Rasthaus in der Wüste zwischen Hami und Turfan
Bei großer Kälte und Staubsturm brachen wir am 21. April früh auf. Zuerst ging es drei Stunden lang durch hohe Berge, dann in die Ebene, wo uns der aus Norden kommende Sturm erst recht faßte. Es war einer der schlimmsten, die ich erlebt habe. Man kam nur noch mit Not vorwärts. Um 3 Uhr hatten wir 70 Kilometer hinter uns und langten an einem einsam in der Wüste liegenden Gehöft an, in dem die Pferde gewechselt werden sollten. Das Haus sah zu elend aus, und da ein größerer Ort nur noch 20 Kilometer entfernt sein sollte, ließ ich weiter marschieren. Um 6 Uhr trafen wir in Tschy-go-tai ein, hatten mithin eine Tagesleistung von 90 Kilometern hinter uns, ohne daß die Pferde auffallende Müdigkeit zeigten. Der Ort hatte ein stark befestigtes Soldatenlager, das wie eine Zitadelle die Gegend beherrschte. Das Lager war mit 30 Kavalleristen besetzt. Nachdem ich die letzten vier Tage nur von Reis gelebt hatte, waren Eier und Hammelfleisch, die es hier für teures Geld gab, willkommene Beigaben des Küchenzettels.
Heiligengrab vor Pitschan
Über Nacht legte sich endlich der Sturm. Am 22. April morgens hatte ich wieder einmal großen Zank, da mir nur ein Pferd zur Karre gestellt wurde. Es geht hier durch Wüste, in der vereinzelt an Quellen kleine Oasen liegen. Um Mittag, als wir endlich bebaute Gegend erreichten, zeigte das Thermometer plus 49 Grad. Die Zugpferde hatten bereits mehrfach versagt, man sah es allen Tieren an, daß sie einem Hitzschlag nahe waren. Es war merkwürdig, wie belebend auf Mann und Pferd der Anblick der grünen Felder und Bäume, zwischen denen wir nun durchmarschierten, wirkte. Gegen drei Uhr langten wir in Pitschan, einem großen Orte mit gemischter Bevölkerung, an. Die Chinesen wohnen in einem befestigten Mauerviereck, außerhalb desselben die Mohammedaner. Ich setzte großes Reinemachen an; die Pferde wurden sämtlich gewaschen, die Sachen geklopft und gesonnt und der Beschlag dort, wo es nötig war, von einem geschickten Schmied für billiges Geld erneuert. In der Gegend, in die wir jetzt kamen, gilt anderes Geld; auf den Tael gehen nur noch 400 Kupfer-Cash, so daß letzterer fast annähernd unserm Pfennig entspricht. Besonderen Spaß machte meinem neuen Chinesen am Abend das Bürsten meiner Katzenfelldecke, weil sie elektrische Funken abgab; er begriff gar nicht, was das wäre, und hielt es wahrscheinlich für irgendwelche Hexerei. Genau wie in der Türkei ruft hier abends der Muezzin sein Gebet, allerdings nicht vom hohen Minaret, sondern vom Dach seines Hauses.
Ich hatte den Abmarsch am 22. April, der Hitze wegen, morgens um 5 Uhr befohlen, aber wie stets, waren die Chinesen nicht pünktlich und wir kamen erst um 6 Uhr fort. Zuerst ging es durch das breite, im höchsten Anbau befindliche Pitschan-Tal; überall führten die kleinen, geschickt geleiteten Kanäle das Wasser in die Felder. Die Aprikosen blühten bereits und unterbrachen mit ihren roten Blüten sehr angenehm das satte Grün der Pappeln, Weiden und Tamarisken. Als wir das Tal durchkreuzt hatten und wieder in der Ebene waren, hörte mit einem Schlage jede Vegetation auf und wir befanden uns wieder in der südlich von hohen, kahlen Bergen begrenzten Wüste. Nur ab und zu traf man in tief eingeschnittenen Tälern kleine Oasen. Gegen Mittag wurde es wieder glühend heiß, plus 49 Grad. Die armen Pferde kamen kaum noch vorwärts, und ich war froh, als wir von weitem das mit grünem Blätterschmuck umgebene Liang mutjin endlich vor uns sahen. In den Herbergen war alles besetzt; daher forderte ich unter Vorzeigung meines Passes bei dem Verwalter der kaiserlichen Pferdewechselstelle Quartier. Er hatte nur ein schlechtes Zimmer zur Verfügung, weshalb er mich gern abgewiesen hätte, ich hörte jedoch nicht auf ihn und blieb, sonst hätte ich biwakieren müssen. Nachmittags saß ich draußen und schrieb, was eine wahre Völkerwanderung von Schantus und Chinesen durcheinander veranlaßte. Jeder von ihnen hatte eine Frage zu stellen und schließlich malte ich zur allgemeinen Freude jedem seinen Namen mit deutschen Lettern in die Hand.
Der Kavallerist, der uns seit Tschy-go-tai begleitete, war ein ganz durchtriebener Geselle. Wenn wir nicht mehr weit vor dem Quartier waren, trabte er voraus, und wenn wir ankamen, trat er uns schon als Gentleman in Zivil entgegen, d. h. er hatte die Zeichen seiner Uniform abgelegt, irgendeinen Jungen zum Pferdeabwarten engagiert, und tat, als ob er mich nie gesehen hätte. Zu seinem Kummer rief ich ihn heute heran, um ihm einen Auftrag zu geben. Er wollte zuerst nicht kommen, bis ich sehr deutlich wurde. Die Menge lachte ihn natürlich aus.
Der Abend war drückend schwül, wie ein Gewitterabend zu Hause. Staubsturm und wieder einmal der übliche Zank wegen der Pferde leiteten den 24. April ein. Trotz meines Passes vom Auswärtigen Amt, des Begleitschreibens vom Yamen Hami, des mitgegebenen Beamten und des Kavalleristen, tat der Verwalter der Pferdewechselstelle so, als ob ich ihn überhaupt nichts anginge. In meinem Begleitschreiben vom Yamen Hami stand, daß mir die Pferdewechselstelle stets einen mit drei Tieren bespannten Karren zu stellen hätte. Ich hatte diese um vier Uhr morgens beordert, jedoch erst um 6 Uhr erschienen zwei elende Kracken mit der Karre. Mein Beamter war natürlich im Opiumdusel und zu schlapp, um irgend etwas zu sagen; kurzum, ich mußte selbst wieder eingreifen. Erst zankte ich mich eine Weile mit den sehr wenig Chinesisch verstehenden Schantus herum, die ihrerseits wieder mit meinem Yamenbeamten Höflichkeiten austauschten. Sie warfen ihm vor: "Du verstehst ja unsere Sprache nicht", woraufhin er erwiderte: "So eine Frechheit. Ihr versteht meine Sprache nicht", was die ganze Überhebung des Chinesen kennzeichnet. Schließlich liefen die Schantus weg, weil sie Angst vor Prügel hatten; der Verwalter aber ließ sich immer noch nicht sehen. Ich schickte in das Haus, er möchte herauskommen; er kam nicht. Das war mir nun doch zu viel, ich ging hinein und hielt ihm meinen Paß unter die Nase mit dem Bemerken, daß, wenn nicht binnen fünf Minuten 3 Ponies und Leute zur Stelle wären, ich dafür sorgen würde, daß er seinen Posten verliere. Das half endlich, sofort war alles da und wir kamen glücklich fort.