Mein Diener wanderte zum Yamen, um nochmals meinen Dank zu bestellen und zu melden, daß ich abmarschiere. Der Mandarin erwiderte dies sofort durch seinen Abgesandten mit der Visitenkarte des Beamten und dem Wunsche einer glücklichen Reise. Nach und nach trafen dann noch ein Begleiter vom Yamen, zwei Kavalleristen, sowie mit einem alten Schantumann vier Karrenponies, dieses Mal auffallend gute, ein. Der arme Dicke wurde hinten angebunden und unter allgemeinem Wunsche der Schantus für glückliche Reise ritt ich in die dunkle Nacht ab.

Vorbei an der Turfaner Neustadt, wo die Chinesen wohnen, ging es auf höchst übeln, in der Nacht doppelt unangenehmen Wegen nach Westen. Wir konnten die Pferde, wenigstens solange es durch angebaute Gegend ging, nicht führen, da uns die Hunde von allen Seiten wie toll anfielen. Bald wurde es empfindlich kalt, nach der hohen Tageshitze doppelt unangenehm. Mir schien, als habe ich noch nie eine so lange Nacht erlebt; ich fror wie ein Schneider und war froh, als wir morgens gegen 8 Uhr die ersten Häuser von Tocktsun erblickten. Merkwürdig gut bekam dem Dicken der lange Marsch; er entwickelte morgens einen gewaltigen Appetit und legte sich nach dem Fressen hin, um famos zu schlafen. Ich war ganz glücklich darüber, daß das Tier durchgekommen war. Diese Ponies sind ein ganz merkwürdig zäher Schlag Tiere, ich glaube, ein Pferd wäre sicher dabei eingegangen.

Tocktsun ist ein Städtchen mit gemischter Bevölkerung, es hat eine Kavallerie-Garnison von 80 Mann. Emin hatte schon heute Heimweh und wollte wieder zurück. Natürlich dachte ich nicht daran, ihn wegzulassen, ohne daß er das Geld, das ich ihm dummerweise als Vorschuß bezahlt hatte, wieder herausgab. Als ich ihm drohte, ihn sofort zum Yamen zu schicken, heulte er mir etwas längeres vor, doch ließ ich mich dadurch gar nicht rühren, sondern entschied, daß er weiter mitgehen müsse. Die Chinesen meinten, er sei eben noch ein Kind, dabei war der Bengel 18 Jahre alt und einen vollen Kopf größer als ich.

Bei empfindlicher Kälte ritten wir am 29. April morgens 4 Uhr ab, zuerst durch steinige Ebene bis an einen Gebirgszug, der den Weg kreuzt. Ich trabte mit meinem Yamenbegleiter und den Kavalleristen voraus. Wir passierten am Anfang der Berge eine der einsamen Poststationen, dann waren wir zwischen fast senkrechten, sehr hohen Felswänden. Der Boden der Schlucht war äußerst steinig, außerdem ging es die ersten 15 Kilometer dauernd in einem Bachbett entlang. Die Berge sind gänzlich vegetationslos, die nördlichen Wände an flacheren Stellen teilweise mit übergewehtem Wüstensande bedeckt. Einmal sahen wir eine vereinzelte Wildente. Wir marschierten unaufhörlich, die Schlucht nahm kein Ende. Die Sonne brannte glühend heiß herunter, das Thermometer zeigte plus 49 Grad; nirgends fand man ein bißchen Schatten. Die Pferde ließen bedenklich die Köpfe hängen und der arme Dicke mußte schon getrieben werden. Zuweilen trafen wir größere Eselherden, die als Lasttiere für Waren benutzt werden. Der Esel kostet hier nur einen Tael, sehr gute bis 3 Taels. Merkwürdig ist, daß große Herden von ungefähr 100 Stück nur von einem einzigen Manne geleitet werden. Ich sah in den Eselkarawanen nur Hengste. Einmal passierten wir eine Karre ohne Bespannung, die Tiere hatten versagt und der Führer war mit sämtlichen Tieren vorausgeritten, um sie zu tränken. Gegen ein Uhr erreichten wir die ersehnte Tränke. Aus einer hundert und mehr Meter hohen Felswand kam an einer porös aussehenden Stelle klares Quellwasser heraus. Es war nicht viel, aber trotzdem lagerten an dieser Stelle Hunderte von Eseln, viele Karren und eine Menge Reisende auf Pferden; es war ein hübsches buntes Bild. Was jedoch noch angenehmer in unsern Ohren klang, war, daß unser heutiges Ziel, die Poststation Orwulac, nicht mehr fern sein sollte. Um 1½ Uhr waren wir zur Stelle. An einer Erweiterung der Schlucht lag eine Häusergruppe, bestehend aus dem Posthause und dem Gung Kwan, dem Rasthause für mit Regierungspaß versehene Reisende. Man findet diese Einrichtung in den meisten größeren Städten, auf den Zwischenstationen seltener, und eigentlich braucht man hier nichts zu bezahlen. Diesen Gung Kwan hatte der kommandierende Offizier aus Karaschar mit seiner Sippschaft ganz mit Beschlag belegt. Ich zog trotzdem mit meinen Tieren in den noch leeren Stall, aus dem mich seine Herrlichkeit sofort wieder herausbefördern wollte. Da er nicht sehr höflich war, wurde ich grob; seine Leute sprangen ein und belehrten mich, daß ich einen Ta-jen (Exzellenz) vor mir hätte. Hierauf erklärte ich, das treffe sich ausgezeichnet, denn auch ich sei ein deutscher Ta-jen; im übrigen würde jeder, der meine Pferde auch nur anfasse, sofort von mir höchst persönlich Hiebe besehen; natürlich wagte keiner mehr, etwas zu sagen. Später zog ich selbst um, weil ich einen noch besseren Stall fand; für die Menschen aber war durchaus kein Unterkommen zu finden. Inzwischen verging Stunde auf Stunde und die Karre kam nicht. Meine armen Tiere waren ganz verhungert; sowie sich nur ein Mensch sehen ließ, wieherte die Stute, in der Hoffnung, er bringe Fressen. Ich legte mich hin und schlief mit dem Sattel als Kopfkissen bald ein. Endlich um 9 Uhr langte die Karre an; die Tiere hatten unterwegs in der Hitze versagt. Nun bekamen die Pferde Futter und auch wir etwas zu essen. Übrigens war der alte Schantu, den mir der Yamen Turfan mitgegeben hatte, rührend gut zu mir. Er suchte mich immer zu trösten, teilte redlich sein bißchen Stroh und sein Brot mit mir und trieb von irgendwo noch Tee und heißes Wasser auf. Der alte Mann verdient wirklich einen Ehrenplatz in meinem Reiseberichte, denn auch weiterhin sorgte er stets für mich, ehe er irgendwie an sich selbst dachte.

Der Verkehr war hier sehr stark, es war gerade Reisezeit. Die ganze Nacht über hörte das Kommen und Gehen von Menschen, Karren usw. nicht auf. Mehrfach wurde mir zu meinem nicht geringen Ärger von Unterkunft Suchenden ins Gesicht geleuchtet, obwohl meine kümmerliche Schlafstelle in der Stallecke keineswegs mit einem Zimmer in der ersten Etage des Berliner Zentralhotels zu vergleichen war. Natürlich konnte sich jedesmal der Betreffende von dem Anblick des schlafenden fremden Teufels nicht trennen, dazu kam noch das Geschrei der unzähligen Esel, es war eine recht herzerquickende Nacht!

Auch am 30. April ritt ich voraus. Es ging noch ein Stück in der Schlucht weiter, die einmal durch einen enormen Felssturz ein ganzes Stück lang verschüttet war. Man sieht noch die Spuren des alten Weges; der neue windet sich jetzt zwischen den abgestürzten Blöcken hindurch. Das Tal erweitert sich, und nach 40 Kilometer Marsch hatten wir die Ebene vor uns, in der man in der Ferne wiederum hohe Berge sah. Auffallend viele Tierkadaver lagen am Wege, ein Zeichen, wie schwer es die armen Tiere hier in dem tiefen, steinigen Sande haben. Es war wieder glühend heiß, plus 50 Grad C; um ein Uhr waren wir in Kümmisch, einem kleinen Dorf mit ganz gemischter Bevölkerung, wo Schantus, Dunganen und Bekenner der konfuzianischen Lehre bunt durcheinander wohnen. Ich fragte, ob hier Mischheiraten vorkämen, was mit Entrüstung von allen Seiten zurückgewiesen wurde. Kaum zwei Wochen weiter, konnte ich mich wiederholt von dem Gegenteil überzeugen, alles heiratete lustig durcheinander. Mein Schantudiener wollte nicht mehr mit dem Chinesen in einem Zimmer schlafen, natürlich nur, um mir Schwierigkeiten zu machen. Letzterer erwies sich als ein sehr brauchbarer Diener, während der andere ein bäuerischer und noch dazu ganz kindischer Mensch war. Die Chinesen haben hier an einem Bergabhang eine schöne große Quelle, die in ein Becken fließt; letzteres ist vollkommen verschlammt und morastig, und das überfließende Wasser ist infolgedessen gar nicht mehr genießbar. Trotzdem denkt kein Mensch daran, das ganz flache Becken einmal zu reinigen.

Poststation im Gebirge vor Kümmisch

1. Mai. Unsere heutige Tagesleistung betrug 70 Kilometer. Wir marschierten wieder ganz früh ab; ich ritt voraus, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nur einmal solche ganz in der Ferne. Bald befanden wir uns in den Bergen, die aber nicht so hoch und steil waren wie die letzten. Nach 45 Kilometer Marsch erreichten wir Kara Kysyl, das die Chinesen Lu-fu-gu nennen; auf den Karten ist ein Flecken gezeichnet, in Wirklichkeit ist es nur ein großes Gehöft in einer Talerweiterung. Das Gasthaus war gestopft voll, ich zählte allein über 100 Ponies, ohne die Maultiere und Esel. Der Geschäftsführer des Gasthauses wollte mit meinem Karren einige Kisten nach Karaschar mitsenden, was ich jedoch untersagte, da ich kein Mietskutscher sei. Am Nachmittag schlief ich etwas Vorrat, da wir die Nacht durch marschieren wollten. Dann ging es weiter in die nur schwach vom zunehmenden Monde erleuchtete Nacht. Der Weg war gut und im schlanken Trab kamen wir schnell vorwärts. Um 11,45 Uhr hatten wir bereits 45 Kilometer hinter uns und waren an einer Poststation, in der noch Licht brannte. Nach längerem Klopfen wurde uns geöffnet und wir bekamen von dem natürlich eifrig Opium rauchenden Beamten sehr guten Tee vorgesetzt. In keiner der vielen Poststationen, die ich passierte, habe ich einen Beamten getroffen, der nicht rauchte. Der Weg blieb auch weiterhin gut und hell genug, obwohl der Mond verschwand. Einmal sahen wir in der Dunkelheit einen Fuchs, dessen Körper phosphoreszierte, so daß wir zuerst glaubten, es sei ein Licht.