Gegen Mitternacht vom 9. zum 10. Mai brachen wir bei Vollmond wieder auf. Wenn die Saaten bei den Dörfern hoch sind, soll es hier massenhaft Wildschweine geben, jetzt waren leider keine da; sonst durchquerten wir nur reichlich mit Bäumen bestandene Steppe. Um 9 Uhr erreichten wir Hsia-jen-kou, wo wir gut unterkamen und ich die Pferde baden ließ. Der eine der mich begleitenden Kavalleristen bot mir fortwährend seinen hübschen Schimmel zum Kauf an, doch sollte ich 35 Taels geben, was mir zu viel war. Um 7 Uhr abends ritten wir weiter, durch angebaute Gegend. In einem der Dörfer hing ein menschlicher Kopf am Wege; meine Leute hielten sich lange darüber auf; man ist es hier weniger gewöhnt, die Köpfe so schnell fallen zu sehen, wie im Osten. Für die Gasthäuser war jetzt schlechte Zeit, da die Reisenden alle im Freien schliefen und die Pferde einfach grasen ließen. Fast alle Häuser haben in dieser Gegend an der Außenfront Kangs; wenn es noch heißer wird, schläft alles draußen. Am 11. Mai, bald nach Sonnenaufgang, waren war in Yang Hsa. Sämtliche Gasthäuser hatte der aus Kaschgar kommende Taotai belegt; dabei wußte kein Mensch, ob er selbst überhaupt kommen würde. Ich mußte mich mit einer ziemlich übeln Bude begnügen; dafür erschien bald der Ortsvorsteher, ein Türke, um sich bei mir zu entschuldigen, daß kein besseres Quartier vorhanden sei; brachte auch gleich Mais, Stroh, Heu und Eier als Geschenk mit, was ich sehr anerkannte.
Kavallerist in Bugur, dessen Pony ich später kaufte
Eine große Unannehmlichkeit, unter der ich hier litt, waren die Läuse, von denen ich mich nie ganz freizuhalten vermochte. Trotzdem ich Tag für Tag badete und so sauber wie nur irgend möglich war, verging kaum ein Tag, wo ich nicht eines dieser widerlichen Tiere fing. So lange ich im eigentlichen China war, geschah dies nicht, was eigentlich für die so oft angezweifelte Reinlichkeit der Chinesen spricht.
Den ganzen Nachmittag kamen Leute, die mich um meinen ärztlichen Rat baten. Die meisten litten an einer Augenentzündung, die sich besonders in eiternden Tränendrüsen äußerte. Die ersten, die ankamen, wusch ich mit einer ganz leichten Sublimatlösung sauber aus. Kaum hatten die Leute nur die Sublimat-Pastillen gesehen, als jeder etwas von der wertvollen Medizin haben wollte. Natürlich muß der Europäer Sachen haben, die gegen jeden Schaden helfen. Dieses blinde Vertrauen zu einem Europäer, wie zu einem höherstehenden Wesen, das in jedem Falle helfen kann, obwohl ich persönlich mehr als tausend Mal erklärt habe, daß ich nicht Arzt sei, ist einfach lächerlich. Ich konnte nur peinliches Reinhalten und Kühlen mit kaltem Wasser empfehlen, da ich selbst nichts an Arzneien hatte, ein Rat, der ungefährlich war und vielleicht auch half.
Gegen 8 Uhr abends marschierten wir weiter. Die Straße war mit hohen Bäumen dicht eingefaßt, man ritt wie in einer Laube. Um 4 Uhr morgens waren wir in Bugur, in dessen Gasthaus meine Stube wiederum von Kranken, besonders von Weibern, gestürmt wurde. Mein Kavallerist lag mir dauernd mit seinem Pony in den Ohren, bis ich schließlich das hübsche Tier für 22 Taels kaufte. Es erwies sich als etwas stolprig und scheute vor jeder Kleinigkeit, war also wohl ein Blender.
Bugur
13. Mai. Ich ritt, wie stets, voraus und war schon gegen 2 Uhr am Ziel in Arbatai, wo ich bald mit dem Sattel unterm Kopf fest schlief. Man lernt das sehr schnell: Tag für Tag schlief ich die Hälfte meiner Ruhezeit, nämlich bis die Karre kam, auf den harten Steinen ohne jede Bequemlichkeit und gewöhnte mich vollkommen daran. Der folgende Tag war wohl der bisher schwülste, und es war unmöglich, den Tag über zu schlafen. Als wir um 5 Uhr nachmittags abmarschierten, brach denn auch der Staubsturm los, legte sich aber gegen 9 Uhr wieder. Um 1 Uhr hatten wir nach sehr scharfem Ritt die 70 Kilometer bis Tockenä hinter uns und kamen gut unter. Ich schlief trotz unzähliger Moskitos bald ein, um am 14. Mai früh, am ganzen Leibe zerstochen, von ihrem abscheulichen Surren geweckt zu werden. Es war gerade hell geworden und die Karre kam an. Die Abkühlung nach dem Staubsturm war ganz besonders angenehm, trotz der 18 Grad fror ich beinahe und zog mir meinen dicken Sweater an. Dann nahm ich ein Bad im Flußwasser, was mir aber nicht bekam, denn mein ganzer Körper zeigte bald kleine Bläschen, die auf das unangenehmste juckten. Es war der allen Tropenreisenden bekannte Ausschlag, "roter Hund" genannt, der mir noch mehrere Tage zu schaffen machte. Ich dachte jetzt nur noch daran, so schnell als möglich aus dieser Moskitohölle fortzukommen. Denn trotzdem ich den ganzen Tag über ein qualmendes Strohfeuer im Zimmer unterhielt, so daß mir die Augen tränten, waren die Moskitos nicht zu verscheuchen.
Gegen Mittag fing es leicht an zu regnen, und als wir um 4 Uhr nachmittags abritten, hatte ein richtiger Landregen eingesetzt. Der Kavallerist und der Yamenbegleiter wären nur zu gern dageblieben, denn der Chinese haßt den Regen wie die Pest, aber ich ließ mich auf nichts ein. Bald waren wir wie die Katzen naß, was mir sehr angenehm vorkam. Den Weg schnitten von Norden kommende, teils flache, teils bis einen Meter tiefe, schnell fließende Wässer von dunkelroter Farbe. Einmal trafen wir unterwegs zwei etwa 14jährige hübsche junge Schantumädchen, die gerade von einem im schärfsten Trab reitenden Manne eingeholt und angehalten wurden. Auf unsere Frage, um was es sich denn da handle, kam als Antwort: "die Liebe"; also zwei Durchgängerinnen.