Nach fünf Kilometern hatten wir einen in die Felsen gebauten, kleinen, hübsch gelegenen Tempel vor uns. Alles stieg die Stufen hinauf. Das Innere war ganz mit Weihgeschenken behängt, rot- und gelbseidenen Fahnen, die mit Schriftzeichen bemalt waren. Über dem Altar hing die ewige Lampe. Ein alter Priester schlug eine schön klingende Glocke an, jeder machte einzeln seinen Kotau, dann schüttelte er einen Würfelbecher mit Würfeln in Steinchenform vor dem Kotaumachenden aus und sagte ihm die Anzahl der gewürfelten Augen, es ist seine Glückszahl. Ein anderer Priester verlas aus einem dicken alten Buche die auf diese Zahl sich beziehende Deutung. Das Innere des Tempels machte ohne Frage einen feierlichen Eindruck. Von seiner kleinen Terrasse, auf der in Gestellen Fahnen, die üblichen Waffen, ferner Pauken und Sättel stehen, hat man auf das Felsenmeer ringsum eine schöne Aussicht. Alle Abhänge sind mit kleinen, bis einen Meter hohen Steinpyramiden bedeckt, die von den nach dem Tempel Wallfahrenden errichtet werden, es sind viele, viele Tausende.
Chin Chin-Hsia-Tempel in der Wüste Gobi vor Hami
Gleich hinter dem Tempel hatten wir einen sehr üblen Abstieg, dann kreuzten zwei Antilopen den Weg, hinter denen ich mich sofort hermachte. Ich überschritt, immer auf den handbreiten Wechseln der Antilopen entlang laufend, drei Bergketten, ohne zum Schuß kommen zu können; einmal hatte ich sie auf ungefähr hundert Schritte vor mir, war aber so außer Atem von dem Klettern über die Felsblöcke und von dem Rutschen über die Schneeflächen, daß ich nicht schießen konnte. Nach ungefähr einer Stunde gab ich die unnütze Jagd auf, denn ich sah mit dem Glase die Tiere schon Kilometer weit abspringen, außerdem wurde ich für den Rückweg besorgt, denn in diesem Felsenmeer verläuft man sich sehr leicht. Ich nahm Marschrichtung nach Westen mittels Kompaß, wobei ich die große Straße unbedingt kreuzen mußte. Nach einer Stunde strammen Marsches sah ich mit dem Zeiß die Telegraphenstangen vor mir und hatte bald die richtige Route erreicht. Leute, die gerade des Weges kamen, sagten mir, die Karre warte weit hinten auf mich. Ich setzte mich in die Sonne auf den Sand und malte zur Übung chinesische Schriftzeichen. Gegen 10 Uhr kam die Karre; der Mafu hatte mich schon verloren geglaubt und war in Todesangst.
Wir hatten mittlerweile bei unbedecktem Himmel Sandsturm aus Nordwesten bekommen, so daß der Weitermarsch mehr als ungemütlich, wurde. Ich trabte voraus und machte in Ta tschuan tse Quartier, das heißt, wir mußten mit einer Stallecke vorlieb nehmen, etwas anderes war nicht zu haben, da aus Hami kommende Reisende alles besetzt hatten. Die chinesische Freundschaft oder jetzt vielmehr Feindschaft hatte mehr Glück. Ein Zimmer wurde gerade frei, als sie kamen, auf das sie sofort Beschlag legten. Ihr Karrenführer, der heute morgen für mich Partei genommen hatte, fürchtete sich vor ihnen und kam mit seinen Tieren zu mir; er fühlte sich unter meinen Fittichen sicherer. Übrigens hatten auch alle anderen Chinesen nach der Affäre beim Abmarsch mir ihre Zustimmung für mein Eingreifen mit erhobenem rechten Daumen ausgesprochen. Alles Gerechtigkeitsgefühl ist also bei ihnen nicht erloschen. Der Abend war ruhig und nicht sehr kalt. Hier war wieder eine Quelle mit sehr schönem Wasser, so daß wir unsere Wassersäcke und ausgehöhlten Kürbisse neu füllen konnten.
Durch die steinige Wüste ging es am 7. April weiter nach Ku schui; das Gelände war leicht wellenförmig. Wir hatten denselben Wind wie gestern, aber es war nicht so kalt dabei. Das Thermometer zeigte um 6 Uhr morgens plus 5 Grad. Es ist spaßig zu beobachten, wie es die Karrenführer verstehen, sich stets irgend einen der mit uns denselben Weg ziehenden Kulis zur Hilfe heranzuziehen. Der Herr Karrenführer sitzt bequem auf der Karre, die Stütze muß die Pferde antreiben, muß im Gasthaus kochen, Pferde tränken usw. Dafür darf der helfende Chinese sein geringes Gepäck auf die Karre legen. Das Wasser war heute ungenießbar, wir mußten erst ein tiefes Loch graben, um überhaupt welches zu bekommen. Zum Kochen nahmen wir das von uns mitgeführte Wasser und marschierten abends gleich weiter, weil der nächste Wasserplatz über 70 Kilometer entfernt lag. Ich litt wieder an Verdauungsstörungen, wahrscheinlich weil ich gestern, als ich sehr durstig war, unabgekochtes kaltes Wasser getrunken hatte. Im allgemeinen pflegte ich nach chinesischer Sitte stets heißes Wasser zu trinken; die eine Ausnahme hatte gleich üble Folgen. Unsere Reisegefährten wollten eigentlich auch über Nacht marschieren, zankten sich jedoch im letzten Moment mit ihrem Karrenführer. Dieser bat mich, zu vermitteln, ich hütete mich jedoch, mich noch einmal mit diesen Leuten einzulassen.
Aufbruch aus dem Biwak (Gobi)
Wir hatten die Nacht zum 8. April hindurch einen recht schweren Marsch in tiefem Sande. Ich war froh, als wir um Mittag am nächsten Tage Punkt 12 Uhr die lange Strecke hinter uns hatten und in Yen tun gutes Unterkommen fanden. Die Oase besitzt vier oder fünf Gasthäuser, die natürlich die einzigen vorhandenen Gebäude sind, außer einem Tempel, in dem die wandernden Bettler unterkommen. Ich hatte auf dem Marsche wieder einmal Gelegenheit, zu sehen, was für zähe Menschen diese schlecht genährten, eigentlich nur von Grütze lebenden Chinesen sind. Mit unserer Karre liefen drei nach Hami wandernde Handwerksburschen die ganze Strecke mit, dazu noch in ihrer unpraktischen Kleidung, ohne hinterher etwa besondere Mattigkeit zu zeigen, trotzdem auf dem Marsch keine Ruhepause gemacht worden war. Während das Thermometer in der Nacht unter dem Gefrierpunkt gewesen war, zeigte es um 3 Uhr nachmittags plus 42 Grad. Im Laufe des Tages trafen dann gruppenweise, je nachdem sie abmarschiert waren, alle Mitreisenden hier ein. Viele derselben kannten mich jetzt schon und begrüßten mich stets freundlich.
Gegen Abend bemerkte ich draußen vor dem Tor einen Auflauf. Eine mit uns die gleiche Strecke reisende Familie, ein Mann, zwei Frauen und vier kleine Kinder, denen ich neulich schon einmal Geld geschenkt hatte, waren inzwischen völlig mittellos geworden und wurden jetzt vom Geschäftsführer gezwungen, einen ihrer drei Esel zu verkaufen. Dies war für die Leute ein harter Schlag, denn die Frauen konnten mit ihren verkrüppelten Füßen nicht laufen und den dritten Esel gebrauchten sie zum Transport ihrer kleinen Kinder, die in zwei Kisten, an jeder Seite des Sattels eine, untergebracht waren. Ich kaufte sofort den Esel für denselben Preis zurück und stellte ihn den überglücklichen Leuten wieder zu. Ein anderer Mitleidiger schenkte ihnen noch 1000 Cash, so daß sie nun wohl bis Hami, ihrem Bestimmungsort, gelangen konnten. Der Mann war ganz betäubt von dem plötzlichen unerwarteten Glück. Mir taten die armen kleinen Kinderchen besonders leid und ich schickte ihnen noch Essen, da sie den ganzen Tag nichts bekommen hatten; außerdem überließ ich ihnen einen Sack Wasser.