Er will nicht — Bai tscheng
Lächerlich ist es, was für gute Geschäfte die Halbweltdamen hier machen. Ich beobachtete, daß das Zimmer der einen, eines allerdings sehr hübschen Mädchens, den ganzen Nachmittag von Chinesen besetzt war; man hörte ohne Unterlaß das Geklimper der Gitarre, und jeder ließ einen Obolus da, wofür er nur eine Tasse Tee bekam und allenfalls eine Pfeife rauchen durfte. Am Abend war das Mädchen dann außerhalb vergeben. Besonders die hübscheste von den dreien war förmlich mit Goldschmuck behängt. Was das Mädchen an Ohrringen, Fingerringen, einem mit Gold und Steinen besetzten Gürtel an sich trug, mußte mindestens einen Wert von 1000 Mark darstellen. Übrigens sind diese Mädchen sämtlich Türkinnen; eine Chinesin würde dies Gewerbe niemals so öffentlich betreiben, während bei den Türkinnen kein Mensch Anstoß daran nimmt.
Am 20. Mai war wieder einmal ein derartiger Staubsturm, daß ich beschloß, erst am Abend weiter zu marschieren. Ich ging über Mittag in die Stadt und kaufte als Andenken einige silberne Fingerringe und einen kupfernen, außen verzinnten Wasserkrug, auf den ich mir auf der einen Seite in chinesischen, auf der andern in türkischen Lettern den Namen der Stadt einritzen ließ. Dann machte ich dem Kaufmann aus Andischan meinen Gegenbesuch. Er verhandelt Stoffe russischen Ursprungs gegen Felle, die dann nach Rußland gehen; es wird hier wenig mit barem Geld gearbeitet. Trotzdem der Staubsturm nicht nachgelassen hatte, marschierte ich um 4 Uhr ab. Unterwegs trafen wir den von der Jagd zurückkommenden Schantuprinzen, vor dem alle des Weges Kommenden oder vielmehr Reitenden, denn zu Fuß geht hier kein Mensch, schleunigst den Sattel räumten und ihre Verbeugung machten. Nach dem Thien Schan zu sah man überall die Feuer der Hirten lodern; im übrigen waren wir hier in der Steppe, die zu dieser Zeit sehr gute Weide hatte. Unser Ziel hieß Chonesse.
Hübsche Turkestanerin in Bai tscheng
Wir kreuzten, nachdem wir am 21. gegen drei Uhr aufgebrochen waren, einen reißenden, etwa einen Meter tiefen Fluß in einer Furt, durch welche die Sutschis, d. h. Wassermänner, vorausgingen, um den Weg zu zeigen. Weiterhin ging es in Lehmberge mit den merkwürdigsten Formen. Nach ungefähr 30 Kilometer Marsch hatten wir eine um eine kleine Quelle herum entstandene Ansiedlung vor uns. Die Quelle entspringt unterhalb einer weit vorspringenden Bergnase, ist mittels eines ausgehöhlten Stammes in ein Becken geleitet und hat herrliches süßes Wasser, was in dieser Gegend immerhin eine Seltenheit ist. Ringsherum ist sonst vollkommene Wüste. Manche Berghänge sehen infolge der Salzablagerungen ganz weiß aus. Früher hat dicht bei der Quelle ein großes Rasthaus der Fürsten von Kaschgar gestanden; seit der chinesischen Eroberung zerfällt der Yamen und man sieht jetzt nur noch die Grundmauern.
Zwanzig Kilometer von hier, in den rötlich erscheinenden Bergen, befindet sich ein großes Kupferbergwerk, in dem gegen 1000 Menschen arbeiten sollen. Dieses Bergwerk deckt den Hauptbedarf an Kupfer im ganzen westlichen Turkestan bis zum Pamir. Tag und Nacht, zu jeder Stunde sind nach der oben erwähnten Quelle Eselkarawanen unterwegs, um in Fässern das Wasser nach dem Bergwerk zu schleppen; das dortige ist schlecht, und da der Bedarf naturgemäß sehr groß ist, sind Hunderte von Eseln mit dieser Arbeit beschäftigt. Das Gasthaus ist, wie alle in Turkestan, groß angelegt und sauber gehalten, wie man im eigentlichen China kaum ein gleiches findet, darin haben die Chinesen für die Reisenden glänzend gesorgt. Auch in diesem einzeln gelegenen Gasthaus befand sich wieder ein Frauenzimmer, welches auf die Gunst der Reisenden spekulierte. Bei mir fand sie keinen Anklang.
Am 22. Mai hatten wir einen langen beschwerlichen Marsch durch Wüste und durch ebensolche Lehmberge wie gestern, in denen mehrfach salzige Quellen entspringen. Unter der drückenden Hitze hatten die armen Tiere schwer zu leiden. Von meinen Begleitern waren sowohl der vom Yamen als auch einer der Kavalleristen erbärmlich schlecht beritten, ich ritt daher stets mit dem zweiten Kavalleristen voraus, und zwar heute den guten Dicken, der vorzüglich ging. Das Tier war wirklich eine wahre Perle, das geborene Distanzpferd, das sich durch nichts aus seiner Ruhe bringen läßt. Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 70 Kilometer hinter uns und Hala jürgun erreicht, das schon in der Aksu-Ebene liegt. Über Nacht sprang der Wind nach Norden um und brachte etwas Kühlung; ich marschierte daher am 23. Mai schon morgens weiter; zuerst nach Sametei, wo mittags gefuttert und gerastet wurde. Man sieht hier in der Gegend auffallend viele Leute mit Kropf, Boghra, wie sie sagen; fast möchte ich behaupten, daß von 40 Jahren aufwärts jeder einen Kropf hat. Die Leute führen diese entsetzliche Krankheit, die sie aber weiter gar nicht stört, auf die sumpfige und bittere Beschaffenheit des Wassers zurück. Das Land war schon wieder teilweise angebaut, zwischendurch kamen aber gelegentlich noch ganz wüste Striche. Die kleinen Bäche, die nordsüdlich gehen, führten jetzt alle Wasser, das meist dunkelbraun gefärbt war.
Den Abend benutzten wir zum Weitermarsch nach Aksu. Im Norden stand eine schwarze, regendrohende Wand, in der es unablässig blitzte. Wir kamen aber trocken morgens um 2½ Uhr mit müden Pferden vor Aksu an, durchritten weit ausgedehnte Vorstädte und hielten schließlich am verschlossenen Stadttore, das ausnahmsweise schnell geöffnet wurde. Durch leere Straßen, angekläfft von ganzen Herden von Kötern, vorbei am Tamtam schlagenden Nachtwächter, ging es zur großen Kwann-dienn, für die "Schweinestall" noch eine sehr milde Bezeichnung ist. Dazu war bis auf ein Zimmer alles besetzt. Ich befahl, weiter zu reisen. Wir ließen uns die inneren Abschlußgatter der einzelnen Stadtteile öffnen und versuchten es bei andern Gasthöfen mit noch weniger Erfolg; sie waren noch schmieriger als der erste und übertrafen in dieser Beziehung alles, was ich bis jetzt gesehen hatte. Schließlich kehrten wir doch in den ersten Gasthof zurück, der immerhin noch der beste war. Ich ließ das einzige freie Zimmer im wahrsten Sinne des Wortes ausmisten, brachte die Pferde unter und schlief wie üblich auf den Steinen, bis die Karre kam.