Einmarsch in ein Dorf in Kansu
Wir fuhren weiter und kauften in einem elenden Nest einige Eier zum Frühstück. Es gab hier nicht einmal Wasser zum Tee, dieses mußte erst von weither geholt werden; jetzt schmolzen sie den Schnee zu Wasser und kochten damit. Je weiter nordwestlich wir kamen, desto geringer wurde der Schnee. Über Mittag hatten sich die Berge mit einem dichten weißen Wolkenschleier auf halber Höhe bedeckt, was höchst merkwürdig aussah. Als wir gegen drei Uhr das Gebirge vor Dsia kau yi durchschritten, waren die Berge rechts und links fast schneefrei, während die schneebedeckten Spitzen hinter uns blieben. Gegen vier Uhr waren wir im Dorfe. Mein Gewehrputzen lockte eine große Volksmenge zusammen; ich machte dabei die unangenehme Entdeckung, daß das Gewehröl ausgelaufen war, Schweinefett mußte aushelfen. Meine Reisebegleitung aus Liang tschau fu hatte heute einen großen Zank im Hause, in dessen Verlauf man eine Mustersammlung chinesischer Schimpfworte zu hören bekam. Ich dachte: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich; morgen werden sie wohl alle wieder gut Freund sein. Vielleicht kam die schlechte Laune daher, daß das Antilopenfleisch, auf das man sich schon gespitzt hatte, ausgefallen war. Mir ging es ebenso, ich hätte auch anstatt des ewigen Reis ganz gern einmal Antilopenfilet gegessen, doch was nicht ist, kann ja noch werden.
Ich ging mit einem Soldaten am 10. März früh weg, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nichts, bis der Wagen uns einholte. Dieser fuhr heute so schnell, daß ich mich lieber anschloß, denn was die Augen des Soldaten entdeckten, das sahen mein Mafu und der Karrenführer schon lange. Leider zeigte sich nichts. Hier war der Schnee schon ganz verschwunden, die Schneewasser kamen in kleinen Bächen von den Bergen; an jeder der schmalen, tief eingeschnittenen Rinnen gab es einen Kampf mit dem Dicken, der stets Versuche machte, zu streiken. Wir kamen in eine Gegend, wo Reis angebaut wurde und die Bauern gerade dabei waren, ihre Felder zu überschwemmen. Daß sie dabei den Weg mitbewässern, scheint ihnen ganz gleichgültig zu sein.
Heute war ein ereignisreicher Tag. Wir waren nach der Mittagspause in einem breiten steinigen Tale nach Nordwesten weitergeritten, stets Schneewasser führende Rinnen kreuzend. Links von uns sah ich plötzlich bei einer großen Schafherde ein Gewühl von Körpern, welches ich anfangs für eine große Hundeschlacht hielt. Erst beim Näherkommen entdeckten wir, daß fünf Hunde sich mit elf großen Wölfen um ein Schaf bissen, scheinbar zum Nachteil der in der Minderheit befindlichen Hunde. Und das am hellichten Tage, eigentlich direkt an der Landstraße. Die drei Schafhirten hatten vorsichtshalber die Herde zwischen sich und die Wölfe gebracht. Ich zog sofort meinen schweren Rock aus und machte den Karabiner fertig. Die Wölfe waren durch das Halten der Karre stutzig geworden und trabten im Rudel ab, das Schaf war tot, die Köter bellten hinterher. Mir war die Entfernung schon zu weit zum Schuß; ich ließ daher schleunigst die Stute satteln und galoppierte in Rennpace los. Die Witwe ging prachtvoll und nahm die vielen kleinen Gräben und Feldereingrenzungen, als ob es ein richtiges Hindernisrennen wäre. In weniger als einer halben Minute hatte ich die Wölfe in Sicht, sie drehten sich von Zeit zu Zeit um, um zu sehen, was da so schnell angesaust kam. Ich konnte das Pferd, das sehr passioniert ging, mit der dünnen Trense nicht so schnell bremsen und war plötzlich mitten zwischen den erstaunt stehenbleibenden Wölfen. Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben. Die Witwe stand, spreizte alle Viere von sich und schnob die ebenso erschrockenen Tiere an. Ich war wie der Wind herunter, und im nächsten Augenblick wälzte sich, nicht zehn Schritt entfernt, ein Wolf mit Blattschuß am Boden; die andern teilten sich in zwei Parteien und galoppierten ab. Ich saß auf, hatte sie nach tausend Meter wieder eingeholt und schoß einen waidwund. Er lag und ich wollte ihm nun den Fang geben. Die Witwe hatte es vorgezogen, mit meinem großen Jagdmesser am Sattel wegzulaufen; ich hatte also nur einen kurzen Nicker bei mir, und jedesmal, wenn ich die wütend um sich schlagende Bestie abfangen wollte, schnappte sie derartig nach mir, daß ich es lieber unterließ. Einen festen Biß über den rechten Ärmel und über die rechte Hand hatte ich aber doch weg. Ich ging nun zurück und sah bald, in vollster Fahrt durchgehend, meinen Mafu am Horizont erscheinen. Er konnte die gute Australierin, die in der letzten Zeit nichts getan hatte, nicht halten; ein so edles Pferd ist doch ein anderes Tier als ein Pony. Schließlich geriet er in meiner Nähe in ein tiefes Reisfeld und konnte das Pferd stoppen. Ich ritt nochmals zum ersten geschossenen Wolf und sagte herbeieilenden Hirten, ihn nach der großen Straße zur Karre, die man am Horizont herankommen sah, zu bringen. Den zweiten Wolf fand ich nicht wieder, er mußte sich in eine der unzähligen tiefen Wasserrinnen verkrochen haben.
Ich ging nun, schräg abschneidend, auf Schan tan Hsien zu nach der großen Straße oder nach dem, was man hier große Straße nennt, und wartete auf die Karre, die bald heranrollte. Von Westen her kam Staubsturm auf, die Sonne verschwand und es wurde bitter kalt. Schon von weitem rief mir der Führer zu: "Lauye, dein Rock ist weg!" und richtig hatte die Gesellschaft meinen schönen schweren Winterrock verloren, der meinen Füllfederhalter, Bleistifte, mein Notizbuch mit einer Unmasse wichtiger Notizen, kleiner Karte, Grundriß- und Ansichtszeichnungen, Visitenkarten, Patronen, Taschenbuch usw. enthielt. Ich sandte sofort alle zur Verfügung stehenden Leute zurück. Sie hatten entsetzliche Angst, da sie annahmen, ich würde sie nun totschießen, und machten, einschließlich der beiden Kavalleristen, unter Beteuerung ihrer Unschuld, fortwährend Kotau. Dann galoppierte ich selbst bis zu dem Dorfe zurück, wo wir gefuttert hatten, unterwegs jeden Karren, jeden Menschen anhaltend und ausfragend; nichts war wiederzufinden. Leute erzählten mir, daß ein des Weges kommender Reiter den Rock aufgenommen hätte und eiligst nach Süden, auf die Berge zu abbiegend, fortgaloppiert wäre. Meine beiden Kavalleristen schickte ich nach Dsia kau yi zurück, um dort zu suchen; natürlich sind sie nie hingeritten.
Als ich, zurückkommend, kurz vor der Karre anlangte, brach die arme Stute unter mir zusammen mit allen Zeichen einer schweren Kolik; das war ausgerechnet das, was mir noch fehlte. Der Tag verdiente einen roten Strich im Kalender. Ich saß sofort ab, brachte das Pferd noch glücklich bis zur Karre und tat dann alles, was irgend möglich war; das arme Tier warf sich mit solcher Gewalt, daß es gar nicht zu hindern war; ich setzte nicht mehr viel Hoffnung auf sein Wiederaufkommen. Nach und nach stellten sich, bis auf den Karrenführer, alle wieder, ohne den Rock, ein und taten derartig dumm und ängstlich vor dem sich vor Schmerzen krümmenden Tiere, daß ich vollends die Laune verlor. Um 3½ Uhr setzte sich der trübselige Zug in Bewegung. Erst beim Abmarsch bemerkte ich, daß die Chinesen die allgemeine Aufregung benutzt hatten, um den Wolf, der neben der Karre gelegen hatte, auch zu stehlen. Trotz meiner recht traurigen Stimmung mußte ich doch über die freche Gesellschaft lachen. So gings weiter, voran die Karre, dann ich, das Pferd führend, und dahinter der Mafu mit einer langen Peitsche, um das Werfen zu verhindern. So gelangten wir allmählich um 6 Uhr, gegen den Staubsturm ankämpfend, nach Schan tan Hsien. Als wir eintrafen, hatten sich die Schmerzanfälle gemindert, das Tier erleichterte sich und ich schöpfte wieder Hoffnung. Schließlich fraß es etwas und nahm Wasser; ab und zu kam noch ein Anfall, dann legte es sich um 8½ Uhr hin und war, soweit ich die Lage beurteilen konnte, gerettet. Mir war es schon lieber, meinen Rock und die übrigen Sachen zu verlieren, als die gute Witwe Bolte, die mir doch sehr ans Herz gewachsen war. Ich saß traurig neben dem Tier in der steinernen Krippe, fror dabei scheußlich und hatte Hunger. Den Mafu hatte ich, um nichts unversucht zu lassen, nach dem Yamen geschickt, um Unterstützung zu erbitten. Der Mandarin schickte sofort seine 30 Kavalleristen aus und versprach, alles zu tun, leider gänzlich ohne Erfolg, woran ich nie gezweifelt hatte. Um neun Uhr kam der Mandarin selbst angeritten; ich mußte auch noch den Liebenswürdigen spielen, opferte eine Schachtel Schokolade, die ganz verschwand und hörte dazu — recht widerwillig — die guten Ratschläge des übrigens sehr freundlichen Chinesen an, der mich trösten wollte. Später stellte sich auch noch der gänzlich verängstigte Karrenführer ein; natürlich ohne den Rock. Er machte einen Kotau nach dem andern unter entsetzlichem Geheul, da er annahm, daß es jetzt Prügel setzen würde. Schließlich brachte er mir als Ersatz seinen alten Lausepelz angeschleppt, den ich dankend ablehnte. Um 10½ Uhr nahm der Beamte Abschied, mit der recht deutlichen Anspielung, daß ihm eine Taschenuhr als Geschenk nicht unangenehm sein würde; ich versprach ihm meine zweite, kurz vorher zerbrochene Nickeluhr, falls ich meine Sachen wiedererhielte.
Der Stute ging es am 11. März morgens gut, sie hatte sich wieder ganz erholt, war aber natürlich sehr abgefallen. Ich schrieb im Laufe des Vormittags Briefe an die Missionare im Lantschau Fu, Hsi Ngan Fu und Liang tschau fu, um sie von dem Verluste des Rockes in Kenntnis zu setzen, da ich es nicht für ausgeschlossen hielt, daß er an einem dieser Plätze zum Verkauf angeboten werden würde. Um 12 Uhr kam die mit nur einem Pony bespannte Karre; das andere Pferd sollte an einem Hause am Wege stehen, was mir merkwürdig vorkam. Der Mandarin erschien auch wieder, natürlich nur wegen der Uhr; da aber der Rock nicht wieder eingetroffen war, gab es auch keine Uhr. Mitten auf der Straße im Ort ließ uns der Karrenführer stehen und war sofort in der Menge verschwunden; der Mandarin drückte sich hinten weg, da er voraussah, daß es nur Zank geben würde. Ich ließ den Mafu sich einige Zeit mit der Gesellschaft herumzanken, dann griff ich ein, stellte fest, wo das Pferd sein sollte, und holte es aus dem Misthofe, in dem es stand, heraus. Es ging nur auf drei Beinen, aber das genügt ja beim chinesischen Pony. Ich ließ anspannen, immer noch ohne Karrenführer. Die Menge um mich herum lachte mich aus, da sie jedenfalls erwartete, mich bald hilflos dastehen zu sehen. Ich aber fragte gar nicht mehr viel, sondern fuhr einfach mit dem Mafu los und hatte sofort die Lacher auf meiner Seite. Der neue Führer kam nun schleunigst zum Vorschein. Er hatte, wie mir der Mafu hinterher erzählte, erst um die Höhe des Trinkgeldes mit den Yamenleuten gehandelt, nicht ahnend, daß ich für die unverschämte Gesellschaft nicht einen Cash gebe, was ich ihm jetzt mit dem Bemerken eröffnete, daß er außerdem; falls er etwa jetzt noch fortzulaufen beabsichtigte, fürchterliche Prügel bekommen würde. Mein Mafu gab ihm die Erläuterungen dazu; diese müssen sehr überzeugend gewirkt haben, denn er fuhr späterhin sehr gut.
Witwe Bolte nach schwerer Kolik in Schan tan Hsien
Zur Strafe warf ich sämtliche Yamenleute, die es sich auf der Karre bequem gemacht hatten, aus dieser hinaus und ließ sie laufen, was ihnen sehr peinlich war. Vorbei an dem auf hohem Berg liegenden Tempel Fa-ta-tse, durch ein gut angebautes Tal gelangten wir nach Dung-lo-hsien. Der dortige Beamte ließ mir gleich sagen, er könne keinen Karrenführer schicken, denn derselbe würde sicher Karre und Tier unterwegs verkaufen und ausrücken. Angenehme Zustände!