Grab des Pater Kissels im Garten der Mission zu Kan tschau fu
Auf dem Rückwege zu meinem Gasthause sah ich vor demselben eine große Menschenmenge auf der Straße; ich ging hin und fand die öffentliche Leichenschau eines Ermordeten. Die Leiche, mit einem Stich unterhalb des Herzens, lag gänzlich nackt auf einem Brett mitten auf der Straße. Auf einer Seite war ein Mattenverschlag, in dem Yamenbeamte, scharlachrot kostümiert, ein Protokoll aufnahmen, während ein anderer Beamter an der Leiche herummaß und den im Verschlag befindlichen Kollegen Angaben zurief, die diese in das Protokoll notierten. Rings umher sowie auf allen Dächern war eine neugierige Menge versammelt, die nur mit Not von den Yamendienern zurückgehalten werden konnte. Zehn Schritte davon, in einem nach vorn zu offenen Hause, lärmte eine vergnügte, trinkende Hochzeitsgesellschaft. Man kann sich wohl kaum schärfere Gegensätze denken.
Der Schneider kam am 14. März etwas zu spät; trotzdem ist es eigentlich zu verwundern, daß er so schnell gearbeitet hatte. Der Rock war natürlich um die Brust, um den Hals und in den Ärmeln etwas eng, da wir Europäer doch anders gebaut sind als der Durchschnitts-Chinese. Die ärmellose Überziehweste, Kandjörr, saß dagegen recht gut. Der Preis für den Stoff betrug 2500 Cash, der Arbeitslohn 500 Cash, alles in allem ungefähr 7,20 Mark, also wirklich recht wenig.
Verbrecher in Kan tschau fu
Es schneite ziemlich stark, und der Geschäftsführer wollte mich überreden, noch zu bleiben. Ich konnte es aber nicht, da jeder Tag für mich von Wert war. Um dem Übervorteilen seitens der Leute, bei denen ich Lebensmittel usw. kaufte, zu entgehen, hatte ich dem Geschäftsführer eine bestimmte Summe in Silber eingehändigt; davon bezahlte er jeden, der eine Forderung an mich hatte. Ich vermied dadurch den ewigen Zank wegen guten und schlechten Geldes, kam sicher billiger weg und der Geschäftsführer machte zugleich sein Geschäft, da er natürlich jedem Händler Prozente abzog. Er muß sich dabei ganz gut gestanden haben, denn er war zufrieden und beklagte sich nicht, wie alle andern seinesgleichen, über zu geringe Bezahlung. Auch die Yamenleute benahmen sich anständig. Draußen, mitten auf der Straße, stand immer noch der Sarg mit dem Ermordeten.
Es ging durch Heide, die vielfach moorig und von vielen kleinen Wasseradern durchzogen war, in denen sich eine unendliche Menge von Wasser- und Sumpfvögeln tummelte. Nach Durchschneiden einiger ganz wüstenartiger Striche kamen wir am Abend nach Scha Ho, wo wir gute Unterkunft fanden. Eine alte Frau mußte die Fehler, die der Schneider in Kan tschau gemacht hatte, verbessern, da mich der Rock doch etwas drückte. Auch am 15. März durchzogen wir eine wüstenähnliche Gegend. Die Dünen laufen von Nordost nach Südwest, westliche Winde schienen vorzuherrschen, da die Abhänge nach dieser Himmelsrichtung flach, diejenigen nach Osten zu steil und sehr schwer passierbar sind. Die Karre mit den zwei Meter hohen Rädern kam nur in mehreren Absätzen hinauf; die Tiere keuchten schwer und sanken tief im Sande ein. Um 11¼ Uhr erreichten wir Fu-ji-ting, bis wohin meine Karre gemietet war. Im ganzen Ort ließ sich kein neues Gefährt auftreiben, aber der Beamte war so liebenswürdig, mir seine eigene, nur mit einem Pony bespannte Karre zu geben, so daß ich wenigstens fortkommen konnte. Die Gegend blieb weiterhin wechselnd; wüstenartige Strecken folgten unmittelbar auf fleißig bewirtschaftete Ländereien, jedoch war der angebaute Strich stets nur sehr schmal und ging mit den Flußläufen. Überall sah man Hecken und Wälle, die dem Versanden wehren sollten.
Karre bei Su tschau