Alles ging am 6. März morgens ausnahmsweise glatt von statten. Der Karren war zur Zeit da, der Geschäftsführer war mit seinem Gelde zufrieden und ich hatte sehr gut geschlafen. Wir zogen erst mit einem Gefolge von ungefähr zehn Yamenmenschen, nach chinesischer Sitte immer einer hinter dem andern reitend, ich in der Mitte, was sich sehr prunkend ausnahm, durch die ganze Stadt. Als wir zum Westtor kamen, hatten sich aber alle, bis auf einen einzigen, verkrümelt; es fand sich schließlich noch ein berittener Beamter ein, der mich sofort nach meinem alten Rennfreunde, Felix Boos, fragte. Er hatte ihn vor Jahren in dieser Gegend begleitet. Zuerst ging es durch unendliche Gräberfelder, jedes Grab ein kleiner Steinhügel, dann durch die langweilige, über und über mit Steinen bedeckte Ebene, bei weitem der schlechteste und für Mann und Pferd ermüdendste Teil der ganzen bisherigen Reise. Man kam nur sehr langsam vorwärts, und meinen armen Tieren taten die Beine sehr weh, was sich in Se-sche-li-pu während der Mittagsrast dadurch äußerte, daß sie beim Füttern fortwährend hin- und hertraten. Abends in Fung lo pu trafen auch unsere neuen Freunde von gestern Abend ein, für die der Mafu schon ein Zimmer reserviert hatte. Er hatte ein auffallendes Interesse an diesen Leuten.
Weiter am 7. März durch öde, steinige Gegend; links lagen hohe Berge; wir mußten schon nach 15 Kilometern rasten, da es auf dem ganzen ferneren Weg kein Gasthaus gab; der Ort hieß Baba. Es war trotz der 30 Grad Celsius in der Sonne kalt und man fror. Die Berge südlich verschwanden allmählich in einer dicken schwarzen Wolkenwand. Auch die Sonne verschwand, nur nördlich war noch ganz klarer blauer Himmel. Allmählich wurden rechts und vor uns Hügelreihen sichtbar; wir marschierten wieder im Steppengelände mit dicken Grasbüscheln. Der Weg war immer noch schlecht, auf der Karre schlief alles, alle paar Minuten mußte ich die Gesellschaft anrufen, sonst wären wir überhaupt nicht mehr von der Stelle gekommen. Die einzeln liegenden Höfe waren auch hier festungsartiger als früher, mit an den Ecken vorspringenden Türmchen und einem getrennt liegenden, mehrstöckigen, hohen, zur Verteidigung bestimmten Wartturm.
Gegen 4½ Uhr langten wir in Yung chang Hsien an. Gleich hinter den Toren rief mir ein Mann ein paarmal "Yang quetze!" (fremder Teufel) nach. Ich stieg ab, ging hin und verwies es ihm, woraufhin er mich mit der Faust vor die Brust schlug. Leider war er an den Falschen gekommen, denn ich boxte ihm sofort einige Abfuhren ins Gesicht, so daß er unter dem Gelächter der sich allmählich versammelnden Leute blutend abzog und den Mund hielt; wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wir kamen in einem Gasthaus unter, in dem für irgend ein erwartetes hohes Tier mehrere Zimmer tadellos hergerichtet waren. Der Mandarin des Ortes schickte sofort Lichte und Tee, und versprach auch Essen zu schicken, leider kam nichts. Man hatte zuerst angenommen, die erwartete Exzellenz wäre angekommen, was aber nicht der Fall war, auch der Tee und die Lichte waren für die hohe Persönlichkeit bestimmt gewesen, ebenso die schöne Einrichtung der Zimmer. Als die Yamenleute nun merkten, daß nicht der Mandarin, sondern ein Europäer gekommen wäre, schnitten sie mich gänzlich. Ich sandte den Mafu zum Yamen mit der Aufforderung, den Mann, der mich beschimpft hätte, zu bestrafen, im gegenteiligen Falle würde ich den Vorfall sofort nach Peking melden. Wie ich später hörte, hat der Bambus an demselben Abend noch nützliche Arbeit getan.
Bei sturmartigem Nordost ging es am 8. März weiter. Der Himmel sah nach Schnee aus. Um 9 Uhr fing es an zu schneien, erst wenig, dann schärfer, der Wind nahm zu, kam aber, Gott sei Dank, von rückwärts; es war schließlich ein richtiger Schneesturm. Wie der uns begleitende Mann vom Yamen den Weg in der Steppe fand, ist mir unklar. Gegen 2 Uhr wurde der Wind schwächer, der Schnee blieb liegen, denn es schneite erheblich stärker. Gegen 3 Uhr waren wir am Ziel, und es war gänzliche Windstille eingetreten.
Im Schneesturm zogen große Mengen von Wildgänsen südwestwärts. Im Liang-Tale pirschte ich mich vergeblich an Enten heran, des Schneetreibens wegen war mir der Schuß zu unsicher. Es soll hier schon viele Antilopen geben, aber trotzdem ich den Leuten für die Führung ein ganz ansehnliches Trinkgeld bot, wollte mich keiner begleiten; der Chinese ist eben gänzlich ohne Passion für die Jagd. Unterwegs sahen wir zweimal Füchse. In unserm Gasthause trafen wir anscheinend wohlhabende Kaufleute aus Hami; zuerst taten sie sehr vornehm und zurückhaltend, aber sowie mein Thermometer draußen hing, war alle Vornehmheit wie weggeblasen, und die chinesische Neugierde überwog alle Selbstbeherrschung. Am 9. März war herrlicher, klarer Himmel und draußen eine große Schneefläche, aus welcher nur die Spitzen der hohen Steppengrasbüschel vorguckten. Die andern Fuhrleute wollten nicht fahren, nur der meinige kannte mich schon so weit, daß er meinem Befehl, abzurücken, nicht zu widersprechen wagte. Es ist mir stets geglückt, meine Chinesen schnell an unbedingten Gehorsam zu gewöhnen. Hatte mein Mafu einmal einen Befehl von mir erhalten, so wußte er schon, dann gab es keine andere Möglichkeit, als zu gehorchen. Der Schnee lag ungefähr dreiviertel Meter hoch und ging bis an die Achsen. Zuerst streikten die Tiere; manchmal blieben wir auch stecken, oder eines der Räder fiel in ein tiefes Loch, aber es ging doch. Der Weg war natürlich nicht zu erkennen, man fuhr eben einfach den hohen, weithin sichtbaren Meilensteinen entlang. Ich fror schauderhaft an den Füßen und kroch auf die Karre, um mich in den Decken etwas zu erwärmen.
Der Dicke benutzte die Gelegenheit, um sich gesattelt, samt Mauserpistole, im hohen Schnee zu wälzen. Wir waren gerade damit beschäftigt, den Pony möglichst eindringlich auszuschimpfen, was ihn nebenbei gar nicht rührte, denn er trottete abseits und wälzte sich auf der andern Seite, wo das Jagdmesser hing, als der Karrenführer in aller Gemütsruhe sagte: "Lauye, chuang yang!" (Herr, Antilopen). "Wo?" Ich war wie elektrisiert, sah aber in der angegebenen Richtung zuerst nichts. Diese Kerle haben eben Falkenaugen. Ich ließ den Zeiß auspacken und entdeckte nun vielleicht 3000 Meter entfernt sechs Antilopen, gegen welche ich sofort losziehen wollte, aber der Karrenführer meinte, vor uns wären noch sehr viel mehr, also Ruhe und weiter. Unterdessen wurden Karabiner und Munition ausgepackt, und bald wurden links von uns wieder sechs Antilopen sichtbar. Ich ging nun los, mich wie ein Indianer in dem offenen, sehr wenig Deckung bietenden Gelände heranpirschend. Die Sonne war schon hoch und ich schwitzte wie ein Reserveoffizier bei der Sommerübung; meine hohen Filzstiefel waren mit Schnee gefüllt und ebenso die Ärmel, infolge des Herunterrutschens über die Abhänge, die ich einfach sitzend auf meinen lederbesetzten Reithosen nahm. Wir mußten schon dicht heran sein, als links von uns ein Rudel, das wir nicht bemerkt hatten, in voller Flucht abging, leider mit der Wirkung, daß das unsrige auch absprang; ich zählte 22 Stück. Als sie auf fünfhundert Meter in einem dichten Haufen standen, hielt ich einmal hin; es war aber zwecklos, denn ich fehlte natürlich. Nun ging es wieder zur Karre, wobei ich zu meinem Schaden die Beobachtung machte, daß das Gelände doch nicht so offen war, wie es von weitem aussah. Eine nordsüdlich laufende Schlucht folgte der andern, alles schneeverweht. Ich war ziemlich erschöpft, sah aber meinen Mafu schon von weitem, aufgeregt winkend, auf der Karre stehen. Auf der andern Wegseite, vielleicht 1500 Meter entfernt, stand nämlich ein Rudel von mindestens 100 Köpfen. Ich kostümierte mich schnell leichter, indem ich den Rock abwarf, bestieg einen Pony und ließ mich erst einmal von einem der Soldaten bis an die große, hier meist in Trümmern liegende Mauer führen. Dort legte sich der Pony mit mir in ein tiefes Schneeloch, was mir einige blaue Flecke eintrug und dem Karabiner nicht sehr dienlich war. Auch hier war das Heranpirschen äußerst schwierig, da das ganze Rudel auf freiem Felde stand und alle Deckung bietenden Gräben in diesem Tale nordsüdlich zu verlaufen schienen, so daß man sehr schwer herankommen konnte. Ich arbeitete mich vorwärts, solange es ging, dann schätzte ich die Entfernung über freies Feld immer noch auf 600 Schritt. Mir war der Schuß zu schwer, außerdem hatten die Antilopen mich auch schon eräugt und flüchteten, lange, schwarze Streifen im Schnee zurücklassend. Es sah aus, als ob eine Schwadron über das Feld gezogen wäre, so viele waren es.
Ich ging zum Pony zurück und dann zur Karre, wo der alte chinesische Führer meinte, zu Pferde oder zu Fuß würde ich nie eine Antilope zu Schuß bekommen. So gehe es allen, die es auf diese Weise versuchten. Die Mongolen führen in einem kleinen Ochsenwagen heran und schössen dann aus der Karre, aber so lange der hohe Schnee läge, käme man überhaupt nicht heran. Warum, leuchtete mir zwar nicht ein, wahrscheinlich nur, weil bei Schneewetter bekanntlich kein Chinese ohne Not die Nase zur Tür hinaussteckt.