Bergab ging es nun schneller, aber wir hatten den Wind gerade von vorn. Die Bäche waren alle aus den Ufern getreten und ganz gefroren; sie sahen aus wie Gletscher und waren beim Überschreiten recht unangenehm. Am Abend langten wir in dem von hohen Bergen eingefaßten Lung-go-pu an. Nördlich liegt der Ho-di-wan-schan, südlich der Scha-tsui-tai-schan, der Paß, den wir hinter uns hatten, heißt der Wu schy ling. Die steilen Abhänge zeigten rötliche Farbe, vereinzelt sah man kleine Waldparzellen. Der Lung-go-pu-ho, der in das Liang-tschau-sui fließt, war offen und hatte ziemlich viel Wasser; unterwegs trieb er viele Mühlen. Das Unterkommen machte wiederum große Schwierigkeiten, da alle Gasthäuser besetzt waren; schließlich mußten wir sämtlich mit einem kleinen Zimmer vorlieb nehmen. Der Wirt hatte einen europäischen Nachttischleuchter, den er auch gleich herbeibrachte; wie mag dieser nur hierher gekommen sein! Nachdem ich einen Riesentopf voll Reis gegessen hatte, wurde mir abends wohler, so daß ich noch die größte Lust hatte, auf Wolfsjagd zu gehen, jedoch war kein Chinese zu bewegen, sogar für Geld, als Führer mitzukommen.

Der Wind hatte am Morgen des 3. März aufgehört, der Himmel war noch halb bedeckt und es herrschte eine Kälte von minus 9 Grad. Es ging im Tal weiter abwärts, und da der Fluß unterhalb noch teilweise gefroren war, mußte man beim Überschreiten sehr vorsichtig sein, um nicht in eines der Löcher zu fallen. Dort, wo die kleinen Nebenflüsse mündeten, war der Übergang über das Eis sehr schwierig. Ich sah einen Maultierkarren dabei ins Rutschen kommen und gleich fünfzig Schritte abwärts sausen; wir kamen überall glatt hinüber. Die Mauer begleitete uns rechts über die Berge. Mitten am Wege steht ein kolossaler Felsblock, auf den die meisten Vorübergehenden mit Steinen anschlagen, so daß der Stein über und über von den kleinen Anschlagstellen weiß ist, es soll gegen Krankheit helfen. Der Stein weist auch mehrfach alte, fast verlöschte Inschriften auf. Gegen Mittag wandte sich das Tal nach Norden zu und man hatte einen Einblick in die unermeßliche Ebene; das Tal wird von einer Sperrfestung, Gulang Hsien, abgeschlossen, bis wohin unsere Karre verpflichtet war.

Gegen 11 Uhr vormittags langten wir dort an. Ich sandte meinen Mafu mit Visitenkarte und Paß zum Yamen, wo man ihn ungefähr zwei Stunden warten ließ und mit dem Bescheide zurückschickte, der Yamen gäbe heute keine Karren. Ich versuchte nun selbst eine solche zu mieten, fand aber nur Ochsenkarren. Daher schickte ich den Mafu nochmals zum Yamen, um unter Hinweis auf den Paß und unter der Erklärung, daß ich keinen Karren bekommen könnte, ihn zu bitten, mir beim Mieten eines solchen behilflich zu sein. Man ließ den Mafu wiederum 1½ Stunden warten, dann kam er in Begleitung eines Schreibers zurück, der nicht gerade sehr höflich war und mir erklärte, der Yamen gäbe keine Karren, sein Herr wünschte jedoch meine Photographie zu haben. Ich wies das Ansuchen und den Mann zurück, der mich vollkommen als seinesgleichen behandelte, obwohl er meinen Paß gesehen hatte. Ich sandte den Mafu nun zum dritten Male zum Yamen und ließ ihn um die Visitenkarte des Beamten ersuchen; man hatte mir dieselbe nicht mitgesandt. Die Leute in der Stadt hatten mittlerweile gehört, daß die hohe Obrigkeit mich schlecht behandelte, und jetzt weigerten sich selbst die Ochsenkarrenführer, zu fahren. Ich verfügte mich nun selbst zum Yamen, meinen Mafu mit meiner Visitenkarte vorausschickend, um mich anzumelden. Da es mir zu lange dauerte, bis er zurückkam — der Mafu hatte augenscheinlich Angst vor dem chinesischen Beamten —, ging ich selbst hinein, wo ich eine Gerichtssitzung vorfand. Die Diener wollten mich sofort hinausweisen; da ich durchaus nicht beabsichtigte, die Gerichtssitzung zu stören, ging ich in einen Nebenraum rechter Hand. Dort schrien mich sofort Schreiber und Bediente auf die unverschämteste Weise an. Nachdem ich mir dieses sehr energisch verbeten hatte, legte ich noch einmal meinen Wunsch klar; man antwortete mir, ich solle warten, bis der Beamte mich empfangen würde. Da dies wahrscheinlich mehrere Tage gedauert hätte, antwortete ich, daß ich nicht eher den Yamen verlassen würde, als bis man mir das Mieten einer Karre ermöglicht hätte. Nun merkten die Leute, daß ich Ernst machte und gaben mir daraufhin zwei Diener mit, die den ersten des Weges kommenden, Dünger fahrenden, mit einem elenden Pony bespannten Karren zwangen, in den Hof meines Absteigequartiers mitzukommen. Der Führer spannte dort sofort aus und war nur durch doppelte landesübliche Bezahlung im voraus zu bewegen, zu fahren. Um überhaupt vorwärts zu kommen, war ich gezwungen, später Nepomuk in die Karre einzuspannen. Da mir das Benehmen des Beamten doch zu unverschämt erschienen war, sandte ich über dieses Erlebnis einen Bericht an die kaiserliche deutsche Gesandtschaft nach Peking; außerdem schrieb ich es meinem Freunde Goo-ta-jen nach Hsi Ngan Fu. Ich glaube, daß besonders der letzte Brief seine Wirkung nicht verfehlt haben wird, da Goo-ta-jen mir sehr wohlgesinnt war und genug Einfluß hat, um die schlechte Behandlung eines mit Regierungspaß reisenden fremden Offiziers zu sühnen. Ich war schließlich so in Wut gebracht, daß ich am liebsten einen verhauen hätte. Die Chinesen amüsierten sich über meinen Ärger ungemein.

Es war natürlich sehr spät geworden, bis wir unser beabsichtigtes Nachtquartier Schan-ta-tschwang erreichten; denn in dem ungastlichen Gu lang Hsien wollte ich keinesfalls bleiben. Wieder einmal gab es nichts zu essen, und auch am 4. März morgens mußten wir hungrig abziehen, da ich sehr früh aufbrach, um zeitig nach Liang tschau fu zu kommen. Der Weg war mehr als schlecht, die Felder lagen brach und die Dörfer waren zerstört. Unterwegs trafen wir den Liang tschau fuer Taotai, der mit großem Gefolge nach Lantschau Fu reiste, um dem Vizekönig dort seine Aufwartung zu machen. In Liang tschau fu angekommen, versuchten wir erst, im Innern Unterkunft zu finden; wir fanden jedoch kein großes Gasthaus, mußten umkehren und kamen dann außerhalb, dicht am Osttor, das Sven Hedin in seinem Werk abgezeichnet hat, ganz gut unter. Ich nahm die übliche große Reinigung mit mir vor und ging dann zur Mission, um mein Paket und die Briefe abzugeben. Ich wurde dort auf das Liebenswürdigste empfangen und blieb ungefähr eine Stunde. Liang tschau fu ist recht groß und hat ganz chinesische Bevölkerung, ohne Mohammedaner; Mongolen sieht man hier nicht. Die Mandschustadt liegt 2½ Kilometer außerhalb, abgesondert für sich; dort führen die Mandschus ihr faules Dasein, nichtstuend und noch vom Staate unterstützt. Ich packte am Abend mein gesamtes Zeug um und hielt Generalrevue über die Vorräte ab, um die für die Wüstenreise nötigen Einkäufe zu machen. Mein Mafu mußte dann Kochtöpfe, Lichte, Reis, Mehl, Zucker, Salz, Brot etc. etc. besorgen. Der Betrieb in den Straßen war sehr lebhaft.

Ich erkundigte mich über die Mission, oder vielmehr es kamen Chinesen zu mir, die sich bei mir über die Mission unterrichten wollten. Sie erzählten mir, daß die protestantischen Missionare so gut wie gar keinen Erfolg haben, während die katholischen, die außerhalb wohnen, eine feste Stellung besitzen und zu ihrer Gemeinde Chinesen gehören, die schon in der fünften Generation sich zum christlichen Glauben bekennen. Die Missionare verschiedener Bekenntnisse verkehren gar nicht untereinander, und die Chinesen fragten mich nun: "Sage einmal, wer hat von den beiden recht? Der katholische Missionar sagt: dasjenige, was der protestantische Missionar predigt, sei falsch, und der protestantische in der Stadt behauptet wieder das Gegenteil." Ich mußte ihnen die Antwort darauf schuldig bleiben. Am 5. März, 8 Uhr, war ich zum Frühstück in der Mission eingeladen und mußte der Andacht der Missionare und schließlich noch der Andacht mit drei Chinesen beiwohnen, die bestimmt sind, dereinst Christen zu werden. Es waren Bediente aus der Mission, die wahrscheinlich, sobald sie diese verlassen, gar nicht daran denken, Christen zu werden oder zu bleiben, sondern jetzt nur heucheln. Die Andacht wurde im englischen Stil abgehalten und reihum ein Kapitel aus der Bibel gelesen. Da jeder sich natürlich seinen Absatz vorbereitend ansah, um nachher beim Vorlesen keine Fehler zu machen, fehlte die Andacht vollkommen. Darauf hielt einer der Missionare eine kurze Predigt über das Gelesene, und der Schluß war ein von einem der Chinesen gesprochenes endloses Gebet, bei dem man knien mußte. Die Mission besitzt hier einen schönen Yamen mit reichlich genügendem Raum, darunter zwei Betsäle und Wohnräume. Die Räume sind einfach und geschmackvoll eingerichtet, nur die Christen fehlen.

Ich hatte meinen Mafu wieder einmal ausgeschickt, um Nepomuk, dessen Widerristdruck aufgegangen war, zu verkaufen. Er fand einen Chinesen, mit dem ich nach einiger Zeit für zwölf Taels handelseinig wurde. Jetzt sollte also der gute Nepomuk nach Hsi Ngan Fu zurückwandern; seinen neuen Besitzer biß er als erste Begrüßung gleich in den Arm. Später brachte mir der Mafu anstatt der zwölf Taels Verkaufsgeld für den Pony nur zwei Taels in bar und für zehn Taels Arzneien; er behauptete, daß der Käufer kein Geld hätte. Ich wollte ihm sofort auf die Bude rücken, mittlerweile war aber das Tor geschlossen worden und der Kerl natürlich längst entwischt; alles Schimpfen half nichts; der Mafu begriff mich übrigens nicht und behauptete, wir würden später 60 bis 80 pCt. an den Latwergen verdienen. Da mein Mafu immer noch nicht reiten konnte oder wollte, schaffte ich vorläufig keinen neuen Pony an und sparte dadurch eine Menge Futterkosten.

Nepomuk in Liang tschau

Abends besuchten mich Chinesen, die auch nach Tsin-Tsiang reisten; sie kamen aus Hunan bzw. Hupeh und gingen nach Maralbaschi, welches ich später auch zu berühren gedachte. Mein Mafu war mit der neuen Reisegesellschaft sofort sehr einverstanden, während ich vermutete, daß die Chinesen sich meiner nur als Beschützer in den unsicheren Gegenden versichern wollten. Der Yamen hier riß sich die Beine für mich aus. Der Mandarin war von meinem Vorfall in Gu lang Hsien unterrichtet worden, hatte denselben sehr bedauert und war nun doppelt entgegenkommend und liebenswürdig gegen mich. Schließlich kaufte ich noch einen Sack Kartoffeln und ein großes Stück Butter mongolischen Ursprungs, das mir in einem Kuhmagen angebracht wurde.