Als ich zurückkam, fand ich den Turfaner Yamenbeamten im Streit mit einem alten Schantu. Dieser hatte das Pferdefutter für mich zu liefern und behauptete, 40 Cash zu wenig erhalten zu haben. Der Mann vom Yamen wollte mich veranlassen, zu seinem Herrn zu gehen, um den Streit zu schlichten, in der Annahme, daß ich für ihn Partei nehmen würde. Mir fiel es aber gar nicht ein, mich in den Zank der Gesellschaft zu mischen. In diesem Augenblick kam ein junger Schantu dazu und sagte mir: "Der vom Yamen hat gestern drei Viertel deines Essens für einen Tael verkauft und das Brennholz gestohlen." Mir war sofort klar, daß er die Wahrheit sprach; ich drohte dem Beamten, wenn er nicht binnen kürzester Zeit die Sachen zur Stelle schaffe, würde ich zum Yamen gehen, wo sein Herr dann entscheiden solle, wer die Prügel zu bekommen habe. Das Holz kam umgehend zum Vorschein, das Essen war in einer halben Stunde da. Die Schantus waren nun doppelt liebenswürdig gegen mich, weil sie gesehen hatten, daß ich unparteiisch Recht sprach. Die Frau des Geschäftsführers brachte mir europäischen Zucker, also einen großen Luxusartikel, der Alte brachte mir Tee und der Junge bettelte so lange, bis ich ihm versprach, ihn für freie Station und 2 Taels in bar, also herzlich wenig, mit nach Kaschgar zu nehmen. Auch mein Chinese Djang tsche Tschang, der eigentlich nach Urumtschi (Chung Miautse) zu seiner Mutter wollte, entschloß sich, mich nach Kaschgar zu begleiten. Da er recht abgerissen aussah, schenkte ich ihm, praktisch damit sein Trinkgeld verbindend, für die letzten zwölf Tage 1 Tael und gab ihm 2 Taels Zuschuß, damit er sich anständig anziehen könne. Jetzt konnte ich mich doch mit meinen beiden Genossen als richtiger Lauye sehen lassen, denn ohne mindestens zwei Diener gilt hier in China ein Mensch gar nichts. Der Schantu hieß Emin, war gegen 18 Jahre alt, anscheinend aus besserer Familie und machte einen offenen Eindruck. Mein Chinese redete zwar etwas viel, war aber ehrlich; dafür konnte ich schon manche schlechte Eigenschaft mit in den Kauf nehmen.
Geschäftsführer und seine Frau
Türken aus Turfan in meinem Gasthaus
Dem armen Pony ging es dauernd schlechter, er hatte ausgesprochenen Verschlag, die Beine waren dick angelaufen, die Augen trieften und er hatte starke Kreuzschmerzen, dabei war er ganz stumpfsinnig und wollte nichts fressen. Für mich war das ein harter Schlag, daß der gute Dicke, der mich so treu bis hierher geschleppt hatte, nun mit einem Male versagte, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen.
Ganz spät kam noch ein Brief vom Yamen, in dem ich für den 27. April zu einem kleinen Frühstück eingeladen wurde. Am nächsten Morgen spazierte ich also dorthin, nicht ahnend, daß man mir zu Ehren ein größeres Essen angeordnet hatte. Zuerst mußte ich warten, da der Mandarin sich noch nicht erhoben hatte. Unter üblichem Trommelwirbel stand er endlich auf. Nach einer weiteren Stunde des Wartens trommelte es zum zweiten Male, ein Zeichen, daß der Mandarin bereit sei, seine Gäste zu empfangen. Ich kam als erster an. Allmählich stellte sich eine ganze Anzahl von Chinesen aus der Haute volée Turfans ein. Wir bekamen zuerst Süßigkeiten und Mandelmilch, dann rauchte alles. Hierauf schlug die Trommel zum dritten Male und der erste Diener meldete, daß angerichtet sei. Übrigens war die sehr zahlreiche Dienerschaft nicht nur sehr gut angezogen, sondern auch vorzüglich geschult. Wir wurden zum Eßzimmer geleitet, wo uns ein Diner allerersten Ranges vorgesetzt wurde. Peinlich war mir, daß ich in meinem nichts weniger als salonfähigen Reisekostüm erschienen war, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern und hinderte mich auch nicht, es mir recht gut schmecken zu lassen. Während des Essens erschien meine Stütze in seinem neuen Anzug und meldete, daß es dem Pony immer noch nicht besser gehe; zugleich fragte er an, ob wir nicht lieber erst morgen aufbrechen wollten, da es ohnedies sehr heiß sei; das Thermometer zeigte 37½ Grad. Ich bestellte den Karren auf abends, um die Nacht durchzumarschieren. Mein Chinese beging nun einen groben faux pas, indem er es sich in dem Eßzimmer in einem der Lehnstühle bequem machte. Da er auch noch Lust zeigte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, schickte ich ihn sofort mit einem Auftrag nach Hause. Um 12 Uhr empfahl ich mich, nochmals für die vielen mir erwiesenen Aufmerksamkeiten dankend. Der Boden brannte mir unter den Füßen, des kranken Ponys halber. Zu Hause fand ich das arme Tier völlig teilnahmslos vor und überlegte schon, ob ich es nicht lieber erschießen sollte, denn verkauft hätte ich es in diesem Zustande keinesfalls. Aber man klammert sich ja auch bei kranken Tieren stets, wie der Ertrinkende an den Strohhalm, an die Hoffnung auf Besserung. Der Pony, der mich persönlich ganz genau kannte, nahm von mir etwas altes Brot und dann geschnittenes Stroh mit Kleie gemischt an, legte sich aber nicht hin, da er anscheinend Angst vor dem Aufstehen hatte.
Nachmittags ging ich zum Telegraphenamt, um nach Deutschland zu melden, daß ich noch am Leben sei; da ich den chinesischen Ausdruck für Telegraph nicht wußte, irrte ich erst eine Zeitlang umher, ohne ihn zu finden. Schließlich malte ich in einem Laden einem intelligenten Kaufmann denselben auf, er verstand auch sofort, wohin ich wollte, und bald waren wir an Ort und Stelle. Hier gab es nun einen ergötzlichen Auftritt. Zuerst war der Draht bei Karaschar gerissen; einem on dit zufolge soll er immer gerissen sein. Dann verstand kein Mensch europäische Schrift, und ich selbst beherrsche nicht soviel chinesische Schriftzeichen, um ein Telegramm aufsetzen zu können. Schließlich bequemte sich einer der Beamten doch dazu, notdürftig Englisch zu können. Nach Deutschland zu telegraphieren, war unmöglich; ich schrieb daher ein Telegramm nach Kaschgar an das russische General-Konsulat auf, in dem ich bat, das Telegramm an meinen Vater nach Deutschland weiter zu geben. Selbstverständlich bezahlte ich dafür, obwohl es sehr zweifelhaft war, ob es überhaupt abgehen, und ebenso ungewiß, ob es unverstümmelt in Kaschgar ankommen würde. Wie ich dann später in Kaschgar erfuhr, ist das Telegramm dort unverstümmelt angekommen und in der liebenswürdigsten Weise vom russischen General-Konsul Exzellenz Petrofsky nach der Heimat weitergegeben worden. Die Kosten waren nicht hoch, das ziemlich lange Telegramm kostete nur 1,89 Taels.
Zu Hause packte ich dann, lohnte meinen großen Stab von wirklich netten hilfsbereiten Jungen ab und bedachte auch die schöne Frau des Geschäftsführers, die mir den Zucker geschenkt hatte, mit 200 Cash Trinkgeld.
Derwisch in Tocktsun