Es ging durch meist unbebautes Gelände und schließlich einen in tief eingeschnittener Schlucht fließenden Bach entlang. Der Staubsturm wurde immer schlimmer, dicke Wolken des hier rötlichen Staubes wirbelten durch die Luft und erschwerten das Atmen und das Sehen. Auch in Tschönn-tschin-kau, wo wir gegen 1 Uhr ankamen, mußte ich wieder auf der Pferdewechselstelle Unterkunft suchen. Der Verwalter tat höchst großspurig; doch achtete ich nicht darauf und überhörte gänzlich seine unverschämte Anrede: "Niti mingtse!" (Dein Name)! Als ihm dann einer von den Leuten erzählte, daß ich Offizier sei, war er plötzlich wie ausgewechselt, lud mich zum Essen ein und war sehr freundlich. Er war schon 60 Jahre alt und hatte eine hübsche junge Frau, die bloß nach mir guckte und vor Neugierde beinahe verging, bis ich ihr schließlich meine europäischen Sachen zeigte.
Der Dicke wollte nicht fressen, ließ den Kopf hängen und schien Leibschmerzen zu haben; wahrscheinlich hatte er zu kalt gesoffen. Der Staubsturm ließ auch am 25. April nicht nach, im Gegenteil, er nahm zu, er kam aber jetzt aus Osten, also von hinten, so daß man es nicht so schlimm empfand. Durch steinige Ebene, bedeckt von unzähligen kleinen Erdhügeln, die wie Brunnen aussahen, zogen wir weiter. Ich konnte mir zuerst ihre Bedeutung gar nicht erklären, bis ich herausfand, daß die ganze Wüste über und über von nord-südlich gehenden unterirdischen Wasserleitungen durchzogen ist. Die Erdhügel sind durch Herausschaffen der Erde aus den unterirdischen Kanälen entstanden. Sie haben oben Öffnungen, um in die meterhohen Kanäle hineinzusteigen. Letztere bringen das von den nördlichen Bergen herunterkommende Wasser zu den menschlichen Ansiedelungen. Über der Erde geleitet, würde es wohl bald im Sande versiegen. Mehrfach an verfallenden unbewohnten Gehöften vorbei erreichten wir gegen Mittag endlich Turfan. Schon von weitem sah man einen hohen Turm bei einem mohammedanischen Grabmal. Es ging durch Vorstädte mit landwirtschaftlichen Betrieben und den üblichen kleinen Bewässerungsgräben, die zum Leidwesen der Reisenden oft mit ihren hohen Ufern die Straße kreuzen, so daß der Wagen festsitzt. Die eigentliche Stadt ist mit Wall, Graben und Tortürmen im chinesischen Stil versehen. Wir kamen am Yamen vorbei und zu einem Gasthaus, welches mir nicht gefiel; also weiter. Noch zwei andere Herbergen sagten mir ebensowenig zu. Der Hamier Yamenbeamte, dem es zu lange dauerte, wurde unverschämt, so daß er nur mit knapper Not der Strafe entging. Schließlich langten wir wieder beim Yamen an. Ich benutzte die Gelegenheit und gab Paß und Visitenkarte ab, um mich anzumelden. Ein chinesischer Junge übernahm nun die Führung und brachte uns nach einem in der Vorstadt, nicht weit vom Tore, gelegenen Schantu-Gasthaus, das gleich einen sehr guten Eindruck machte. Es war tadellos sauber, hatte ein festes Sonnendach über dem ganzen Hof und einen guten Stall. Ich war froh, endlich untergekommen zu sein und ließ sofort auspacken. Der Hamier Yamenbeamte bekam kein Trinkgeld und wurde entlassen.
Ich machte Toilette und ließ mir von einem Schantufriseur die Haare schneiden, wofür er 120 Cash, also ungefähr 30 Pfennig forderte; er bekam natürlich nur ein Viertel davon und zog schimpfend ab. Bald darauf kamen Leute vom Yamen Turfan und brachten mir als Geschenk ihres Herrn Pferdefutter und Essen, was ich sehr zuvorkommend fand. Um 5 Uhr ging ich hin, ließ mich anmelden und wurde von Wönn ta lauye empfangen. Ich fand einen vornehmen, liebenswürdigen Hunanesen, der sehr leidend war. Nach den üblichen Fragen nach woher und wohin, Alter, Eltern usw. ließ ich als Dank mein Geschenk, eine Halfter mit Trense, überreichen. Ich ahnte nicht, daß der alte Herr nicht mehr reitet, sonst hätte ich ihm etwas anderes geschenkt. Beim Abschied ließ er mir zu Ehren die Haupttore öffnen und begleitete mich noch hinaus. Wahrscheinlich war er sehr erstaunt, daß ich ohne jeglichen Dienertroß, also ganz entgegen chinesischer Sitte, angekommen war; er fragte mich sofort, wo denn meine Leute und Pferde seien.
Der Staubsturm wurde immer übler; namentlich litten die armen Pferde darunter. Mein guter Dicker wollte noch immer nichts fressen und war ganz schwach. Ich hatte fortwährend eine Unzahl Jungen um mich, die sich aber viel anständiger benahmen als die chinesischen Rangen gleichen Alters. In dem Gasthaus kaufte ich von einer Türkin zwei der hier üblichen Mützen, von denen ich eine zum allgemeinen Jubel aufsetzte. Abends sandte mir der Yamen einen Hammel, eine Ente, ein Huhn, Reis und Brennholz als Geschenk.
Die Türkinnen hier sind hübsch und sehr viel freier als die Chinesinnen, man sieht sie überall unverschleiert auf der Straße. Über dem offenen oder in zwei bis drei Zöpfe geflochtenen Haar tragen sie als Kopfbedeckung rote, grüne oder blaue Velvetmützen, als Anzug ganz bunte Kleider mit weiten Hosen und über alles ein bis an die Knie gehendes Oberkleid. Die Kleider bestehen meistenteils aus Kattun in den schreiendsten Farben; hier müßte für unmodern gewordene Farbenzusammenstellungen ein gutes Absatzfeld sein. Als Schuhwerk tragen sie entweder hohe, weiche Kniestiefel mit Pariser Hacken oder Pantoffeln; viele gehen auch barfuß. Silberne Ohr- und Fingerringe in chinesischem Geschmack dienen als Schmuck. Die Männer tragen einen langen, vorn offenen, gesteppten Rock und ein über die Hosen gehendes Hemd, bunte Kappe, bunten Gürtel und hohe rindslederne Stiefel.
Wen Li Schan, Mandarin in Turfan
Am nächsten Morgen kam mit großem Pomp Wönn la lauye, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Der alte Herr, dem das Gehen und besonders das Treppensteigen schwer fällt, war wieder sehr liebenswürdig. Natürlich interessierte er sich ganz außerordentlich für meine europäischen Sachen. Leider verstand ich ihn sehr schlecht, da er Südchinesisch spricht und nebenbei auch noch stottert. Er saß wohl über eine Stunde bei mir und fuhr dann ab, nicht ohne sich erkundigt zu haben, ob ich alles Notwendige bekommen hätte und ob ich nicht irgendeinen Wunsch hätte. Über Mittag schickte er mir wieder ein Diner, das mir sehr gut schmeckte. Nachmittags wanderte ich durch die Stadt, die auch in ihrem mohammedanischen Teil einen vollkommen chinesischen Eindruck macht, wenn nicht die anders gearteten Kostüme und die bärtigen Männer wären. Übrigens trägt man hier schon sehr viel den Turban. Im Innern zeigen die Häuser, die von außen wie chinesische Bauten aussehen, orientalischen Charakter, gewölbte Decken mit viereckigem Loch als Rauchfang, kein Fenster, oder nur ein ganz kleines vergittertes, Teppiche am Fußboden, die Feuerstelle mit dem Fußboden in gleicher Höhe und vor dem Feuer eine viereckige Vertiefung, von der aus geheizt wird und in welcher Kohlen und Holz aufbewahrt werden.
Waschende Türkin