Wir befanden uns gegen 3 Uhr in einer weiten Sandfläche, als links in den Dünen Antilopen auftauchten. Ich ließ die Stute satteln, mit der Absicht, mich in vollster Fahrt zu nähern und so vielleicht eine derselben zu Schuß zu bekommen. Es klappte ganz gut; ich kam an die ruhig stehenbleibenden Antilopen bis 150 Meter heran, als ich kurz vor mir einen breiten Graben sah. Getreu meinem alten Prinzip, lieber das Genick gebrochen, als gekniffen, ging ich, was ich konnte, gegen und — lag prompt drinnen, oder vielmehr samt Pferd drüben im hohen, weichen Sande. Die Mauserpistole fiel in einen Grasbüschel, sonst war nichts passiert. Ich saß wieder auf und ritt hinter den abspringenden Antilopen her, jedoch war ihr Vorsprung zu groß; ich kam nochmals bis etwa 150 Meter heran, dann versagte die Stute. Ich saß daher ab und führte sie zurück, als links vor mir drei Wölfe auftauchten. Mein Tier war zu müde und die Entfernung für die Mauserpistole zu weit, daher ließ ich heute Isegrim laufen, was er sehr langsam, oft stehenbleibend, denn auch tat. Der Wildreichtum in dieser Gegend ist einfach verblüffend. Besonders sind Wasser- und Sumpfvögel in großen Massen vorhanden; unter diesen schwarze Störche, weiße Reiher, unsere Wildenten, große, rostbraune Enten, Krickenten, Gänse und viele kleine Wat- und Schwimmvögel. Die Chinesen schießen die Tiere nicht; sie sind daher ganz vertraut, und besonders die großen Enten kann man häufig in den kleinen Gräben unmittelbar am Wege finden.

Unser Ziel, Gau tai Hsien, war noch 20 Li entfernt. Der Abend war herrlich, kein Lüftchen regte sich, und der Verkehr war schwach. Die Bauern pflügten noch überall auf den Feldern, vom Fluß her tönte der Schrei des Storches und der Gänse, ab und zu hörte man die Weihe, die ungestört, meist mitten im Dorfe, auf irgend einem hohen Baume nisten. Allmählich wurde es dunkel, nur noch vereinzelte Krähen zogen ostwärts. Da sah man am Horizont helle Punkte am Himmel auftauchen; es waren erleuchtete kleine Drachen, die die Kinder aufsteigen lassen, also konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Bald befanden wir uns zwischen den Häusern der Vorstadt und die Stadtmauer lag vor uns. Eine barsche Stimme fragt: "Wer ist da?" damit ist der Pflicht genügt, es ist die Torwache. Einige vorsichtige Geschäftsführer von Gasthöfen waren nicht zu bewegen, das große Tor aufzumachen. Die Gegend ist unsicher, und wer so spät am Abend noch reist, der kann nichts Ordentliches sein. Endlich fanden wir doch noch ein Unterkommen. Der viel geplagte Mafu wanderte zum Yamen und erhielt das Versprechen, daß die Karre pünktlich erscheinen werde; dann gab es das karge Abendessen, und bald konnte man das müde Haupt auf dem harten Kang zur Ruhe legen. Nebenan störte ein chinesischer Sänger, der tausendmal dieselbe Melodie sang; aber auch dieser bekam die Sache satt. Drei Böller kündeten, daß das Stadtoberhaupt zur Ruhe gegangen sei, nur ein vereinzelter Eselsschrei noch in der Ferne, dann trat Ruhe ein und man träumte vom schönen Vaterlande im fernen Westen.

Natürlich kam am 16. März morgens keine Karre. Zweimal mußte ich zum Yamen schicken, ehe wir alles beisammen hatten. Unterwegs futterten wir in Scheziang yi, wo der Führer in seinem Vaterhause durchaus alles mögliche abgeben wollte. Ich hatte den Verdacht, daß er sich zu drücken beabsichtigte und ließ ihn daher, bevor er ging, seine Sachen als Pfand deponieren. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, bis ich einfach die Sachen wegnahm. Nunmehr erschien auch der zugehörige Vater und versicherte überlegen, daß, wenn sein Sohn versprochen habe, wiederzukommen, er sicher auf die Minute da sein würde. Leider war ich, trotz reichlicher Erfahrung, so dumm, ihn fortzulassen, denn wer natürlich nicht wiederkam, war der Schelm, so daß ich, zu meinem Verdruß, in dem Loche übernachten mußte. Den Abend ging ich dafür auf Entenjagd und schoß eine, die aber so tranig war, daß man sie nicht essen konnte.

Am folgenden Tage marschierten wir gegen sechs Uhr bei sieben Grad Kälte in die Wüste ab. Wir sahen links in den Dünen mehrfach Antilopen und ich ritt näher heran, um mich zu überzeugen, wie viele es wären. Beim Absteigen blieb ich mit dem linken Fuß im Bügel hängen und mein guter Dicker ging sofort pleine chasse mit mir durch, mich schleifend. Ich fühlte noch Hufschläge am linken Schienbein, am rechten Spann, am rechten Ellenbogen und am Kopfe, dann vergingen mir die Sinne und ich kam erst zu mir, als mich mein Mafu auf richtete. Gottlob war der Sand knietief und kein Steinchen darin. Der Pony hatte den Karrenführer, der ihn aufhalten wollte, überrannt und dabei eine kurze Wendung gemacht, wobei mein Fuß aus dem Bügel ging und ich liegen blieb. Der tiefe Sand, der wattierte chinesische Rock sowie die dicke Pelzmütze hatten die Hufschläge gemildert, so daß ich mit einigen Hautabschürfungen und leicht gezerrten Muskeln davonkam. Merkwürdigerweise stellten sich auch gar keine Kopfschmerzen ein, und nachdem ich einige 100 Schritt am Stock gewandert war, konnte ich schon wieder glatt gehen, wenn auch mit Schmerzen. Die Strecke, die der Pony mich geschleift hatte, betrug gegen 400 Meter. Die Bewußtlosigkeit kann kaum zwei Minuten gedauert haben. Der Pony und die Chinesen hatten einen viel größeren Schreck bekommen, als ich selbst. Sie erzählten mir hinterher, daß sie mich anfangs für tot gehalten hätten und waren sehr um mich besorgt, was mich einigermaßen rührte, denn im allgemeinen kennt der Chinese kein Mitleid.

Bald hatten wir wieder Antilopen vor uns. Ich pirschte nochmals heran, sie sprangen aber zu früh ab, so daß ich nicht zum Schuß kam. Nach weiteren fünf Kilometern war ein zweiter Sprung vor uns, den Weg langsam kreuzend. Ich blieb ruhig bei der Karre und wartete, bis wir in gleicher Höhe waren, dann schoß ich auf die nächste, vielleicht 130 Schritt entfernte, ein vorzügliches Ziel bildende Antilope. Das Tier zeichnete und brach im Feuer zusammen, begleitet vom Freudengeheul meiner Chinesen. Es war die erste Antilope, die ich erlegte. Ich eilte mit meinem Jagdmesser hin, um das Tier abzunicken, als es aufsprang und flüchtig wurde; ich nahm zu Pony die Verfolgung auf, verlor aber bald die Fährte und stand zu meinem nicht geringen Ärger wiederum vor einem Mißerfolg. Wir suchten noch eine gute halbe Stunde, da das Tier mit diesem Schuß unmöglich weit gelaufen sein konnte, aber vergeblich. Es fehlte eben der Hund, und aller Eifer meiner Chinesen konnte eine gute Nase nicht ersetzen.

Abends gelangten wir dann in einem kleinen Heidedorf inmitten von Salzsümpfen an. Yan tsche ist nur eine Station an der großen Straße. Das ganze Dorf besteht nur aus einigen Gasthäusern und wenigen Handwerkern, die vom Durchgangsverkehr leben. Daß der Europäer als willkommenes Objekt betrachtet wurde, ist klar; man bot mir Essen zu unmöglichen Preisen an, so daß ich schließlich gar nichts kaufte, sondern Konserven kochte. Doch bekam mir das europäische Essen nicht gut, da ich am 18. März, nach einer fast schlaflosen Nacht, mit Kopfschmerzen erwachte. Nachdem uns der Pony durch Weglaufen ungefähr eine halbe Stunde aufgehalten hatte, kamen wir glücklich durch die Wüste gegen Mittag nach Fang-Hsia, wo mich ein Mensch um Hilfe anbettelte, der letzte Nacht in unserm Dorfe vollkommen ausgeplündert worden war und mit einem anscheinend stumpfen Instrument einen schweren Hieb über das Schienbein erhalten hatte. Ich verband unter Assistenz des ganzen Dorfes die übel aussehende Wunde. Wie der Mensch mit einer derartigen Verletzung noch weiter marschieren konnte, ist mir unklar, das kann eben nur ein Chinese. Bei scharfem Nordwestwinde und bedecktem Himmel hatten wir einen recht unangenehmen Weitermarsch. Der Wind ging schließlich durch alles durch und wechselte merkwürdig oft zwischen West und Nord, so daß man fortwährend im Staube war, wenn man hinter der Karre Schutz suchen wollte. In der Ebene konnte man zeitweise 40 bis 50 Windhosen zugleich beobachten. Kam man in eine solche, so war sofort alles fingerdick mit Staub bedeckt. Dazwischen wieder war die Luft so klar, daß man auffallend weit sehen konnte. Dabei rückten die entferntesten Gegenstände ganz nah heran. Schon gegen Mittag lag unser heutiges Ziel, das noch etwa 30 Kilometer entfernt war, in greifbarer Nähe.

Gegen 7 Uhr hatten wir die Wüste hinter uns, wir kamen wieder in steppenartiges Gelände, und bald sah man auch angebaute Stellen. Ich war froh, denn ich hatte etwas Fieber und litt stark an Durchfall, der wahrscheinlich von dem hiesigen sumpfigen Wasser herrührte, denn auch meinen Leuten ging es so. In Ling fi nahm ich abends den ersten Kognak während der ganzen Reise und trank keinen Tee, sondern aß nur Reis. Ich war so erschöpft, daß ich sofort, als ich mich hinlegte, einschlief. Ich glaube, man hätte das ganze Zimmer ausräumen können, ohne daß ich es gemerkt hätte. Am nächsten Morgen kamen sechs Mohammedaner zu mir, die nach Tsin-Tsiang wollten. Sie machten Kotau und redeten mich mit "Tajen" an, so daß ich sofort erriet, was sie wollten. Ich sollte ihnen bei Dzia yü kwan durchkommen helfen, indem ich sie für meine Leute ausgab. Ich erklärte ihnen, daß ich, als Europäer, mich niemals darauf einlassen würde, die chinesischen Behörden zu betrügen, worauf sie betrübt wieder abzogen. Die chinesische Regierung läßt nämlich Mohammedaner ohne Paß nicht die große Mauer überschreiten, da sie ein recht unruhiges Element der Bevölkerung darstellen und überall Unruhen stiften.

Händler mit Jettwaren

Mir ging es heute bedeutend besser, und da die Sonne wieder schien, fühlte ich mich, trotz der 14 Grad Kälte, recht wohl. Wir hatten nur kurzen Marsch, 40 Li, bis nach Su tschau fu, das wir, dem Laufe des Pei-lung-sui folgend, um 11 Uhr erreichten: Su tschau fu ist zur Zeit des Mohammedaneraufstandes gänzlich heruntergebrannt worden. Noch jetzt sieht man viele Trümmer; im übrigen sieht es genau wie die anderen Städte aus. Zuerst suchten wir innerhalb der Mauer nach einem guten Gasthause, da es aber keins gab, ließ ich, zum Schmerz meiner Begleitung, wieder umdrehen und außerhalb derselben einkehren. Nachmittags erschien ein reisender Chinese, den ich bereits früher getroffen und der mit seiner gesamten Dienerschaft hier auf mich gewartet hatte. Die Gegend galt für unsicher und die Karrenführer wollten tatsächlich nicht einzeln fahren, weshalb er mich bat, auch für ihn beim Yamen eine Karre zu fordern, was ich zusagte. Merkwürdig war es, daß viele Leute kamen, um sich zu erkundigen, ob ich Mausergewehre hätte. Wie mag dieser Name hier bekannt geworden sein? Ein Mandarin besuchte mich im Laufe des Nachmittags und erkundigte sich, wann Su tschau fu Eisenbahn bekäme. Leider war mir der Zeitpunkt augenblicklich unbekannt; ich vertröstete ihn also auf das nächste Jahr, alsdann würde er sicher Eisenbahn haben. Nach meinem Gasthaus fand eine reine Völkerwanderung statt; das Volk war harmlos, freundlich und neugierig dabei. Im übrigen wird der Europäer hier als höherstehendes Wesen betrachtet. Mir fiel entgegen früheren Berichten auf, daß sie ihre Sachen von vornherein als schlecht und alle europäischen Waren als gut bezeichneten. Hier ist eine lebhafte Industrie in Jetsachen. Ich kaufte denn auch für recht wenig Geld verschiedene Kleinigkeiten.