Rast in der Wüste Gobi

Am 2. April ging es weiter bei kaltem Nordwest über steinige Hügel. Die Gegend bietet gar keine Abwechslung. Abends lagerten wir an einer Wasserstelle, um die herum einst einige Gebäude gestanden haben, die jetzt vollkommen in Trümmern liegen. Das Wasser war bitter und wurde auch von den Pferden nur ungern genommen. Über Nacht war es hundekalt. Halb bedeckter Himmel und stetig zunehmender eisiger Nordwest-Wind kennzeichneten den 3. April. Die armen Pferde kamen mit der schweren Karre kaum gegen den Wind an. Ich ritt immer möglichst dicht dahinter, um mich etwas zu schützen, war aber bald so durchgefroren, daß ich es vorzog, zu Fuß zu gehen, und zwar so schnell, daß ich über eine Stunde früher als die Karre in Ta tschuan eintraf. Mir fiel es auf, daß die Räder der Karren hier fast alle ohne Radreifen sind; daß sie bei den steinigen Wegen überhaupt noch zusammenhalten, ist mir unbegreiflich. Abends faßte ich wieder meinen Karrenführer beim Futterstehlen ab; dafür konnte ich ihm hinterher eines seiner Pferde kurieren, das leichte Kolik hatte. Gegen neun Uhr legte sich der Wind, es wurde ganz still, aber sehr kalt; das Thermometer zeigte minus 12 Grad Celsius. Wir hatten am nächsten Tage wundervolles Wetter mit schwachem Nordwest. Gleich hinter dem Dorf standen zwei Antilopen, denen ich im Jagdeifer so weit folgte, daß ich den Karren erst um 11 Uhr wieder einholte. Gegen Mittag kamen wir nach Malan Dschinzo, einem aus zwei Gasthäusern bestehenden Ort an einer leicht salzhaltigen kleinen Quelle. Die Freundschaft war beleidigt, weil ich immer vorauseilte und mir die besten Zimmer aussuchte, außerdem ihnen durch meinen Mafu hatte sagen lassen, daß ich ein Zusammenwohnen in einem Zimmer nicht schätzte. Nachmittags ging ich wieder auf Antilopenjagd, bekam auch drei ganz entfernt zu sehen und versuchte zwei Stunden lang, jedoch ohne Erfolg, an sie heranzukommen. An die paar Häuser des Nestes stößt eine kleine, zerfallene, mit einigen Soldaten besetzte Befestigung, die dem Räuberunwesen steuern soll. Das Dorf besitzt zwar eine große Rinderherde, aber keine einzige milchgebende Kuh.

Ansiedlung Chin Chin-Hsia

Nach 45 Kilometer Marsch durch hügelige, teils steppenartige, teils gänzlich wüste Gegend gelangten wir am 5. April nach Chin Chin-Hsia, einer kleinen Ansiedlung innerhalb hoher Felsberge, die eine Quelle mit wirklich gutem Wasser aufweist. Die Kuppen rings um sind mit kleinen Steinpyramiden gekrönt, die nur zur Verschönerung der Gegend dienen sollen. Überall lag hier noch Schnee. Wir passierten heute die Grenze zwischen Kansu und Tsin Tsiang, die durch einige behauene Steine bezeichnet ist, außerdem durch ein kleines, mitten in der Wüste stehendes Tempelchen, an dem die Karrenführer ihren Kotau machten und dabei zwei in der Erde stehende Pfähle mit Achsenschmiere bestrichen, um gute Fahrt bittend. Die Pfähle sahen aus, wie mit dem dünnen Ende in der Erde steckende Keulen, denn oben waren sie von der vielen daran haftenden Schmiere ganz dick. Die Nacht schlief ich endlich einmal wieder recht gut unter Dach und Fach.

Tempel und Opferstöcke in der Wüste Gobi

Beim Abmarsch am 6. April gab es eine recht unerquickliche Szene. Ich hatte meine Rechnung so bezahlt, wie es vom Geschäftsführer verlangt wurde. Es war nicht zu teuer für diese, so viele Tagereisen von jeder Zivilisation entfernte Gegend. Meine Reisebegleiter nun hatten gar nichts gekauft, nicht einmal Brennholz, welches sie unterwegs in Gestalt von Dornensträuchern und Kamelmist, mit dem man hier heizt, gesammelt hatten. Dabei war von ihnen die Küche benutzt worden und sie hatten auch einen Raum für sich allein beansprucht. Jeder reisende Kuli gibt für die Unterkunft mindestens 20 Cash und schläft dafür auf dem allgemeinen Kang. Die fünf Köpfe starke Gesellschaft aber gab dem alten freundlichen Chinesen nur 27 Cash im ganzen, also viel zu wenig. Darauf wollte der alte Mann sie nicht fortlassen und wandte sich an mich mit der Bitte, ihm doch zu seinem Gelde zu verhelfen, wofür er seinem Herrn einstehen müsse. Ich gab ihm vollständig Recht, wollte mich aber nicht einmischen, da die Sache mich schließlich nichts anging. Ich ließ daher für meinen Karren das Tor öffnen und ritt weiter. Kaum waren wir gegen 300 Meter weg, als wir hinter uns lautes Geschrei hörten. Die Gesellschaft hatte die Durchfahrt erzwungen und verhieb nun noch obendrein zu vieren den einzelnen alten Mann. Das ging mir denn doch zu sehr gegen mein Gerechtigkeitsgefühl. Ich kehrte um, riß den einen zurück, die andern aber entwichen schleunigst, als sie mir ansahen, daß ich Ernst machte. Ich rief ihnen zu: "Wer den alten Mann noch einmal anfaßt, den schlage ich nieder." Die vier Feiglinge wagten auch nicht zu mucksen, sie hatten den armen alten Kerl blutig geschlagen und ihm der Zopf halb ausgerissen. Ich spuckte vor der Gesellschaft aus und sagte ihnen, daß ich ihre Handlungsweise für grundgemein hielte, im übrigen würde ich dem alten Mann sein Geld geben. Im Hintergrunde widersprach einer der Gesellschaft und schimpfte; ich sprang auf ihn zu und hielt ihm die Faust unter die Nase, worauf er schleunigst hinter seine Karre floh. Dann nahm ich den Alten mit und brachte ihn in sein Haus. Er war ganz glücklich, machte fortwährend Kotau und wollte das Geld durchaus nicht nehmen. So sind die Chinesen, einer wie der andere.

Quelle und Tempel Chin Chin-Hsia in der Wüste Gobi vor Hami