Für den folgenden Tag mietete ich mir Ponies zur Antilopenjagd, und beschloß, einem der Mongolenfürsten einen Besuch zu machen. Wir ritten mit meinem Turfaner Yamenbegleiter und zwei Kavalleristen am 6. Mai ganz früh los, ich auf einem ganz netten Paßgänger-Schimmel, in nördlicher Richtung hinaus in die Steppe. Nach 20 Kilometer hatten wir die ersten mongolischen Jurten vor uns, deren große, schöne Hunde uns sofort wütend anfielen. Die Hunde wurden festgehalten und wir fanden bei den Mongolen freundlichste Aufnahme. Ihre Jurten sind rund und mit Filzdecken belegt, die Tür ist ungefähr einen Meter hoch und drei Viertelmeter breit. Von dem etwa drei Fuß hohen, gitterförmigen Rand laufen aufwärts zu einem Reifen von ungefähr einem Meter Durchmesser Stäbe zusammen, die das Dach bilden. Die Öffnung hat einen Windschutz; in der Mitte des Zeltes steht auf einem Dreifuß ein großer Kessel; das Feuer wird mit Kamelmist genährt. An den Wänden hängen die Gebrauchsgegenstände, und unten sind die Filzdecken und die Pelze wie eine Bank zusammengelegt. Gegenüber der Tür sieht man einen Altar mit Räuchergefäßen, auf dem kleine Metallbecken stehen; in diesen befindet sich Fett. Ich bekam sofort Milch vorgesetzt, ferner Milchtee und in kleinen Holzgefäßen Mehl in Tee aufgeweicht. Ein Kavallerist diente als Dolmetscher. Als wir abritten, mußten wiederum alle Hunde festgehalten werden; sie sind dunkelfarbig, so groß wie unsere Schäferhunde und gehen rücksichtslos auf jeden Fremden los.

Straßenbild aus Karaschar

Mitten im hohen Grase fanden wir weiter nördlich ein menschliches Skelett, von der merkwürdigen Bestattungsart der Mongolen herrührend. Diese überlassen ihre Toten einfach den wilden Tieren in der Steppe Einmal sahen wir flüchtige Antilopen, sonst bemerkten wir nur große Herden von Ziegen, Schafen, Pferden, Rindvieh und Kamelen. Überall sah man die runden Jurten noch gerade über das hohe Gras hinwegragen.

Nach weiteren 25 Kilometern kamen wir an ein Dorf, an dessen Eingang ein gefallenes Maultier von Hunden herumgezerrt wurde. Das Dorf beherbergt einige Kaufleute, Schantus und Chinesen, die die Mongolen ordentlich übers Ohr hauen.

Wir wandten uns nach Westen und waren nach etwa vier Kilometern am Lauwang-fu, dem Yamen des mongolischen Fürsten, der sich jedoch nicht zu Hause befand, sondern mit seinen sämtlichen Leuten und Herden nördlich in den Bergen frisches Weideland bezogen hatte. Wahrscheinlich bewohnt er auch dort nur eine Jurte. Der im chinesischen Stil groß angelegte Yamen war unglaublich verwahrlost; überall nisteten Scharen von Tauben, nicht eine einzige Wand stand gerade, fast alle waren eingefallen oder im Einfallen begriffen. Die Räume waren meist leer, nur einige Prunkgemächer waren eingerichtet; es standen aber Karren, Geschirre usw. darin. Einige Mongolen als Wache hatten in einem der Höfe ihre Jurten aufgeschlagen. Wir bekamen wieder Milch und Tee vorgesetzt. In einem neu erbauten Tempel schien sich eine Art Druckerei zu befinden, wenigstens sah ich eine Unmenge von Holzclichés, mit denen die bekannten Tempelfahnenbilder hergestellt werden. Auf dem Rückweg veranstaltete einer der Kavalleristen ein Privatwettrennen mit einem Kamelreiter; das Kamel erwies sich als schneller.

Karaschar — Schuster

Wir futterten im Dorf ab, und ich ging dann voraus, um noch auf Antilopen zu pirschen. Da sich die Sonne inzwischen hinter Wolken verkrochen hatte und ich ohne Kompaß war, machte es mir große Mühe, die Richtung zu halten. Ich erinnerte mich, beim Herausreiten an einem Hügel vorbeigekommen zu sein, auf dem drei Bäume standen. Diesen Hügel fand ich mit dem Zeiß wieder und steuerte darauf los. Später traf ich noch einen mongolischen Hirten, der mich zurechtwies. Da keiner die Sprache des andern verstand, war die Unterhaltung ziemlich spaßig. Ich sagte: "Karaschar", woraufhin er einen großen Sprung vorwärts machte und dann zischend eine Linie auf der Erde zog. Ich mußte also ein Wasser überschreiten. Große Freude seitens des Mongolen, als ich begriffen hatte. Mehrfach fielen mich noch die großen Hunde an; ich mußte jedesmal mit schußfertigem Karabiner warten, bis sie abgerufen wurden, denn nur über ihre Leiche hätte der Weg weitergeführt, und unnötig wollte ich den Mongolen ihre treuen Wächter nicht wegschießen.

Ich passierte den Bach und hatte bald einen befahrenen Weg vor mir, der nach Süden führte. Es regnete leise. Endlich war ich bei unsern ersten Mongolen, die mich sehr freundlich bewillkommneten. Alles suchte mich schon; der Schantu war bereits vorausgeritten, um die Kavallerie in Karaschar zum Suchen zu requirieren. Allmählich stellten sich die beiden Kavalleristen ein und wir ritten heimwärts; es war die höchste Zeit, da meine Pferde vor Müdigkeit zusammenzubrechen drohten. Gegen neun Uhr kamen wir ins Gasthaus, wo auch schon über mein langes Ausbleiben große Aufregung herrschte. Der Mandarin hatte bereits die ganze Schwadron alarmiert, und diese war gerade aufgebrochen, um nach mir zu fahnden, als die Nachricht von meiner Rückkunft eintraf.