[3] Dau = Raummaß (sehr wechselnd).

In der ganzen hiesigen Gegend bis Ping fan war seit vollen zwei Jahren kein Tropfen Regen gefallen, dementsprechend die enormen Preise, da alles angefahren werden mußte. Es waren viele Leute gestorben, viele ausgewandert, mit einem Worte, es herrschte Hungersnot; doch davon hatten die Missionare in Lantschau Fu keine Ahnung. Man sah viele Felder brach liegen: was ich zuerst von weitem für Schnee hielt, entpuppte sich als Salpeter, auch wird in hiesiger Gegend Salz gewonnen. Selbst in den tief eingeschnittenen Schluchten war kein Wasser mehr vorhanden, das wenige ganz bittere verweigerten sogar die Pferde. Unser Koch- und Trinkwasser wurde meilenweit vom Hoang Ho hergetragen; ich mußte für die Kanne Teewasser 30 Cash zahlen. Mein Mafu benutzte die Gelegenheit, um das Waschen gänzlich ausfallen zu lassen. Das Land blieb auch weiterhin bergig; man sah zuweilen Ziegen- und Schafherden; letztere sind Fettschwanzschafe, ganz weiß bis auf wenige schwarze Flecken. Die Ziegen findet man in allen Farbenschattierungen. Der Boden zeigte große Sprünge vor Trockenheit; Staub lag auf den Wegen mehr als fußhoch, man konnte sich gar nicht davor schützen. Der Verkehr war gering, nur wenige Reisende, ab und zu ein Karren mit Getreide, das war alles.

Zuweilen lag auf einem der Gipfel ein einzelnes Gehöft, wie eine Burg; es sind Mohammedaner, die sich da oben so absondern. In einem Nest, durch das wir kamen, wurde immer noch Neujahr gefeiert, beinahe so, wie bei uns zu Fastnacht. Da tanzten vier als Nachen kostümierte Leute eine Quadrille, einer mit einem Mond als Maske dirigierte mit einem Stock, je zwei Violinspieler und Trompetenbläser, Pauken, Becken und Trommeln bildeten die Musik. Der Tanz war höchst graziös und dabei doch hochkomisch. Auf einer andern Stelle tanzten zwei als Mädchen verkleidete, mit einem als "alten Mann" kostümierten eine sehr niedliche Pantomime und man sah noch viele andere hübsche Gruppen. Durch mich ließen sie sich gar nicht stören, nur meine Pferde wollten nicht vorbei; schließlich bildete die ganze Gesellschaft einen langen Zug, zog in den Ort und machte bei jedem Kaufmann solange Katzenmusik, bis dieser eine Flüssigkeit, welche der Chinese Wein nennt, herausrückte.

Abends in Tschun-tschönn-pu kamen wir in einem sauberen, hübschen Gasthof sehr gut unter. Gegen 7½ Uhr war auch hier zur Neujahrsfeier große Illumination; ich ahnte hinten in meinem Zimmer gar nichts davon, bis mich der Mafu herausrief. Der Anblick war wirklich wunderhübsch, alle Straßen waren beleuchtet, vor jedem Hause hingen in vier Felder geteilte lange Laternen, und zwar über die Straßen hinweg von Haus zu Haus, bei den Wohlhabenderen aus weißer, bemalter Seide, bei Ärmeren aus bunt bemaltem Papier. Die Tempel waren mit offen brennenden, Kreise, Zickzacklinien und chinesische Schriftzeichen darstellenden Lämpchen erleuchtet, ebenso der Mittelbau der Stadt, die hohen Stadttore und der daran stoßende Teil der Mauer. Kein Haus hatte sich ausgeschlossen. Ich habe selten eine so vollkommene Beleuchtung gesehen. Ich wanderte in Hausschuhen und Lederjacke durch die Straßen; es berührte sehr angenehm, daß man keine betrunkenen oder skandalmachenden Menschen unter der auf- und abwogenden Menge sah; jeder war vergnügt und lustig, ohne Radau zu machen. Die Kinder waren meist in Begleitung der Eltern oder vielmehr der Väter, die sie an der Hand führten. Überall wurde mir höflich Platz gemacht, und als ich einer mit Musik herumziehenden maskierten Gesellschaft aus freien Stücken einige Cash als Trinkgeld opferte, war allgemeiner Jubel. Man sieht hier so recht, was für ein friedfertiger und harmloser Mensch der Chinese ist, wenn er nicht aufgestachelt und verhetzt wird. Spät am Abend war noch großes Feuerwerk, in dem die Chinesen ja bekanntlich Meister sind.

Entlang dem Ping fan Ho ging es am nächsten Tage weiter; es ist staubig und die Gegend ziemlich flach. In der Ferne sah man hohe, schneebedeckte Berge erscheinen, es werden wohl die Berge zwischen Ping fan und Liang tschau fu gewesen sein. Beim Abreiten rissen die Stute und der Dicke aus; ich ließ nämlich in der letzten Zeit immer diejenigen beiden Pferde, die nicht geritten wurden, lose nebenher laufen, was sie bis dahin auch ganz gut getan hatten. Der Mafu konnte seines verletzten Knies halber immer noch nicht reiten oder gab es wohl nur vor, da es ihm bequemer war, auf der Karre zu fahren. Wir hatten die Pferde bald wieder, waren jedoch kaum 8 Kilometer von dem Ort entfernt, als sie in voller Karriere in den Ort, der ihnen unbedingt sehr gut gefallen haben mußte, zurückliefen. Ich ritt eiligst hinterher und fand sie, nachdem ich ungefähr eine Stunde gesucht hatte, wieder, aber der Dicke wollte nicht mit. Da Umsatteln mit den drei Tieren an der Hand nicht möglich war und die Chinesen nicht helfen wollten, setzte ich mich kurz entschlossen auf den blanken Pony und ritt in schlankem Galopp zurück. Halbwegs zur Karre traf ich den Mafu, der nun den ungesattelten Pony weiter reiten mußte, was ihm sehr wenig Spaß machte. Unterdessen hatte sich Staubsturm aufgemacht, so daß wir völlig unkenntlich um 4 Uhr in Ping fan, einem kleinen Ackerbürgerstädtchen, anlangten. Die Leute hatten gehört, daß ich einen Pony verkaufen wollte; sie kamen in mein Gasthaus und boten mir für Nepomuk 10 Taels, was mir zu wenig war. Der Mandarin schickte mir Essen, außerdem gab es wieder einmal Milch, die allerdings stark verdünnt war. Ich kaufte dann noch für die nächsten Tage, da es im Gebirge voraussichtlich nichts gab, Hafer ein.

Am 1. März morgens mußte ich erst den Karren, mit dessen Inhaber ich akkordiert hatte, durch Leute vom Yamen holen lassen; schließlich stellte sich ein offener, mit zwei wie Mastschweine fetten Ponies bespannter Karren ein. Sie stöhnten schon beim Anziehen, bewährten sich aber schließlich ganz gut. Um 9 Uhr kamen wir glücklich weg und marschierten dem Ping fan Ho entlang. Auffallend waren hier die unzählig vielen Wildtauben. In Wu-tschang-yi machten wir kurze Rast; in unserer Herberge waren zwei entsetzlich schmutzige, wandernde Lamas, die aus Lhassa kamen. Sie hatten zwei von den entzückenden "Peking-Hündchen" mit sich, die sie an mich verkaufen wollten; ich hätte sie auch ganz gern genommen, konnte mich aber jetzt mit solchen verwöhnten Tierchen nicht einlassen. Weiterhin nahm die Gegend einen steppenartigen Charakter an. Unten am Flusse waren sehr viele Fasanen, von denen ich einmal einen schoß. Auf den Berghängen weideten starke Schaf-, Ziegen-, Rindvieh- und Pferdeherden, meist alles durcheinander gemischt. Gegen 5 Uhr nachmittags fingen die großen Steppenmäuse an zu pfeifen; ich wußte zuerst gar nicht, was das eigentlich war und dachte, die Laute kämen von irgend einer Vogelart, bis ich die Tiere laufen sah. Auch hier lagen alle Dörfer in Trümmern, in denen nur die Hirten hausten; man sah kaum noch einen Acker, alles wurde allmählich wieder zur Weide. Der Sonnenuntergang war wunderschön, die mit Schnee bedeckten Berge im Westen waren ganz purpurn, dann lila, bis sie schließlich in der Dunkelheit verschwanden. Von fern hörte man die tiefen Töne der Kamelglocken und das Klingeln der Pferdeglocken, was einen feierlichen Eindruck machte. Man merkte, daß man in ein ganz anderes Land gekommen war, "die Steppe".

Am Dorftheater

Gegen Abend, es war schon vollkommen dunkel, waren wir in Za koyi. Wir suchten in allen Häusern und fanden kein Unterkommen, überall waren Mongolen mit ihren Pferden und Karren. Am kommenden Tage sollte hier Theater und großer Pferdemarkt sein; außerdem besorgten sie ihre Frühlingseinkäufe hier; ich war also gerade zur rechten Zeit gekommen. Schließlich räumte mir ein liebenswürdiger Schanguida sein eigenes Zimmer ein, so daß ich wenigstens ein Unterkommen hatte; es stieß an den großen allgemeinen Raum. Ich verhing gleich die Tür mit einem Woylach, denn auf dem allgemeinen Kang lagen mindestens fünfzehn Opium rauchende Kaufleute, und ich habe den süßlichen Geruch der Opiumpfeife nie vertragen können. In einer anderen Ecke des Hofes waren die Mongolen um ein großes offenes Feuer, mit brodelnden Kesseln darüber, versammelt. Ich wurde wie ein Wundertier angestaunt; jedoch sind auch die Mongolen freundliche Menschen. Ich bekam einen Pferdestall, etwas Stroh, Tee und zwei alte Brötchen, mehr war nicht aufzutreiben, nicht einmal ein Licht gab es. Trotz Gestank und ewigem Radau schlief ich recht gut und wurde morgens nach meiner Toilette durch die liebenswürdige Gabe einer Flasche guter Milch vom Oberlama der Mongolen überrascht. Da ich seit 24 Stunden nichts Ordentliches bekommen hatte, kann man sich denken, wie mir die Milch schmeckte.