Beim Rückwege fing es an zu schneien, und als sich gegen 7 Uhr abends der Wind legte, blieb der Schnee liegen. Ich beschäftigte mich am Abend damit, einem jungen Chinesen meiner Reisebegleitung zur allgemeinen Freude deutsche Freiübungen beizubringen. Bis jetzt hatten die andern meinen allabendlichen Gewehr Übungen mit Kopf schütteln zugesehen. Am 25. März um 8 Uhr langten glücklich die beiden Karren an, so daß wir endlich fortkamen. Morgens war mein Thermometer verschwunden, fand sich aber in einem zusammengekehrten Schneehaufen wieder. Die Gegend war unverändert, teils steinige, weite Flächen, teils Steppe. Der Schnee blendete derartig, daß wir unsere schwarzen Schutzbrillen heraussuchen mußten. Der Mafu klagte noch immer über Leibschmerzen, wollte nichts essen und war schlechter Laune. Ein Chinese, der einmal nichts gegessen hat, versagt sofort vollkommen; von irgend welcher Selbstbeherrschung ist nicht die Rede.
Gegen 2 Uhr erreichten wir einen ziemlich großen Ort, namens San-tan-gu, an einem augenblicklich ziemlich wasserreichen Flusse gleichen Namens. Mit uns zugleich kam von der anderen Seite ein großer Pferdetransport aus Turfan an. Die Tiere gefielen mir nicht, sie waren hochbeinig, ohne Gurtentiefe, mit kurzer Schulterlinie und in den Sprunggelenken wenig schön; alle hatten Ramsnasen, es war das berühmte turkestanische Pferd. Die Leute aus Turfan erzählten, daß sie 27 Tage geritten wären, danach brauchte ich nach Kaschgar mindestens noch 70 Tage. Dem Mafu ging es heute besser; er hatte gestern abend infolge seiner Krankheit weder gefuttert noch geputzt, hingegen sich den Bauch massieren lassen. Meiner chinesischen Reisebegleitung war der Karrentreiber mit einem Maultier ausgerückt. Einen nahm ich mit, einer fuhr die Karre mit nur einem Tier, die andern gingen zu Fuß, was ihnen, meiner Meinung nach, nur dienlich sein konnte, da sie sich zu wenig Bewegung machten und für zwei aßen. Es ging heute den ganzen Tag durch Steppe, durchzogen von mehreren Bächen, die augenblicklich ziemlich viel Wasser führten. Mehrfach waren lange Strecken sumpfig. Ich sah Fasanen, sonst nichts an Wild. Der Abend war angenehm milde; wir rasteten unter hohen, schönen Bäumen an einer Quelle, in den Ruinen einer Ansiedlung.
Etwas nach Mitternacht traf der ausgerissene Karrenführer per Esel ein, und zwar mit einem solchen Lärm, daß ich davon erwachte. Kaum war Ruhe eingetreten, als der neue Esel zu singen anfing, und zwar ohne Zwischenpause. Ich stand auf, holte mir den Besitzer und ließ ihn sein Tier wegbringen, alles in etwas beschleunigtem Tempo. Gutes deutsches Zureden verfehlt auch in China seinen Eindruck nicht. Der Esel fand Kameraden und war ruhig. Dafür machte sich Staubsturm auf, und bald war man in Sandwolken eingehüllt. Ich klappte meinen Kopfschutz im Schlafsack hoch und schlief sogleich, trotz Eselsgeschrei und Staubsturm, fest ein.
Ngan Hsi Tschau — Packtiere für den Wüstenritt
Wir passierten am 27. März Po lung Hsia, und waren am Abend in Hsiau-wang-pu, wo nur ein großer, gemeinsamer Raum zu haben war, den ich mit vielen Chinesen teilen mußte. Bei ganz bedecktem Himmel kam von Zeit zu Zeit ein Schneeschauer; hin und wieder war südlich das Nan Schan-Gebirge sichtbar, von dem die Chinesen sagen, daß es sich bis nach Kaschgar hin erstrecke, womit sie nicht unrecht haben, da sowohl das Humboldt-Gebirge, wie der Altyn Tagh und Kwen-Lun als Fortsetzung des Nan Schan angesprochen werden können. Um frühzeitig in Ngan Hsi Tschau zu sein, wurde am 28. März schon um 5½ Uhr abmarschiert; wie gestern, ging es durch Steppe unter einem endlich einmal wolkenlosen Himmel. Als wir in die Stadt kamen, sah man, daß südlich eine zweite, jetzt gänzlich verlassene Stadt liegt. Sie war infolge des sumpfigen Untergrundes zu ungesund, daher haben sich die Bewohner nördlich neu angebaut. Der Ostwind hat den Sand so an die Stadtmauer herangeworfen, daß er an einzelnen Stellen bis an den oberen Rand liegt und sogar auf der inneren Seite noch eine Art Rampe bildet, die Stadt selbst, vollkommen chinesisch, bietet nichts Interessantes. Wir konnten wieder einmal keine Karre bekommen, Kamele waren überhaupt nicht zu haben, und die Packponies, die mir angeboten wurden, sahen derartig elend aus, daß ich nicht wagte, mit ihnen die jetzt vor uns liegende Wüste zu kreuzen. Ich mußte mich also in Geduld fassen und Ruhetage machen. Meine Reisebegleitung spendete wieder einmal, wahrscheinlich infolge des Karrenwechsels, ein Diner; ich hatte aber genug von der Sache und schlug ihnen rundweg ab, mich noch weiter um ihre Karren zu bemühen.
Ngan Hsi Tschau
Am Morgen des 29. März zog ich mit einem Begleiter zum Südtor hinaus auf die Antilopenjagd. Vorher gab es noch einen kleinen Auftritt. Ich hatte meine sämtlichen Decken im Freien aufgehängt, um sie zu sonnen, als ein Quartier machender Mafu hereingeritten kam und sie einfach in den Schmutz riß. Ich versetzte ihm sofort eine Züchtigung und zwang ihn, alle Decken wieder fein säuberlich zu reinigen und aufzuhängen. Das umstehende Volk nahm gegen mich Partei, und nur dem gerade zur Jagd umgehängten Karabiner hatte ich es zu verdanken, daß es nicht einen größeren Skandal gab. — Wir zogen zum Südtor hinaus, nach Süden zu, sahen aber lange nichts, bis wir hinter einer Sandhügelreihe ein Rudel von elf Antilopen aufstöberten, welche sofort absprangen. Nun ging es wieder wie gewöhnlich; ich kroch stundenlang hinter den einen halben Meter hohen Sanddünen herum, ohne näher als 400 Meter an die Tiere herankommen zu können. Einmal schoß ich unterwegs mit dem Erfolg, daß der ganze Sprung wieder flüchtig wurde und verschwand. Erst nach einer Weile hatte ich sie mit dem Zeiß wiedergefunden, doch sehr weit entfernt. Es bot sich aber eine ausgezeichnete Gelegenheit zum Anpirschen durch ein ausgetrockenetes Bachbett, in dem ich in gebückter Haltung, über Schlamm, Gestrüpp und gefallene Bäume, manchmal auf allen Vieren kriechend, schnell vorwärts kam. Von Zeit zu Zeit vergewisserte ich mich, ob sie noch da wären; sie zogen ganz langsam, ruhig äsend, weiter. Nach ungefähr drei Viertelstunden war ich heran; die Tiere hatten mich nicht bemerkt. Vorher hatte ich schon Zeiß, Pelzmütze und Patronengürtel meinem Begleiter abgegeben. Nun schob ich mich sachte an der steilen Böschung in die Höhe, aber schon hatte mich der Leitbock erblickt. Die Tiere schlossen zusammen und äugten nach mir hin; ich war wieder untergetaucht. Dann von neuem hinübersehend, nahm ich mir das nächste Tier aufs Ziel und schoß. Es lag im Feuer, und als ich hinkam, — die Entfernung betrug 148 Schritt — waren außer ihm noch zwei zur Strecke die ersten beiden hatten Blattschuß, das dritte Halsschuß; ich nickte es ab, der Rest war flüchtig, alle drei waren Böcke. Natürlich war große Freude über den schon so lange ersehnten Erfolg. In der Nähe weidete eine Kamelherde, deren Hirten jedoch um kein Geld zu bewegen waren, ihre Herde zu verlassen und die Jagdbeute in die Stadt zu bringen. Mein Begleiter lief daher nach Ngan Hsi Tschau zurück, um eine Karre zu holen, nachdem der Versuch, die gekoppelten Tiere am Karabiner zu tragen, wegen ihrer Schwere mißglückt war. Nach zwei Stunden langem Warten erschien am Horizont ein Ochsenkarren, auf dem wir die drei Tiere glücklich heimtransportierten. Auf dem Rückwege sahen wir noch zweimal Füchse und Antilopen. In der Stadt war helle Aufregung, als wir mit den drei Antilopen ankamen, eine reine Völkerwanderung flutete nach meinem Gasthause, und jeder wollte das Gewehr näher besichtigen, mit dem ich den glücklichen Schuß getan hatte. Ich machte Strecke, photographierte meinen Begleiter mit den Tieren und schenkte ihm eine Antilope, eine schickte ich dem Yamen und eine behielt ich selbst nebst allen drei Gehörnen. Wir waren nun wenigstens für die nächsten Tage mit Fleisch versorgt. Abends gab es Antilopen-Gulasch, von der wieder ganz versöhnten chinesischen Freundschaft sehr gut zubereitet.