Am 12. März kam der Mafu schon um 4 Uhr morgens, um mich zu wecken. Ich träumte gerade von dem schönen Diner, das ich nicht bekommen hatte, und kroch aus meinem Schlafsack, um draußen einen schauderhaften kalten Ostwind, der durch Mark und Bein pfiff, vorzufinden, aber sonst keinen Menschen. Alles schlief noch; außer dem meinigen war kein Pferd gefüttert. Der Karrenführer hatte das ganze vorausbezahlte Geld für die Fahrt, einschließlich Futtergeld für die Tiere, in Opium angelegt und lag nun irgendwo im Dusel. Die Yamenleute hatten das ganz genau gewußt, sie rauchten aber sämtlich auch Opium und hatten daher ein Auge zugedrückt. Hier huldigte überhaupt alles, einschließlich der Weiber, diesem schrecklichen, nervenzerrüttenden Laster. Die Leute rannten nun die Straße herauf und herunter, laut den Namen des Treibers schreiend, um die Kneipe ausfindig zu machen, in der er seinen Rausch ausschlief. Nichts meldete sich; ich ließ den Pferden daher etwas Stroh geben und dann anspannen.
Meine Pferde in Schan tan Hsien,
rechts der Bruder des Mandarins von Schan tan Hsien
Ein Soldat, der Mitleid mit mir hatte — ich fror nämlich stark —, brachte mir Tee und einige der kleinen, in Blattumhüllungen befindlichen Pakete Reis mit Pflaumen darin; sie schmeckten mir heute besonders gut.
Unterdessen war aus einer andern Opiumhöhle ein Yamenmann herausgeholt worden, der aussah wie ein Strolch von der Landstraße, ungewaschen — hier waschen sich von zehn Leuten überhaupt höchstens zwei —, zerlumpt, noch halb im Dusel. So zogen wir denn mit dem Kerl um 5½ Uhr im Schritt los, denn zum Trab waren die Tiere nicht zu bewegen. Unterwegs fanden wir eine neue Futterschwinge, die ich annektierte. Einmal ging der Karrentreiber nach einer der kleinen, am Wege befindlichen elenden Lehmhütten, in denen Tee ausgeschenkt wird. Zu meinem Leidwesen tun dies alle Treiber, nur machte dieser den Unterschied, daß er einfach nicht wiederkam. Ich ritt nach einiger Zeit zurück und fand ihn sanft ruhend auf dem Kang. Ich weckte ihn ebenso unsanft mit einem Guß kalten Wassers auf; dann ging es im Trabe der Karre nach, die mittlerweile wohl vier Kilometer weiter war. Der Kerl hatte eine so heillose Angst vor mir, daß er wie besessen lief und schweißüberströmt die Karre erreichte.
Chinesische Kavallerie-Eskorte vom Leichenzuge Djau-ta-jens
Die Gegend war öde und sandig, der Wind sprang um 8 Uhr nach Westen um, und bald hatten wir den schönsten Staubsturm, den stärksten von allen solchen bisher, ausgenommen den am 5. Januar. Auf der Straße kamen uns im rasendsten Tempo Yamenreiter entgegen. Sie gehörten zu dem Leichenzug Djau-ta-jens, des ehemaligen Futais von Tsin-tsian, der vor einem Jahre gestorben war und jetzt als Leiche mit großem Gefolge nach Peking zurückgebracht wurde. Die ersten waren die Quartiermacher, denn der mitgeführte Troß ging wohl in die Hunderte.
Die Gegend nahm immer mehr einen wüstenähnlichen Charakter an. Sanddünen wechselten mit steinigen, weiten Flächen ab. Ich mußte die Staubbrille und den Kopfschutz herauskramen, um mich wenigstens einigermaßen gegen den alles durchdringenden Staub zu schützen. Man sah die hohen Sanddünen ordentlich wandern, derartig wird der Sand weitergeweht.
Der großartige Leichenzug nahte. Ganz bunte Kavallerie eskortierte ihn; voran ritten einige Mandarinen in Staatsgewändern, dann folgte, befestigt an einer langen Stange mit ausgeschnitzten, bunt gemalten, erhobenen Drachenköpfen an den Enden, der Sarg, von vielleicht dreißig Trägern an schweren hölzernen Querstangen getragen. Auf dem Deckel saß in einem kleinen Käfig der übliche, ganz weiße Hahn, dann kam in Karren, deren ich 58 zählte, das Gefolge, darunter eine Menge Weiber, deren Gefährte wie kleine Häuser mit Türen und Fenstern versehen sind. Alle beguckten natürlich sehr neugierig den fremden Teufel, von dem allerdings in der Vermummung nicht viel zu sehen war, und lachten, wie immer, wenn der Chinese nicht weiß, was er sagen soll.