Türken in Kurla

Bei glühender Hitze marschierten wir am 7. Mai früh ab. Mittels Fähre ging es über den Chai du gol und dann in die Steppe, an deren Anfang gerade ein Mongolendorf lag. Die Stute lief weg und mitten in eine große weidende Pferdeherde hinein. Die Mutterstuten schlossen sich sofort zum Kreise zusammen und nahmen die Füllen in die Mitte. Der Leithengst griff die Stute an und biß ihr einen großen Fetzen Fleisch in der Sattellage heraus. Gegen Mittag wurde die Hitze immer schlimmer, wir hatten um ein Uhr 55 Grad Celsius. Um 3 Uhr löste sich die Schwüle und es trat Staubsturm ein. Am Nachmittag gelangten wir in Felsberge und marschierten dem Kurla-gol entlang, der hier als reißender Gebirgsstrom das Gebirge durchbricht. Wir machten bei einem Kaufmann, der unterwegs sein Zelt aufgeschlagen hatte, kurze Rast und bekamen Milch, Tee und Brot.

Um 6 Uhr abends gelangten wir nach einem Marsch von 70 Kilometer nach Kurla, wo wir ganz gut unterkamen. Der Bek des Ortes schickte mir Pferdefutter. In meinem Gasthaus hatten sich zwei Damen der Demimonde etabliert. Ich ahnte zuerst gar nicht, wen ich vor mir hatte, und sagte zu einem neben mir stehenden Chinesen: "Was habt ihr hier für hübsche Frauen," woraufhin er nur kurz antwortete: "Einen Tael". Da wußte ich genug. Den ganzen Abend über hörte ich ihren Gesang zur Mandoline. Sie schienen gar nicht abgeneigt, mit mir Freundschaft zu schließen, aber sowie ich nur hinsah, hatte ich sofort eine ganze Herde von Neugierigen um mich herum.

Die Pferde waren am 8. Mai morgens von dem gestrigen Marsch in der Hitze und über die felsigen Wege derartig ermüdet, daß ich beschloß, erst am Abend aufzubrechen, um so mehr, da wir einen Marsch von 90 Kilometer vor uns hatten. Es war schon um vier Uhr morgens so schwül, daß man nicht mehr schlafen konnte. Im Laufe des Vormittags erhielt ich Besuch von den beiden Mädchen, die vor Neugierde fast umkamen, meine europäischen Sachen zu sehen. Heute war hier Basartag; ich mischte mich mitten in die Volksmenge auf den Straßen. Was war das für ein buntes Treiben! Dazu die farbigen Kostüme beider Geschlechter, es gab wirklich ein hübsches Bild. Wie bei uns auf den Jahrmärkten schreit alles durcheinander, seine Waren anpreisend. Man sieht sehr viel Bettler, die, meist zu dreien, singend um eine Gabe betteln. Sie begleiten ihren Gesang mit der Gitarre und einer Klapper; diese besteht aus einem Stock mit einem großen Ring, an dem mehrere kleine Ringe hängen. Hauptsächlich werden Eßwaren, Kattune, Obst, Fleisch, Mützen, Stiefel und Süßigkeiten feilgeboten. Mitten durch die Stadt fließt der Chro-ma-gol, in dem die gesamte Stadtjugend badet. Der Fluß hat ganz klares, durchsichtiges Wasser, das sehr kalt ist.

Ich besuchte eine Kwantse, d. h. ein Restaurant, in dem zwei Gitarrespieler und ein Tamburinschläger Musik machten. Drei hübsche, junge Schantumädchen forderten mich gleich auf, Platz zu nehmen. Es gab Früchte wie getrocknete Weinbeeren, Lotoskerne, Mandeln, dann Tee und Reiswein, der dem Mohammedaner anscheinend nicht als Wein gilt. Eines der Mädchen führte zur Musik einen aus einzelnen Pas bestehenden graziösen Tanz auf, der jedesmal in einer Pose wie beim Bauchtanz, mit der Front nach irgendeinem der Anwesenden, endigte. Ich kam zuerst an die Reihe; man rief mir von allen Seiten zu: "Cü lai, cü lai" (steh auf, steh auf), was ich denn auch tat. Einer nach dem andern kam nun daran und erhob sich mit einer Verbeugung gegen das Mädchen. Ich gab für die Musik und für die Tänzerinnen Geld und kehrte dann in meinen Gasthof zurück. Bald darauf erschien ein Chinese bei mir und forderte mich auf, in sein Zimmer zu kommen, er habe dort etwas für mich. Richtig war es die hübsche Tänzerin, die sie herbeigebracht hatten, in der Hoffnung, sich einen Kupplerlohn zu verdienen. Ich ließ mich jedoch nicht erbitten; das Mädchen fühlte sich verschmäht und weinte, aber ich konnte ihr nicht helfen.

Melkende Frau

Um 6 Uhr, das Thermometer zeigte immer noch plus 31 Grad, marschierten wir ab. Zuerst durch Kurla mit allen seinen hübschen kleinen Gärten, dann an den Bergen entlang. Nach 40 Li machten wir kurze Rast in einem einzelnen Gasthause; nach 110 Li ebenso in einem Posthause, in dem eine einzelne Schantufrau waltete; sie kochte uns Tee und Eier. Ich war todmüde und schlief auf dem Lager der Frau eine halbe Stunde vorzüglich. Gegen 8 Uhr morgens — es war schon wieder drückend schwül und die Tiere infolgedessen sehr müde — langten wir endlich in Tschot Wu an. Wir hatten einen Marsch von 90 Kilometer hinter uns. Der uns begleitende Mann vom Yamen war ein Schantu, der jedoch, als bei einer chinesischen Behörde Angestellter, vollkommen als Chinese angezogen war. Er hatte das Gesicht ganz und den Kopf halb rasiert und trug nach chinesischer Sitte einen Zopf, so daß ich den Unterschied tatsächlich nicht bemerkt haben würde, wenn mein Diener mich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.