In der Herberge Kara Kysyl

Um 4½ Uhr morgens waren wir in Usch Dalla und kamen leidlich gut unter. Mein Pferd war trotz der gewaltigen Anstrengung nicht sehr müde; wir hatten innerhalb der letzten 24 Stunden 270 Li, etwa 135 km, zurückgelegt. Vier Stunden später traf die Karre ein; meine Leute hatten mehrfach Antilopen gesehen, die uns in der Dunkelheit entgangen waren. Unangenehm bemerkbar machten sich jetzt schon die vielen Fliegen, besonders die Stute war sehr empfindlich dagegen und schüttelte den ganzen Weg über den Kopf; übrigens ging sie jetzt ganz vorzüglich und von dem alten Widerristdruck war gar nichts mehr zu merken; auch der gute Dicke befand sich wohler, so daß ich daran denken konnte, ihn in einigen Tagen wieder zu reiten.

Kara Kysyl
Pferdefüttern mittels eines zwischen zwei Karren gebundenen Sackes

Am nächsten Morgen merkte man den Tieren doch etwas den langen Marsch an. Emin stand wieder einmal nicht auf und machte damit sein Maß voll. Ich ärgerte mich dabei noch weniger über ihn, als über mich selbst, daß ich mich so hatte über die Ohren barbieren lassen. Schon morgens war es drückend schwül. Es ging durch Steppe, die viele sumpfige Stellen aufwies und teilweise mit Bäumen bestanden ist. Ich war recht froh, als wir um 12 Uhr in Tsching sui choa anlangten, einem Nest mit schlechtem Gasthause. Emin bekümmerte sich, wie üblich, um nichts und da er außerdem, anstatt mein Essen zu besorgen, ausging, riß mein Geduldsfaden und er ward entlassen. Zur Strafe nahm ich ihm die für mein Geld gekauften Decken weg und gab sie meinem chinesischen Diener. Merkwürdig war nun zu beobachten, wie sich sofort zwei Lager bildeten, die den Vorgang besprachen. Die einen meinten, ich täte ganz recht, da der Bengel faul und schmutzig wäre, die andern erklärten, es sei unrecht, so ein Kind hier hilflos auszusetzen. Ein alter Kavallerist bat mich, Emin wenigstens noch bis Karaschar mitzunehmen, aber als ich ihm vorschlug, sein Pferd zu diesem Zweck herzugeben, zog er doch lachend ab. Im Laufe des Abends erschien Emin noch ein paar Mal, um ein Trinkgeld zu erbetteln, jedoch ohne Erfolg.

Rasthaus in der Steppe vor Karaschar

Die Stute hatte leider hinten rechts eine angelaufene Sehnenscheide; wahrscheinlich infolge von Überanstrengung. Durch sumpfige Gegend, in der wir auffallend viel graue, unsern Ringelnattern gleichende Schlangen sahen, von denen die Chinesen behaupten, sie seien sehr giftig, zogen wir weiter. Die Bauern hatten hier zur Überschwemmung ihrer wenigen Felder wieder einmal die Wege als Wasserleitung benutzt, so daß man gezwungen war, stets abseits im Sumpfe zu reiten. Infolgedessen verloren meine Tiere mehrere Eisen. Die Gegend hatte auffallend viel Wasserwild.

Mehrfach kamen wir an Filzjurten der Mongolen vorbei. Hier residieren zwei Fürsten, denen auch die großen, hier weidenden Pferdeherden gehören. Diese Gegend stellt hauptsächlich den Pferdebedarf bis Schansi, von dort ab findet man den nordmongolischen Pony wieder häufiger vertreten. Der hiesige Pony hat mehr Exterieur als der nordmongolische; er erinnert in seinem ganzen Bau mehr an unser Pferd, zeigt also ein edleres Gepräge als unser alter Freund aus dem Norden. Er hat einen feineren Kopf und längeren Hals, Schopf, Mähne und Schweif sind sehr stark; letzterer reicht bis auf die Erde, und gelegentlich findet man auch ebenso lange Mähnen. Die Farben sind genau so bunt, wie die der nordmongolischen Ponies. Die Tiere werden im allgemeinen gut gehalten, verhältnismäßig selten findet man gedrückte oder lahme; der Preis ist erheblich niedriger als im Osten. Ein leidlich guter Pony mittlerer Klasse kostet zwischen 18 und 25 Taels, aber auch für 10 bis 15 Taels kann man schon einen ganz annehmbaren bekommen.