Es hatte gerade aufgehört zu regnen, als wir um 8 Uhr abends an den inmitten von Gärten gelegenen Vorstädten von Kutscha anlangten. Noch eine ganze Zeit lang ritten wir durch Vorstädte, ehe wir den Basar erreichten, in dem noch lebhaftes Treiben herrschte. Überall sah man die Leute auf den mit Filzteppichen bedeckten Kangs vor den Häusern sitzen, allenthalben hörte man zur Gitarre singen; die Verkäufer schrien ihre Eßwaren aus, Kinder spielten auf den Straßen, und man hatte das Gefühl, bei einem friedlichen, glücklichen Volk zu sein. Die Weiber gehen hier alle ganz weiß gekleidet. Durch die Mitte der Stadt fließt ein Bach, dessen Brückenbelag abgenommen war, wahrscheinlich aus Furcht vor dem infolge des starken Regenfalles zu erwartenden Hochwasser. Guter Rat war teuer; der Kavallerist benutzte die Gelegenheit, um im Dunkel zu verschwinden, wofür ich ihm morgen beim Yamen zu verklagen beschloß. Endlich wies uns ein des Weges kommender Karrenführer nach einer einen halben Kilometer oberhalb liegenden Furt, die wir glücklich in der Dunkelheit passierten. Dann ging es durch eine Menge dunkler Gäßchen und endlich hielten wir am Ziel, dem Hause des Aksakals, der hier die russischen Interessen vertritt. Ich hatte den alten Mann in Bugur getroffen und er hatte mich gebeten, in seinem Hause in Kutscha Wohnung zu nehmen, was ich gern annahm. Die Leute im Hause waren bereits durch einen vorausgesandten Brief über mein Kommen unterrichtet. Man nahm mich sehr freundlich auf und gab mir ein hübsches Zimmer, Tee, Brot und Süßigkeiten. Der Stall war allerdings weniger gut. Infolge meines Ausschlages konnte ich leider nicht schlafen und wälzte mich bis zum Morgengrauen ruhelos auf den Filzteppichen herum.

Die Karre kam am 15. Mai erst gegen 7 Uhr morgens an; die Tiere waren in dem teils knietiefen Schlamm nur langsam vorwärts gekommen. Für den Vormittag setzte ich großes Reinemachen an, dann wanderte Dschang zum Yamen, um mich anzumelden. Er erschien wieder in Gala, und beguckte sich fortwährend im Spiegel. Kleider machen Leute, man ahnt gar nicht, was bei anständiger Behandlung, gutem Essen und guter Kleidung alles aus einem schmutzigen, verlausten Kuli werden kann. Gegen 11 Uhr ritt ich dann selbst mit Vorreiter und einem berittenen Schantu als Führer durch die stark belebten Straßen zum Yamen. Man ließ mich erst warten, die Böllerschüsse und das Öffnen des Haupttores fielen weg. Dagegen war eine ganze Unzahl von Dienern, darunter mehrere mit Mandarinenknopf, aufmarschiert. Zum ersten Male sah ich hier auch Schantus mit dem Abzeichen der chinesischen Mandarinen, es sind solche, die eine Art Dolmetscherposten am Yamen innehaben und bei den Gerichtsverhandlungen gegen Schantus den Beamten unterstützen. Bald kam auch der Mandarin, wieder ein Hunanese. Er ist lange in Peking gewesen und spricht ein sehr schönes Hochchinesisch, so daß wir uns die kurze Zeit unseres Zusammenseins sehr gut unterhielten.

Mein Diener Djo
Kutscha — Leute sehen durch meinen Zeiß

In Kutscha waren gerade zwei japanische Offiziere anwesend, über deren Mission und Absichten man sich im Yamen nicht ganz klar war. Man bat mich um Auskunft, die ich natürlich nicht geben konnte. Sie gaben vor, hier den Buddhismus studieren zu wollen und gruben augenblicklich in einem Dorfe südlich Kutscha alte Grabdenkmäler aus. Man schien sie nicht für voll zu rechnen, aber der Mandarin war seiner Sache nicht ganz sicher und fragte sehr vorsichtig. Beim Abschied begleitete er mich nach chinesischer Sitte bis zu dem geöffneten Haupttor; natürlich wurde das große Pferd gebührend angestaunt.

Im Quartier war inzwischen schon das übliche Deputat des Yamen, bestehend aus Pferdefutter, einem Hammel und zwei Hühnern angekommen. Ich ließ meinen Dank sagen und schickte dann zum hier residierenden Schantufürsten, um anzufragen, wann ihm mein Besuch angenehm sei. Er bat mich, morgen zu kommen, da er heute, am Basartage, sehr beschäftigt sei. Ich aß zu Mittag und empfing mehrere angesehene Schantus, die mir ihren Besuch machen wollten. Unter andern kam auch der erwachsene Sohn des Besitzers meiner hübschen Wohnung, der über den fremden Eindringling sehr erstaunt war, denn man hatte ihn von meinem Kommen nicht in Kenntnis gesetzt.

Nachmittags wanderte ich mit einem Chinesisch sprechenden Schantu und meinen beiden Chinesen in die Stadt, um den Basar zu besichtigen. Das war ein buntes Treiben; jede Gilde hat ihr besonderes Viertel, da waren solche, die Kattune und andere leichte Stoffe, sämtlich europäischer Herkunft, feilhielten, dann Schuster, Lederhändler, Schmiede, ferner Mützenhändler mit reizenden Mustern, meist Taschkenter Herkunft, und Schneider; vielfach sah man hier schon Nähmaschinen russischen Ursprungs. Salz wurde in großen grauen Stücken, ungereinigt, feilgehalten. Dazu erfüllten allerlei Eßwaren mit ihrem Fettgeruch die Luft. Hier hielt einer mit lebhaften Geberden einen Vortrag über Konstantinopel an der Hand eines Planes. Überall trieben sich unzählige Bettler herum. Auch das weibliche Geschlecht war reichlich vertreten, teils verschleiert, teils unverschleiert, die letzteren in der Mehrzahl. Auch solche, die sich in Samt und Seide kleiden und einen frechen Blick haben, waren da. Alle Weiber trugen große, weiße Nackenschleier und viele an der Mütze hübsche Silberverzierungen. In Betsälen hielten Derwische vor einer zahlreichen Menge männlichen Geschlechts Vorträge. Auch eines der mit Hirschgeweihen, Widderköpfen und unzähligen Fähnchen geschmückten heiligen Gräber sahen wir uns an. Dann wurde eingekauft; natürlich hatte jeder einen Wunsch. Dschang wollte neue Schuhe haben, Dscho, mein anderer Diener, einen langen Rock und eine Überziehweste, und ich mußte natürlich das Geld dazu hergeben, da die Gesellschaft keinen Pfennig besaß. Wir konnten uns mit dem Schneider nicht einigen, da er infolge meiner Gegenwart unverschämte Preise machte. Weiter wandernd, kreuzten wir den gelbe Fluten südwärts wälzenden Bach auf einer Brücke, die nur aus den zum Tragen des Belags bestimmten Balken bestand, die obendrein nicht einmal vierkantig waren. Unter Lachen und Jauchzen balancierte alles die 30 Meter lange Strecke hinüber und herüber. Drüben schäkerten drei Arm in Arm wandernde Kavalleristen mit hübschen Schantumädchen tout comme chez nous. Wir statteten dann noch einer Kwantse einen Besuch ab, in der drei Musikanten mit ihren melancholischen Weisen die Schmausenden unterhielten. Dann ging es zurück nach meinem Hause, da sich der Amban um 5 Uhr zum Besuche angemeldet hatte und ich diesen nicht verfehlen wollte. Unterwegs sahen wir noch ein Bad, das recht sauber gehalten war und in dem man von einem Mädchen bedient wurde.

Pünktlich um 5 Uhr, wie ich auf eine Anfrage seinerseits gebeten hatte, erschien mit großem Gefolge der Mandarin. Das übliche Programm wurde abgewickelt; er schwindelte mir leider noch zum Schluß eine meiner eigenen Photographien ab. Abends aß ich bei einem vornehmen Dunganen, der mich eingeladen hatte; ich machte dabei noch die Bekanntschaft des chinesischen Vorstehers des Telegraphenamtes. Derselbe, ein geborener Tientsiner, war fünf Jahre lang in Amerika gewesen und sprach geläufig Englisch, ohne irgendeinen Anklang an das sogenannte Pidgin-Englisch. Er klagte mir sein Leid über diese weltentlegene Gegend, natürlich aber hatte er nicht Geld genug, um in die Heimat zurückkehren zu können.

Am 16. Mai ritt ich um 8 Uhr früh zum Yamen des Schantufürsten, bei dem ich mich zum Besuch angemeldet hatte. Ich wurde sehr liebenswürdig empfangen und hatte Gelegenheit, in den verschiedenen Räumen besonders die schönen Teppiche und die alten Waffen des Fürsten zu bewundern. Der Fürst war schon zweimal in Peking gewesen und erkundigte sich lebhaft nach dem Aussehen Pekings und den infolge der Unruhen im Jahre 1900 hervorgerufenen Veränderungen. Mit einer gewissen Schadenfreude fragte er immer wieder nach dem Jahre der Verbannung des kaiserlichen Hofes aus Peking. Er trägt den dunkelroten Rangknopf der kaiserlichen Prinzen und machte in Auftreten und Aussehen einen durchaus vornehmen und dabei gewinnenden Eindruck. Er ist unverheiratet, so daß diese Linie der alten Nachkommen der früheren Herrscher einmal aussterben wird, was den Chinesen wohl nicht unangenehm sein wird.

Von dort aus ritten wir zur Ordu, d. h. zur alten Burg. Diese besteht nur noch aus einigen Lehmkegeln, die früher vorspringende Punkte in einem langen Befestigungswalle, der die gesamte Oase umgab, gewesen sind. Die Zwischenteile sind vollkommen verschwunden. Von der Höhe aus hat man eine herrliche Fernsicht auf das sich wie ein großer Garten ausbreitende Kutscha und Umgebung. Die Einwohner Kutschas sind nicht mit Unrecht stolz auf die Menge ihrer Gärten und betonen dies bei jeder Gelegenheit. Dann ritt ich weiter zu dem Hause, in dem die beiden Japaner wohnen sollten, traf sie aber leider nicht an; sie wurden erst abends zurückerwartet. Daher hinterließ ich einen Zettel, daß ich die Absicht gehabt hätte, ihnen meinen Besuch zu machen und mich sehr freuen würde, sie noch vor meiner baldigen Abreise zu sehen.