit aus dem Quartett geschieden. Ich sah noch ein Arsenal, in das mir nicht erlaubt wurde, einzutreten, ferner eine Universität im Bau, in der es uns ebenso ging, und die russischen Läden in der Hauptstraße. Die Verkäufer waren Sarten aus Turkestan, wahrscheinlich Untergebene irgend eines chinesischen Großhändlers, die seine Waren aus Kaschgar hierher gebracht hatten. Von den ängstlichen Missionaren waren sie schon für Russen gehalten worden. Zugeben muß ich allerdings, daß ihre Waren meist russischen Ursprungs waren. Lantschau Fu soll gegen 250 000 Einwohner haben, doch auch hier ist die Zahl nur schätzungsweise festzustellen.

Kansus Steppen. Lantschau bis Ansifan (Ngan Hsi Tschau).
28 Marschtage, 3 Ruhetage. Durchschnittsleistung 43,5 km.

[V. KAPITEL.]
Kansus Steppen.

Ich ging am 26. Februar morgens ganz früh schon zum Hoang Ho und stellte mit großer Freude fest, daß das Eis noch stand. Die neue Karre war unterdessen, leidlich bespannt, eingetroffen, der Treiber war ein uralter Mann mit einer Riesenbrille, durch die er nichts sah. Ich beobachtete nämlich mehrfach, daß er sie abnahm, wenn er etwas genauer sehen wollte, aber die Brille gibt ein gelehrtes Aussehen. Nach üblichem Zank mit dem Wirt wegen des Bezahlens fuhren wir zuerst zur Mission. Wir kauften unterwegs noch Fleisch und Früchte für die nächsten Tage ein. An der Mission erhielt ich ein Briefpaket für den Missionar in Liang tschau fu, das ich versprochen hatte, mitzunehmen, ferner eine Büchse mit gutem Tee, der hier schon recht teuer ist, sowie einen Kuchen europäischer Herkunft geschenkt, alles sehr willkommene Beigaben. Der alte Mister Hunter, der mir die Sachen übergab, gefiel mir sehr, er ist ein einfacher Mann, der in seinem selbstgewählten Berufe aufgeht und sich nicht um Politik kümmert, er hat übrigens seinerzeit Sven Hedin bei seiner Durchreise begrüßt. Wir ritten weiter zum Nordtor, an dem ich heute ungefähr zum zwanzigsten Male nach woher und wohin, Stand und Visitenkarte gefragt wurde: "Ob ich nicht Missionar wäre?" "Nein." "Dann also Kaufmann?" "Auch das nicht." Daß ich Offizier sei, begriffen sie nicht; ein solcher muß mit großem Troß reisen, sonst kann es kein richtiger sein. Da sind wir Chinesen doch ganz andere Menschen, dachte sicherlich der weißbärtige Torwächter, milde und überlegend lächelnd.

Wir kamen glücklich über den gefrorenen Hoang Ho. Ganz dicht oberhalb war schon eine breite Rinne eisfrei; hier konnte es auch nur noch Tage dauern, bis der Fluß offen war. Von der anderen Seite, am Fuße des von vielen Tempelchen gekrönten Pei-ta-schan macht sich Lantschau Fu sehr hübsch. Man sieht hier erst, wie groß es mit allen seinen Vorstädten eigentlich ist. Südwestlich, auf einem Berge, einen halben Kilometer vor der Stadt, liegen vier mächtige quadratische Wachttürme, auf dem nächsten Berge die stark befestigte Mandschustadt; die Türme haben wahrscheinlich einst mandschurische Banner-Truppen beherbergt, die Chinesenstadt beobachtend. Lantschau Fu mit seinen vorgeschobenen Befestigungen sperrt das Hoang Ho-Tal vollkommen nach Westen zu ab. Wir durchschritten ein Tor, bei dem die Felsberge dicht an den Strom herantreten, dann erweitert sich das Tal, in dem Tabak- und Obstplantagen liegen, die mittels Schöpfräder vom Hoang Ho aus bewässert werden. Weiterhin geht es rechts ab in felsige Berge mit rötlicher Grundfarbe, die teils ganz merkwürdige Formationen zeigen. Kegelförmige Kuppen fallen in einem Teil ihres Abhanges ringsum senkrecht ab, so daß sie unersteigbar sind; mehrfach liegen Befestigungen längs des Weges. Am Abend kamen wir nach Yü-dia-wan in dem der "Dau"[3] Erbsen, mit denen man hier die Pferde füttert, über 3½ Taels kostet, ein geradezu unverschämter Preis. Der Himmel sah den ganzen Tag nach Schneefall aus, das Wetter hielt sich aber noch. Der Mafu verlor zum ungefähr zehnten Male den Anbindestrick für den dicken Pony. Ich drohte ihm an, von jetzt ab das Geld dafür von seinem Lohn abzuziehen.