Am Dorftheater

Wir marschierten weiter, und zwar an einem Teil der großen Mauer entlang, die sich im Grunde des Flusses dahinzieht. Sie ist hier aus Lehm, 3½ Meter hoch, nicht sehr breit und gänzlich im Zerfall; große Stücke fehlen gänzlich, die Wachttürme sind alle eingefallen; man erkennt noch von Kilometer zu Kilometer die alten befestigten Soldatenlager. Die Chinesen sagen, die Mohammedaner hätten die Mauer zerstört, letztere behaupten das Gegenteil. Ich persönlich glaube, daß keiner von beiden der Täter ist, sondern daß der Zahn der Zeit auch hier seine Macht gezeigt hat. Der Fluß bildet jetzt die Scheidegrenze; drüben, also nördlich, wohnen die Mohammedaner. Za koyi war vor dem großen Aufstand mohammedanisch, jetzt ist es ganz chinesisch. Die Mohammedaner sind damals hinausgeworfen worden, wie mir die Chinesen schadenfroh erzählten. Merkwürdig ist es eigentlich, daß zwischen Mohammedanern und Konfuzianern sich derartig scharfe Unterschiede herausgebildet haben; im Aussehen sind sie überhaupt nicht auseinanderzuhalten.

Heute strömte alles zum Theater, meist reitend, und in was für einem Tempo! Hier konnte man allerdings Paßtraber sehen, bei denen ein galoppierendes Pferd, um mitzukommen, schon guten Mittelgalopp laufen müßte. Die meisten Pferde waren sehr hübsch aufgeputzt, mit Schleifen in Mähne und Schweif, mit Silberbeschlag am Sattel und am Zaumzeug, bei manchen waren die Schweife in einen dicken Zopf geflochten, die Mähne in viele kleine Zöpfe. Die Weiber der Mongolen, wie die Männer reitend, tragen das Haar gescheitelt, in der Mitte und zu beiden Seiten in viele kleine Zöpfchen geflochten und in diese auf beiden Seiten einen 15 Zentimeter breiten, bis zu den Füßen reichenden Behang mit verschiedenen Querverbindungen eingeflochten. Letzterer ist teils mit kleinen Muscheln, teils mit Messingzieraten, selbst mit Korallen und Silber reich bestickt. Wie die Männer tragen sie Mützen aus Fuchspelz, hinten mit zwei langen, fliegenden Bändern, außerdem hohe, lederne Stiefel; das Ganze sieht sehr hübsch aus, nur sind sie zu schmutzig. Sie hatten gar keine Scheu vor mir, nur das Photographieren litten sie nicht, während sich die Männer dazu drängten.

Gefährliche Passage im Wu schy ling schan

Ich sah unterwegs Pferde einbrechen. Erst wurden sie gefesselt, nachdem sie aus der Herde eingefangen waren; dann wurde ihnen die Trense aufgelegt; man hielt ihnen dazu das Gebiß so lange vor die Lippen, bis sie danach bissen, dann hatten sie die Trense sicher im Maul. Nun kam ein Junge darauf, der wie eine Klette festhing; zwei Leute führten das Pferd und longierten es an einem langen Strick, bis es müde war, dann ritt es der Junge ohne Longe weiter. Die meisten Pferde benahmen sich hierbei sehr vernünftig.

Wir hatten scharfen Nordwest, so daß man trotz 25 Grad Wärme in der Sonne fror. Mittagsrast machten wir in Tsing-hsiang-pu, wo es wieder prachtvolle Milch gab, dann mußten wir über den Fluß, was bei jedem der verschiedenen Arme desselben einen Auftritt mit dem Pony gab, welcher in der Karre als Têtenpferd zog. Ich ritt schließlich immer vorn weg, der Führer den Pony im Geschirr hinter mir her, während der Mafu auf der Karre die Peitsche handhabte. Der Weg ging dann, den Fluß verlassend, in die Berge. Das Tal sperrt auf jeder Flußseite eine Befestigung; die nördliche ist mit achtzig Soldaten besetzt. Auch die große Mauer kreuzt den Fluß und geht ebenso wie der Weg in die Berge. Schon als wir noch im Tal waren, kam von Nordwesten ein weißer, dichter Nebelschleier über die hohen Bergspitzen, und im Begriff, den steilen Paßweg zu ersteigen, war der Staubsturm da, einer von denen, die den Sand schon in der Luft mitbringen und nicht erst aufwirbeln. Die Sonne verschwand bald und wurde nur zeitweilig wie ein roter, glanzloser Ball sichtbar. Übrigens ist die hiesige Gegend wegen ihrer auffallenden Temperaturschwankungen und Staubstürme berüchtigt. Das Thermometer fiel sofort bis 0°C und hielt sich darauf. Mir war höchst unbehaglich zu Mute, die Milch war zu kalt gewesen und wirkte reißend. Weder für die Fasanen noch für Steinhühner hatte ich Augen, dafür aber scheußliche Bauchschmerzen. Gegen 3¾ Uhr waren wir oben; ein Tempel krönte auch hier den Paß. Leute kamen uns mit einem mächtigen toten Wolfe entgegen, der in der letzten Nacht im Dorfe jenseits des Passes erschlagen worden war.

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