Der Staubsturm wurde unterdessen immer toller, die Pferde fingen an zu streiken und wollten sich mit der Kruppe gegen den Wind stellen. In einem Bachbett mit schmaler Ein- und Ausfahrt und steilen Ufern saß ein Karren fest, wir mußten unsere Tiere als Vorspann geben, sonst hätten wir nicht weitergekonnt, da die Ausfahrt gesperrt war. Endlich tauchten Bäume auf, es war Örr-sche-li-pu, das als Schutz gegen den Staub und zur Befestigung des wandernden Sandes rings von Bäumen umgeben ist. Wir futterten schnell auf der Straße ab, dann ging es weiter durch sumpfiges Gelände mit vielen offenen, moorigen Löchern.

Missionar Weiys in Kan tschau fu

Gegen 3 Uhr kam Kan tschau fu in Sicht; der Sturm ließ nach. Wir fuhren durch ein Tor in ein weites Gräberfeld mit einem sogleich in die Augen fallenden Grabhügel in der typischen Sargform, von ganz kolossalen Dimensionen. Die Vorstadt durchreisend, gelangten wir durch das Südtor in die eigentliche Stadt, die viele kleine sumpfige Plätze hat. Leute über 60 Jahre gibt es hier nicht, das Klima ist zu ungesund. Alle Mauern stürzen bald wieder ein und man sieht sofort an den größeren Tempelbauten, daß der Untergrund schlecht sein muß, denn die Gebäude haben kaum einen ordentlichen rechten Winkel aufzuweisen. Vorbei an der halb europäisch, halb chinesisch gebauten Kirche der katholischen Mission, gelangten wir endlich in ein schönes, großes Gasthaus. Die große Säuberung vollzog sich vor einer durch alle verfügbaren Öffnungen guckenden Zuschauermenge. Dann ging der Mafu zum Yamen, ich zur Mission. Sie hat schon seit 20 Jahren eine Kirche am Ort, die aber auch infolge des sumpfigen Untergrundes Abweichungen zeigt, sonst ist sie wie eine katholische Kapelle in Deutschland gehalten. Die Mission unterhält noch eine Schule, ein Waisenhaus und betreibt in geringem Umfange Gartenbau und Landwirtschaft. In Pater L. Weiys, einem liebenswürdigen Holländer, fand ich einen Deutsch sprechenden, sehr natürlichen Menschen, der mir gut gefiel. Er war allein hier; sein Kamerad, Pater Kissels, war vor einem halben Jahr an Wassersucht gestorben, als ein Opfer des hiesigen Klimas, nachdem er, Kissels, über 20 Jahre auf seinem Posten gewesen war. Der jetzige Missionar war zufrieden mit seinem Beruf und seinen Erfolgen; man sah es ihm auch sofort an. Er hat gegen 600 Christen unter sich, die Gemeinde in Su tschau fu eingeschlossen. Auch hier scheint mir die katholische Mission mit viel mehr Erfolg zu arbeiten als die protestantische. Ich bekam selbstgekelterten, sehr guten Wein vorgesetzt. Die Katholiken sind vernünftigerweise nicht derartig strenge Abstinenzler wie die englischen Missionare, die ich bis jetzt gesehen habe. Der Wein schmeckte mir sehr gut, ungefähr wie leichter spanischer Wein; ebensogut war das mir angebotene Abendbrot, das natürlich, der Fastenzeit entsprechend, keine Fleischgerichte enthielt. Draußen in der Kapelle hörte man die Christen ihre Abendgebete laut absingen, und ich fühlte mich eigentlich hier mehr zu Hause als bei den Engländern, trotzdem ich Protestant bin und im allgemeinen die Engländer sehr gern habe.

Alter Tempel in Kan tschau fu, aus der mongolischen Dynastie stammend

Gegen 8½ Uhr suchte ich mein hartes Lager auf und schlief wie ein Toter, wahrscheinlich infolge des ungewohnten Weingenusses. Der 13. März war ein Ruhetag; der Schneider kam, um mir einen chinesischen Rock für den gestohlenen anzufertigen. Die Sachen wurden gesonnt und der Lebensmittelvorrat für die nächsten Tage ergänzt. Um 12 Uhr ging ich wieder zur Mission, wo ich vom Pater Weiys ein für hiesige Verhältnisse gutes Essen vorgesetzt bekam. Dann ritten wir auf seinen Ponies zu einem alten Tempel, der noch aus der Zeit der mongolischen Herrscherdynastie stammt und in dem besonders ein mächtiger schlafender Buddha in recht unverhältnismäßiger Darstellung auffällt. Am Ende des Tempels befindet sich eine der hohen, flaschenförmigen Pagoden. Von dort ging es zum Garten der Mission, drei Li südwestlich der Stadt. In diesem wird hauptsächlich Obst- und Weinbau betrieben; ferner liegt in ihm das provisorische Grab des hier verstorbenen Paters Kissels.

Katholische Mission in Kan tschau fu

Der Pater Weiys erklärte mir, daß er Gemeindeglieder habe, die bereits in der fünften Generation christlich wären. Seine Stellung zu dem Mandarin ist eine recht gute, aber durchaus unabhängige. Er befaßt sich weniger mit der Belehrung der Heiden, als mit der Seelsorge in der bereits vorhandenen christlichen Gemeinde. Im übrigen klagte er sehr über das Opiumrauchen und besonders über das Opiumessen der Weiber. Der Hauptgrund für letzteres sei darin zu suchen, daß sie zu früh heiraten und ihre Männer vor der Hochzeit nicht kennen lernen. Die Folge sei dann oft eine herbe Enttäuschung, welche die junge Frau zum Selbstmord treibe. Dann werde der Missionar zu Hilfe gerufen, und unter den wenigen ärztlichen Instrumenten in den Missionen könne man stets eine Magenpumpe für den vorgenannten Zweck finden. Er erzählte noch außerdem, er habe sehr damit zu kämpfen, daß z. B. neu bekehrte Eheleute Kinder hätten, die infolge der leidigen Unsitte des frühen Verlobens schon an Heiden vergeben seien, was natürlich zu großen Unzuträglichkeiten führe. Ich empfahl mich bei dem liebenswürdigen Missionar, nicht ohne noch einen besseren Jahrgang des selbstgekelterten Weines gekostet zu haben.