Das sogenannte Ili-ma also im Kreise Ili gezogene Pferd, das sich nur durch besondere Größe auszeichnet, gefiel mir weniger, da die beim Pony nun einmal vorhandenen häßlichen Points infolge der Größe beim Pferde mehr hervortreten. Besonders der unverhältnismäßig große Kopf fällt auf. Maultiere kommen hier weniger vor.
Gegen Mittag näherten wir uns Karaschar; das eigentlich mitten im Sumpfe liegt. Meine beiden Begleiter baten mich, doch das große Pferd zu reiten, was ich ihnen zu Gefallen denn auch tat; natürlich machte es bei der Bevölkerung sehr viel Eindruck. Die Stadt an sich ist nicht groß und war fast vollkommen verlassen. Ganze Häuserreihen standen leer; das infolge des sumpfigen Untergrundes herrschende Fieber hatte die Leute vertrieben. Wir ritten zuerst in die südliche und dann in die westliche Vorstadt, in denen sich das Hauptleben abspielt. Alle Gasthäuser waren überfüllt oder die Leute wollten mich nicht aufnehmen, und dazu herrschte eine schreckliche Hitze; doch ich hatte in China schon Geduld gelernt und suchte ruhig weiter. Sowie man nämlich heftig wird oder zu schimpfen anfängt, ist es vorbei und man bekommt überhaupt kein Quartier. Schließlich hatten wir alle vorhandenen Herbergen abgeklappert und kamen zum Ausgangspunkt zurück. Dort war in einem großen Gasthofe gerade ein Zimmer frei geworden, das ich sofort mit Beschlag belegte. Zwei chinesische Lauyes mit ihrem gesamten Gesinde hatten alles übrige besetzt; der eine kam von Urumtschi (Chung Miauts) der andere aus Aksu. Mein Diener mußte sofort ausgehen und sich noch einige Sachen kaufen, um im Yamen anständig auftreten zu können. Ich besorgte unterdessen, von etwa hundert Zuschauern umgeben, in Hemdsärmeln die Pferde. Der Lauye aus Aksu kam, um mich zu besuchen, und konnte sich nicht genug wundern, daß ich diese Arbeit selbst verrichtete, obwohl ich doch auch ein Lauye sei. Er begriff nicht, daß es mir viel wichtiger war, meine Tiere nicht unversorgt zu lassen, als was die Leute über mich dächten. Bald erschien einer vom Yamen und brachte Mais und Stroh als Pferdefutter. Gegen 4 Uhr kam auch Dschang zurück; es hatte zwar etwas lange gedauert, aber er war wirklich, nach chinesischen Dienerbegriffen, tadellos angezogen, was mich 3 Taels kostete. Er wanderte gleich zum Yamen, um meinen Besuch dort anzumelden. Ich aß einen Bissen Brot und einige Eier, sattelte dann, zog mich um und ritt auf dem großen Pferde, mit meinem Turfaner Begleiter als Vorreiter und dem guten Dicken blank hinterher, zum Yamen. Die Wirkung war die gewünschte, bei meiner Ankunft wurde ich mit drei Böllerschüssen empfangen und die große Mitteltür wurde geöffnet. Mein Diener war besser angezogen, als die ganze Yamengesellschaft, was ich mit Genugtuung feststellte. Ich tauschte mit dem Mandarin die üblichen Redensarten aus und zog mich dann zurück, erhielt wieder meine drei Böllerschüsse und ritt auf meiner Stute stolz an der gesamten aufmarschierten Yamengesellschaft vorbei, während die Stute einen großen Köter, der sie hinten in die Beine biß, ebenso wie die Böller mit Verachtung strafte.
Mandarin in Karaschar
Im Gasthaus machte ich dem Mandarin aus Aksu meinen Gegenbesuch. Er schien ein Lebemann zu sein, denn das einzige, was ihn interessierte und wonach er sich sofort sehr eingehend erkundigte, waren die Verhältnisse der Demimonde in Europa. Während wir uns unterhielten, kam der Ortsmandarin, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Die Sache verlief wie üblich; ich zeigte ihm meine Waffen, das Fernglas, den photographischen Apparat und die Landkarte, was denn auch meist genügt. Er lud mich für morgen früh zum Essen ein, was ich dankend annahm. Abends engagierte ich dann noch einen zweiten Chinesen, einen gewesenen Kavalleristen, als Diener für 4 Taels monatlich. Nach dem Abendessen besuchte mich wieder der Mandarin aus Aksu. Am 5. Mai früh bekam ich ein schönes heißes Bad, während ich sonst immer mit einem kalten Bade vorlieb nehmen mußte. Der Yamen hatte mir Leute geschickt für sogenannte kleine Arbeit; ich verteilte diese und ritt um 7½ Uhr mit Vor- und Nachreiter und mit einem Begleiter vom Yamen zu dem Mandarin zum Frühstück. Der Empfang war wie gestern, dann gab es ein verhältnismäßig kurzes Essen, zu dem außer mir noch sechs Personen geladen waren. Der Mandarin mußte sich in mein Fremdenbuch eintragen, ich photographierte ihn und ging dann zurück in die Stadt, in der ich einige Besorgungen erledigte. Mir fiel hierbei ein alter Mann auf, den ich nach seinem Alter fragte. Er war 98 Jahre alt, hatte noch alle Zähne im Munde und ging aufrecht und stolz wie ein Dreißigjähriger.
Karaschar — Mongole
Die Leute hier waren alle sehr freundlich. Ich hörte mehrmals die Bemerkung fallen: "Dieser Europäer ist sehr friedfertig"; mir schien das ein schlechtes Licht auf meine Vorgänger zu werfen. Über Mittag schickte der Yamen einen Diener. Ich mußte meinem neuen Diener seine sämtlichen Sachen aus dem Leihhause auslösen; das war wieder ein schöner Reinfall für mich! Im ganzen kostete mich der Scherz 3 Taels; von jetzt ab mußte er aber seine Sachen in meinem Zimmer deponieren, sonst wäre er wohl bald mit samt den Sachen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Karaschar hat ganz gemischte Bevölkerung. In der Umgegend leben sehr viele Mongolen, die von den Chinesen "Dase" genannt werden; ob dies ein Spottname ist, konnte ich nicht feststellen, jedenfalls werden die Mongolen nicht nur von den Chinesen und Türken gründlich ausgebeutet, sondern auch überall verhöhnt. Die Stadt liegt am Chai du gol, dessen schmutziges, ganz trübes Wasser die Tiere merkwürdig gern saufen. Das Brunnenwasser ist überall schlecht. Die große Stute hatte ein stark entzündetes Auge und auch die Sehnenscheidenentzündung hatte sich noch nicht gebessert, so daß ich noch einen Ruhetag zugab, der auch dem Dicken, der sich sonst gut aufführte, sehr zu gute kam.
Mandarin mit Familie