Rasthaus in der Wüste Gobi

Tschanglu sui war das Ziel des 9. April. Die Wüste war nicht mehr ganz vegetationslos, an einzelnen Stellen traten Gräser auf, und einmal kam sumpfiges Wasser zutage, um welches herum einige Bäume wuchsen, die ersten, die ich seit vielen Tagen wieder zu Gesicht bekam. Ich ging die ganze lange Strecke zu Fuß, es wurde allmählich drückend schwül; da ich Gamaschen, Pelzmütze und Pelzweste trug, so war ich beim Eintreffen in Tschanglu sui einem Hitzschlag nahe. Auf der Straße hatte sich eine größere, Hasard spielende Gesellschaft niedergelassen; es ging um geringe Beträge. Um fünf Uhr nachmittags spielten sie immer noch; die Köpfe waren rot und die Summen waren recht bedeutend gestiegen. Es lag viel Silber auf dem als Unterlage benutzten Tuch. Im Norden wurden die hohen, meist mit Schnee bedeckten Ausläufer des Thien Schan sichtbar. Um 5 Uhr setzte aus Nordwesten Staubsturm ein, nachdem den ganzen Tag ein heißer Ostwind geweht hatte; noch um 8 Uhr abends zählte ich 22 Grad.

Am nächsten Morgen hatte der Staubsturm abgenommen, und da wir den Wind im Rücken hatten, ließ ich aufpacken und abmarschieren. Die Gegend war Steppe, von Zeit zu Zeit sah man sumpfige Stellen, auch vereinzelte Bäume. Viele Pony- und Kamelherden grasten unter Aufsicht berittener Hirten, welche Luntenflinten, mit dem gabelförmigen Auflegegestell am Gewehr, auf dem Rücken trugen. Es waren malerische Gestalten. Der Sturm ließ mehr und mehr nach und es wurde wieder drückend schwül, für die Leute, die, in ihre Schafpelze gehüllt, von Ngan Hsi Tschau abmarschiert waren, nicht angenehm. Hinter uns fiel ein Karren in ein Sumpfloch. Die Mulis konnten weder vor- noch rückwärts und hätten leicht ertrinken können. Ich ließ halten, um zu helfen, half auch selbst mit; denn ich mochte den Su tschau fu'er Kaufmann, der, wie ich schon öfter Gelegenheit gehabt hatte zu beobachten, rührend für seine Tiere sorgte, nicht sitzen lassen. Der Erfolg war, daß die Tiere zwar herauskamen, ich selbst aber von oben bis unten mit gelbem Lehm beschmiert war.

Dicht vor unserm heutigen Ziele, Chonnega, sah man das erste bestellte Feld. Wir kamen in der, eigentlich als Soldatenlager erbauten, aber nicht mit Soldaten besetzten, Herberge sehr gut unter. Die Anlage ist praktisch und, da sie neu ist, auch tadellos sauber, im Viereck erbaut mit zwei Ställen in je zwei Ecken. Ich hatte zum ersten Male seit Ngan Hsi Tschau einen Raum, den man als Zimmer bezeichnen konnte, und den Luxus eines Tisches und einiger Stühle, sogar frische Semmeln gab es am Abend. Durch das offene Fenster beobachtete ich, wie der Mafu den dicken Pony, meinen besonderen Liebling, schlug, weil er sich den zähen gelben Lehm nicht von den Beinen waschen lassen wollte. Da ich in diesem Punkte sehr kitzlich bin, gab es eine recht scharfe Auseinandersetzung und ich hätte ihn beinahe schon heute entlassen; bald sollte er ohnehin den Rückweg antreten.

Es war eigentlich meine Absicht, um 2 Uhr nachts schon abzumarschieren; ich war jedoch der einzige, der wach wurde. Der Karrenführer lag im Opiumdusel und mein Mafu war überhaupt nicht zu finden; ich mußte warten, und wir konnten erst um 5½ Uhr aufbrechen. Am Wege tauchten Dörfer auf. Der typische Kuppelbau der Tempel und die Gräber, die nicht, wie im eigentlichen China, runde Hügel sind, sondern, wie bei uns, eine längliche Form haben, ließen erkennen, daß wir bei Türken angelangt waren. Die Chinesen nennen diese Leute Schantus; es sind wohl Dschaggatai-Türken. Sie haben auffallend viel Bartwuchs im Gesicht und ziehen sich sehr bunt an; charakteristisch sind ihre Lederstiefel mit weicher Sohle ohne Absatz. Mit diesem Stiefel fahren sie dann in einen Pantoffel mit Absatz, den sie, sobald sie die Zimmer betreten, einfach ausziehen. In der Gesichtsbildung fällt sofort die starke Nase auf.

In der Nähe von Hami wurde der Verkehr stärker. Gegen 11½ Uhr waren wir an der Stadt, durch die hindurch wir zur Beamtenherberge ritten, wo kein Unterkommen zu finden war. Von da aus ging es zur nördlichen Vorstadt, in der wir ganz gut unterkamen; doch gab es gleich Skandal, denn die Menge benahm sich unverschämt und zudringlich. Als einige der Leute "Fremder Teufel!" riefen, griff ich mir einen von den Schreiern heraus. Schließlich nahmen aber die übrigen Leute für mich Partei und beschimpften den Betreffenden auch noch, so daß ich ihn laufen ließ.

Man erzählte mir, daß noch ein Europäer augenblicklich in Hami sei. Nachdem ich gegessen hatte und die Pferde besorgt waren, schickte ich den Mafu zum Yamen; ich selbst ließ mich zu dem Gasthaus führen, wo der Europäer wohnen sollte. Man war sich über Nationalität und Beruf nicht einig; die einen behaupteten, es sei ein Russe, andere sagten, es sei ein Deutscher; jedenfalls sei er sehr grob. Ich wanderte durch die Stadt, eigentlich muß man hier schon Basar sagen, zum Gasthaus des Fremden, den ich gerade mit Waschen seiner Pferde beschäftigt fand; sie hatten, ebenso wie die meinigen, Läuse, und da auf die chinesische Bedienung kein Verlaß ist, machte er es ebenso wie ich und wusch sie selbst. Ich redete ihn an: "Sprechen Sie deutsch?" "Jawohl", sagte er, worauf ich erwiderte: "Ich bin ein Deutscher, und freue mich, einen Landsmann zu treffen." Er teilte mir mit, daß er Bode heiße und Kapitänleutnant außer Dienst sei, worauf ich mich ihm als deutscher Offizier vorstellte. Nun waren wir gleich im richtigen Fahrwasser, und als Kameraden fühlten wir uns wie alte Bekannte. Ich fand in Kapitänleutnant Bode einen weit gereisten Mann, der viel von der Welt gesehen hatte und sehr Interessantes zu erzählen wußte. Er reiste, wie ich, ohne größeren Komfort und wechselte seine Begleitung und Dienerschaft von Ort zu Ort. Der hiesige Yamen hatte ihm zuerst jegliche Unterstützung verweigert. Daraufhin hatte er nicht lange gefackelt, sondern sofort mittels des ausnahmsweise funktionierenden Telegraphen die russischen Behörden in Urumtschi um Unterstützung gebeten. Die Russen hatten diese Gelegenheit benutzt, um ebenfalls telegraphisch irgendwelche hohen Chinesen zu drücken, und der hiesige Yamenbeamte schien eine scharfe Zurechtweisung erhalten zu haben; jedenfalls war er zahm geworden wie ein Lamm, was auch mir zugute kam. Man ersieht hieraus, wie weit der russische Einfluß reicht, bis zur äußersten Ostgrenze von Turkestan. Bode war ein unabhängiger, sehr energischer Mann, der zu seinem Vergnügen reiste. Er beabsichtigte, ungefähr bis Hsi Ngan Fu den von mir genommenen Weg zu verfolgen und von dort aus später nach Süden zu gehen. Ich saß bis spät abends bei ihm, trank aber leider zu viel von seinem vorzüglichen, an der Quelle gekauften Ceylon-Kaffee, der mir solches Herzklopfen verursachte, daß ich mich später lange schlaflos herumwälzte. Meiner braven Stütze, dem Mafu, redete ich zu, mit Kapitänleutnant Bode wieder zurückzuwandern; auf diese Weise wurde ich ihn besser los, als wenn ich ihn später hinaussetzte, was doch bald hätte geschehen müssen, weil er von Tag zu Tag mehr verbummelte und ich für das Geld, das ich ihm gab, drei Leute bekommen konnte.

Früh morgens am 12. April, einem Sonntage, kam der Mann an, dem ich in der Wüste seinen Esel zurückgekauft hatte; er brachte mir ein schönes, großes Stück Hammelfleisch zum Dank. Ich habe mich über dieses Zeichen der Dankbarkeit ganz besonders gefreut, kam es doch von einem Chinesen, bei dem diese Eigenschaft sehr selten ist, und von einem ganz armen Mann. Ich ritt dann mit der Stute zu Kapitänleutnant Bode, um ihn zu einem gemeinsamen Besuche beim hier residierenden Schantu-Sultan abzuholen. Der Yamen des Sultans lag in der westlichen Vorstadt, die nur von Mohammedanern bewohnt ist. Da ich mich vorher hatte anmelden lassen, erwartete man mich bereits. Die Mitteltüren wurden mir zu Ehren geöffnet, und ich trat in einen langen, von Gebäudereihen flankierten Hof. Am Kopfende befand sich ein höheres Gebäude. Der Prinz kam selbst heraus und bewillkommnete mich aufs liebenswürdigste. Wir traten in eine schöne Halle, deren Einrichtung ganz im chinesischen Stil gehalten war; man sah gemalte Schriftzeichen auf Rollen an den Wänden, geschnitzte Gitterfenster, sehr schöne seidene Teppiche aus Chotan, Rotlacksachen, Jettgegenstände und gute Porzellane. Wir bekamen Tee, Biskuits und kleine Konfitüren russischen Ursprungs vorgesetzt.

Ich fand in dem Sultan einen Mann mittleren Alters von sehr angenehmem Wesen, der bei weitem besser orientiert war, als der vornehme Durchschnitts-Chinese es zu sein pflegt. Ich unterhielt mich mit ihm Chinesisch, während Bode Türkisch mit ihm sprach; der Sultan beherrschte beide Sprachen. Wir blieben wohl anderthalb Stunden; er erkundigte sich nach woher und wohin und nach europäischen Verhältnissen, besonders interessierten ihn die mehr oder minder freundschaftlichen Beziehungen der Völker zueinander, und hierbei namentlich die englisch-russische Frage in bezug auf die Aufteilung Mittel-Asiens. Natürlich wollte er gern wissen, welche der beiden Mächte später einmal sein Herr sein würde; denn daß dieses eintreten müsse, hielt auch er nur noch für eine Frage der Zeit. Nach meiner Ansicht wird es wohl der Russe sein. Mein Freund Boos war vor fünf Jahren auch bei ihm gewesen. Er zeigte uns sein Geschenk, ein Gewehr Modell 88, das gut im Stande war. Leider konnte ich mich mit solchen Geschenken nicht beliebt machen, da ich derartige Sachen nicht mit mir führte. Wir empfahlen uns dann, und der Sultan begleitete uns noch hinaus, um die beiden großen, fremden Pferde zu besichtigen. Kapitänleutnant Bode ritt einen sehr schönen arabischen braunen Hengst, den er selbst bei Mekka gekauft hatte. Ich ritt meine australische Stute. Natürlich zog der Sultan den Hengst vor, da dieser einen sehr schönen, langen Fasanenschweif hatte; meine arme Witwe fand infolge ihres kurzen Schwanzes nirgends Gnade vor den Augen der Besichtigenden.