Am nächsten Morgen erschien die Karre erst um 11 Uhr, der Treiber war der Einfachheit halber weggelaufen, so daß einer der Yamenleute fahren mußte. Mit der Karre stellte sich noch unser Yamenmann von Gau tai Hsien ein. Er behauptete, kein Trinkgeld bekommen zu haben und bettelte in unverschämter Weise, indem er versprach, das Opiumrauchen von nun an zu lassen. Mir machte der zwanzigjährige Mensch Spaß, selten habe ich so viel Gutmütigkeit und Leichtsinn vereinigt gesehen. Er redete so lange, bis er ein Trinkgeld bekommen hatte, das er sofort in der nächsten Bude in Näschereien anlegte, um dann, vergnügt singend und mit den Straßenjungen Unfug treibend, die Straße entlang zu schlendern. Wir packten auf, hielten aber in der Stadt noch mindestens zehnmal, um den Karrenführer alle seine Geschäfte erledigen zu lassen, und kamen dann glücklich durch das Nordtor und, durch die nördliche Vorstadt nach Westen abbiegend, in eine von vielen Flußarmen durchzogene, ganz glatte, mit Steingeröll bedeckte Ebene.
Wir waren noch nicht 200 Meter von der Stadt entfernt, als rechts ein mächtiger Wolf stand. Er beobachtete eine Hammelherde, wurde von dem Hunde wütend angekläfft und von dem Hirten durch Zurufe zu verscheuchen gesucht. Ich ritt heran, saß ab, kniete hin und schoß ihn in aller Gemütsruhe auf noch nicht 35 Schritte Entfernung; er hatte gar nicht daran gedacht, auszukneifen. Es war wiederum eine Szene, die ich nicht glauben würde, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Leider war er im Fell nicht sehr gut, so daß ich ihn den mich begleitenden Soldaten überließ.
Es war heute reichlich warm, 30 Grad Celsius, die Sonne blendete auf dem endlosen Steinfelde recht unangenehm; dieser Glanz wirkte geradezu einschläfernd, so daß mir auf dem Pony mehrfach die Augen zufielen und ich deshalb lieber zu Fuß wanderte. Wir sahen noch mehrfach Antilopen und einmal einen jagenden Wolf, jedoch in ziemlicher Entfernung. Erst um 7½ Uhr kamen mächtige Mauern auf einer Anhöhe vor uns in Sicht, es war Dzia yü kwan an der großen Mauer, das Ausgangstor des eigentlichen China nach Westen. Gegen 10 Uhr überschritten wir einige Flußarme, dann ging es die Anhöhe hinauf und durch zwei Tore in die Vorstadt, in der das Gasthaus liegt. Nach einer schlecht verbrachten Nacht marschierten wir am 21. März bei leicht bedecktem Himmel und der stets den Staubsturm ankündenden Schwüle weiter.
Reisender Sarg (nach der Heimat), Kansu
Es ging zuerst durch die nach chinesischen Begriffen äußerst stark befestigte Stadt; die Steinhaufen auf den Mauern zeigen an, daß man gegen etwaigen Überfall durch die Mohammedaner mit Wurfgeschossen versehen ist. Die große Mauer, die wir hier überschritten, ist nur ein elender Lehmwall und wohl mehr Grenz- als Verteidigungsmauer. Der Weg führte durch eine ebensolche Steinwüste wie gestern, nur daß die Gegend heute etwas hügelig war. Ich versuchte mehrfach, an Antilopen heranzukommen, aber das Gelände war zu offen. Als wir in Chui-Chui-pu eintrafen, brach gerade der Sandsturm los. Das Dorf ist eine kleine Oase in der Wüste, von kaum fünf Menschen bewohnt. Außer altem Brot und frischem Wasser gab es auch nichts zu beißen und zu brechen. Am 22. März hatte der Staubsturm noch nicht nachgelassen. Es ging weiter durch Steppen, zuweilen an einzelnen zerstörten Häusern, den Überbleibseln früherer Ansiedelungen, vorbei. Das Gelände wurde steiniger, die Bergformen schroffer, und bald sahen wir uns inmitten von Felswänden. Nach 60 Kilometern Marsch langten wir abends in Tschy-Djin-Hsia an. Nachts wurde ich durch anhaltendes Schnauben der Stute aufmerksam und fand in ihrer Krippe eine große Ziege, die die Stute außerdem noch mit den Hörnern angriff, was dieser doch wohl etwas zu viel war.
Der Wind sprang in der Nacht zum 23. März nach Norden um, und der Staubsturm nahm noch zu. Die 50 Kilometer Wüste, die wir heute bis Yü Mönn Hsien zurücklegen mußten, kamen mir endlos vor. Um 3 Uhr hatten wir einen zugefrorenen Fluß, mit einer einen Meter breiten Eisspalte in der Mitte, vor uns. Die Karren mußten weit ausbiegen, um einen Übergang zu finden. Ich ritt voraus und suchte Quartier. In sämtlichen Gasthäusern innerhalb der Stadt war kein Plätzchen frei; wir kamen außerhalb unter. Die Türen fehlten zwar, aber es war immer noch besser als biwakieren. Die mitreisenden Chinesen setzten mir ein Diner vor, für mich das Zeichen, daß ich ihnen wieder einen Karren besorgen sollte. Merkwürdig ist es doch, daß hier im Innern der Europäer mehr erreicht, als der Chinese selbst. In unserm Gasthaus logierte auch ein nach der Heimat im Osten reisender Sarg mit dem in einem Käfig befindlichen weißen Hahn darauf.
Man erzählte mir, es herrsche hier fünf Monate lang täglich derselbe Wind; eine angenehme Gegend! Die armen Pferde froren in den offenen Ställen sehr; man mußte ihnen das Futter in ganz kleinen Portionen geben, da es der Wind sonst sofort wieder aus der Krippe hinwegfegte. Bei noch stärkerem Staubsturm warteten wir am 24. März bis Mittag; es war nicht möglich, die Nase nur aus der Tür hinauszustecken. Gegen Mittag kam die Karre, doch fiel beim Umdrehen das eine Rad ganz auseinander; wir saßen also wieder fest. Dazu hatte der Mafu Leibschmerzen und kam alle fünf Minuten, um mir sein Leid zu klagen, verweigerte aber das Kalomel, das ich ihm verordnete, und nahm statt dessen irgendeine unbestimmbare chinesische Arznei, wonach die Schmerzen nicht besser, sondern schlimmer wurden. Meine Reisebegleitung fütterte mich hier mit den schönsten Sachen, deren Zubereitung ausgezeichnet war, wenn man die mehr als dürftigen Hilfsmittel zum Kochen bedenkt. Jeder Reisende kochte sich sein Essen selbst, und zwar an einem mitten in der Stube auf der Erde angemachten Feuer. Feuergefährlich sind diese Räume allerdings nicht, da auch nicht das geringste Stück Möbel sich darin befindet und man überall nur die kahlen Lehmwände sieht. Um 2 Uhr kam die Nachricht, es könne kein Karrenführer aufgetrieben werden. Wie üblich, war der Karrenführer weggelaufen, weil es ihm nicht paßte, zu fahren. Vor dem nächsten Tage war also nichts zu machen.
Da der Staubsturm inzwischen ein wenig nachgelassen hatte, zog ich in südlicher Richtung auf die Antilopenjagd und hatte auch bald einen Sprung von 13 Stück nicht weit von der Stadtmauer aufgetrieben. Die Tiere ließen mich höchstens 800 Meter herankommen, trotzdem ich, ohne Mütze, wie ein Indianer auf dem Bauche kroch, um in den das Gelände durchziehenden Rinnen vorwärts zu kommen. Wir bewegten uns eigentlich fortwährend im Kreise. Schließlich schoß ich auf 400 Meter und zerschoß einer Antilope den linken Vorderlauf, trotzdem entkam mir das Tier auf drei Läufen. Ich ritt hinterher, fand es aber nicht mehr vor. Mit Antilopen habe ich jedenfalls kein Jagdglück.