Masar kutscha — Wildschaf-Schädel

Nicht weit entfernt von dem Hause liegt das größte Heiligengrab von Kutscha, ein uraltes Heiligtum. Durch eine von hohen alten Pappeln beschattete Tür und durch einen Hof gelangte man zum Eingang, an dem einige alte Mohammedaner auf den Knien lagen und Gebete murmelten. Wir hatten einen zweiten Hof vor uns, an den sich Betsäle anschlossen, dann ging es durch eine an beiden Seiten mit Tughs, Stöcken mit bunten Lappen und den zu Haufen geschichteten Köpfen des Argali (Wildschaf) verzierten Tür zum Grabe selbst. Dieses liegt in einem einfachen, mit breiter vorspringender Galerie und Gitterfenstern versehenen Hause, das auch wieder mit Tughs und Argaliköpfen geschmückt ist; ringsum stehen alte Bäume. Die Dunganen und Schantus zogen sich vor dem Eintreten ihre Überziehpantoffeln aus und verrichteten kniend ein kurzes Gebet. Draußen im Hofe war eine Schule für Knaben und Mädchen, bunt durcheinander, die laut und mit einer beneidenswerten Ausdauer ihre Lektionen hunderte von Malen wiederholten. Die Schule war nur augenblicklich im Freien, sonst befindet sie sich in einem anschließenden Hofe mit vielen kleinen Räumen, in denen mehrere alte, graubärtige Mollahs jüngeren Priestern aus dem Koran vortrugen.

Nachmittags benutzte ich eines der Badehäuser. Das sehr heiße Bad tat mir äußerst wohl und trug merkwürdig zur Beruhigung meiner durch den "roten Hund" und die damit verbundene anhaltende Schlaflosigkeit erregten Nerven bei. Der Ausschlag hatte meinen ganzen Körper ergriffen, und zwar sehr viel schlimmer, als es den meisten Leuten auf der Seefahrt infolge des Salzwassers ergeht. Nebenbei bemerkt, habe ich bei der langen Überfahrt nach China überhaupt nicht daran gelitten. Abends bekam ich wieder Besuch von dem Telegraphenbeamten, dagegen erschienen die beiden Japaner nicht. Mit der Karre gab es wieder die üblichen Schwierigkeiten; ich befahl schließlich kategorisch: "Morgen kommt sie!" und das wirkte. Der hiesige Yamen weigerte sich zum ersten Male, meine Briefe zu befördern. Ich ließ dem Mandarin sofort zurücksagen, daß ich seinem Vorgesetzten, dem Taotai in Aksu, davon Mitteilung machen würde, woraufhin sofort zwei Kavalleristen kamen, die er persönlich zur Beförderung meiner Briefe beordert hatte.

Bei bedecktem Himmel herrschte am 16. Mai eine ganz angenehme Temperatur. Ich fühlte mich auch bedeutend wohler, da infolge fehlender Sonne die Augenschmerzen, die mich in letzter Zeit etwas geplagt hatten, nachließen und ich auch endlich einmal gut geschlafen hatte. Im Laufe des Vormittags besuchte ich einen reichen Kaufmann aus Tientsin, der schon 16 Jahre hier ist und ganz gute Geschäfte macht. Er freute sich ganz außerordentlich über meinen Besuch und schenkte mir sofort eine Sonnenbrille und einen hübschen Fächer. Am Nachmittag kam endlich die Karre. Ich erledigte meine Verpflichtungen gegenüber dem mit komischer Hartnäckigkeit aufmarschierten und nicht von der Stelle weichenden Dienstpersonal, das sich plötzlich verzehnfacht hatte und am Hause Spalier bildete; jedoch belohnte ich nur nach Verdienst. Ein Dungane, der sich besonders um mich bemüht hatte, erhielt einen vollen Tael, die andern nur 50 Cash pro Kopf. Man sah recht lange Gesichter.

Um 6 Uhr nachmittags marschierten wir ab; zuerst durch die Stadt, dann durch die Gärten der Vorstadt und schließlich hinaus in die Wüste, die in wilde, zerrissene Lehmberge übergeht. Die Berge zeigen merkwürdige Schichtformen und sind alle in einem Winkel von ungefähr 15 Grad nach Westen zu geneigt. Mehrfach fand ich Quellen, die sich in salzhaltige Lagunen ergossen und bald versiegten. Ich ritt wieder mit meinen Begleitern voraus. Wir passierten einmal eine Telegraphenstation, wo der Posthalter uns liebenswürdig mit Tee und Brot bewirtete.

Es mochte wohl gegen 2 Uhr nachts sein, als wir hinter uns — wir waren gerade mitten in den Bergen — mehrere Schüsse fallen hörten. Ich befürchtete einen Überfall auf meine Karre und ritt so schnell wie möglich zurück. Richtig trafen wir die Karre haltend, während sich meine beiden Leute und der Führer seitwärts in die Berge in Deckung begeben hatten. Sie behaupteten, es wäre auf sie geschossen worden, augenscheinlich von Räubern. Ich ritt, mit dem Karabiner bewaffnet, die ganze Umgegend, soweit es möglich war, ab, fand aber nichts. Dann schickte ich den einen Kavalleristen zur Telegraphenstation zurück, um dort von dem Vorfall Meldung zu machen, da die betreffenden Schützen auf ihrem Weiterwege dort jedenfalls durchkommen mußten. Später hörten wir noch einmal ganz von weitem schießen. Der Kavallerist behauptete am nächsten Morgen, er habe sich mit Räubern herumgeschlagen; ich glaube, daß er sich nur selbst Mut geschossen hatte, im übrigen war ihm nichts zugestoßen.

In einem kleinen Gasthause rasteten wir eine Stunde, dann zogen wir weiter in die Steppe und um 8 Uhr morgens waren wir nach 90 Kilometer Marsch in Chrotsy, wo wir gute Unterkunft fanden. Natürlich hatten meine Chinesen nichts Eiligeres zu tun, als sofort den ganzen Ort von der Schießerei in Kenntnis zu setzen und vor jedem einzelnen mit dem Abenteuer zu prahlen. Die Gebärdensprache, die ich von weitem beobachtete, wirkte höchst komisch. Nun kamen die Chinesen zu mir, um mich auszufragen. Ich ließ sie zuerst einmal meine Nationalität erraten; sie waren lange im Zweifel, bis schließlich einer meinte, ich könne nur ein Deutscher sein, denn die andern seien zu faul, ihre Sprache zu lernen. Das Kompliment ging mir glatt herunter und ich bekannte Farbe. Ein Offizier war auch in dem Dorfe und besuchte mich sofort, um sich über die Räuber zu erkundigen. Mit seinem Mute schien es nicht weit her zu sein, denn, wie ich später hörte, hatte er den Abmarsch sofort um zwei volle Tage verschoben und seine gesamte Begleitung zum Erkunden vorausgeschickt. Ich freundete mich unterdessen mit seinem netten kleinen Sohne an, als mit einem Male der weniger nette Vater erschien und das Söhnchen aus meiner Stube heraushieb, leider merkte ich die Absicht zu spät, sonst hätte ich mir diese Exekution in meinem Zimmer auf das energischste verbeten.

Wir marschierten wieder die Nacht hindurch und waren am 19. Mai morgens um 8 Uhr in Bait scheng am gleichnamigen Flusse, der jetzt wenig Wasser führte. Bei starkem Regen, der hier allerdings nur alle paar Jahre einmal eintritt, soll er regelmäßig die sämtlichen, niedrig gelegenen Häuserreihen wegschwemmen, was die Leute jedoch nicht hindert, sie immer wieder aufzubauen. Die Stadt ist schmutzig und eng ineinander gebaut. Ich kam im besten Gasthause unter, in dem drei andere Zimmer von Damen der Halbwelt besetzt waren. Ein Kaufmann aus Andischan brachte mir als Geschenk 50 Eier, Salz und Radieschen, der Yamen sandte sofort Pferdefutter und Leute, kurzum, ich wurde auch hier ebenso gut und liebenswürdig aufgenommen, wie stets in Turkestan. Ich ließ mich beim Yamen anmelden und sagen, daß ich ungefähr um 4 Uhr meinen Besuch machen wolle. Die Zwischenzeit benutzte ich, um mich endlich einmal etwas auszuschlafen. Auf dem Yamen fand ich einen ganz jungen, sehr angenehmen Beamten, der mir meinen Besuch bald erwiderte und sich natürlich in das unvermeidliche Fremdenbuch eintragen mußte. Zu meinem Schmerz entdeckte ich, daß die Chinesen meinen einzigen Thermometer zerbrochen, außerdem zwei gute deutsche Riemen verloren und dann noch ohne meine Erlaubnis mit meinem Gelde eingekauft hatten. Sofort wurde wieder die alte strenge Wirtschaft eingeführt und kein Cash herausgerückt. Daß mich trotzdem der zuletzt engagierte Chinese Dscho hinten und vorn betrog, war mir längst klar, nur konnte ich es ihm nicht beweisen, da ich nicht jedem Verkäufer nachlaufen konnte, um ihn auszufragen, nebenbei wird sich wohl Dscho mit den Verkäufern den Profit geteilt haben. Er muß es aber ziemlich schlau angefangen haben, da ich die landesüblichen Preise ganz genau kannte. Bai tscheng hat auch einen Schantu-Prinzen, von denen es hierzulande eine ganze Anzahl gibt.