Aksu — Siesta

Als ich mir Geld geben ließ, fiel es mir auf, daß die Cashrollen gegen gestern recht mager geworden waren. Ich faßte zuerst Dschang, der natürlich vorgab, von nichts zu wissen, aber an dessen Benehmen ich sofort merkte, daß nicht alles in Ordnung war. Echt chinesisch schob er alles auf seinen Kameraden, wollte jedoch den Verlust von 100 Cash, den ich angab, aus seinem eigenen Gelde ersetzen, woraus ich schloß, daß das Gestohlene mindestens dreimal soviel betrug. Ich hatte bald Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Ansicht zu überzeugen. Als Dscho, den ich ausgeschickt hatte, zurückkam, stellte ich sofort Haussuchung an; in seinen Decken, in seinen Kleidern, überall kamen gestohlene Cashrollen zum Vorschein. Er war aber derartig im Vorschuß bei mir, daß ich ihn, um nicht noch mehr Geld zu verlieren, weiter mitnehmen mußte. Dann fehlten meine Photographien. Ich setzte sofort Himmel und Erde in Bewegung; der Yamen hatte bereits Reiter gestellt, die nach dem letzten Quartier zurückreiten sollten, um nachzufragen, als sie sich doch noch fanden und der ganze Lärm umsonst gewesen war.

Blick aus Aksu

Der Yamen schickte, wie üblich, alles zum Leben Notwendige. Ich wollte mich bald dort melden und befahl meinen Leuten, sich zu beeilen. Aber wenn ein Chinese Toilette macht, so dauert das meist länger als bei einer unserer verwöhntesten Damen in Deutschland. Erst gingen sie essen, denn ohne etwas im Magen ist der Chinese unbrauchbar, dann mußten sie Schuhe kaufen, dann ließen sie sich den Kopf rasieren und den Zopf neu machen, kurzum, es dauerte volle vier Stunden, bis sie glücklich bereit dastanden, um zum Yamen zu wandern. Ich engagierte in der Zwischenzeit auf Empfehlung des Aksakals hin, den Sven Hedin in seinem Buche im Bilde verewigt hat, noch einen Schantu, der sich mir anbot, so daß mein Hofstaat nun auf drei Diener angewachsen war. Ich nahm den Mann nur, da er neben seiner Muttersprache, dem Türkischen, auch noch Chinesisch vollkommen beherrschte und mir so weiterhin von Nutzen sein konnte. Wir ritten nun zuerst zum Taotai, einem jovialen alten Herrn mit rotem Rangknopf. Er war sehr liebenswürdig; mir fiel auf, daß er merkwürdig familiär mit seinen Untergebenen umging. Zum Besuche war, wahrscheinlich als Dolmetscher, der Beamte der hiesigen Telegraphenstation geholt worden. Außer "how do you do" konnte er aber nichts, so daß wir uns bald wieder chinesisch unterhielten. Der alte Herr begleitete uns zum Abschied aus dem Hause hinaus.

Wir ritten weiter zum Amban, wo ich einen großen Volkshaufen in ungeheurer Aufregung vorfand. Im Hofe bildete bis zum Haupttor Infanterie Spalier, die mit ihrer altertümlichen Bewaffnung einen höchst spaßigen Eindruck machte. Als ich durchritt und mit meiner etwas hohen Stimme mehrfach "Platz!" rief, wurde ich von allen Seiten verspottet und nachgeahmt. Ich erfuhr nun endlich auch, was eigentlich vorging. Ein Mann sollte hingerichtet werden, und das Volk war darüber vor Erregung wie toll. Ich ließ mich beim Amban anmelden und wurde sofort gebeten, näherzutreten. Er ist ein geborener Ningpoer; ich verabschiedete mich bald wieder, da auch der alte Herr von der Hinrichtung ganz hingenommen schien und mit seinen Gedanken gar nicht bei der Sache war. Beim Herausreiten aus dem Yamen benahmen sich die Soldaten frech gegen mich, so daß ich zurückritt und mir den ersten Bedienten des Beamten kommen ließ, der sofort mit Knüppeln energisch für mich Platz schaffen ließ.

Ich wollte den Scharfrichter photographieren, wobei er den Kopf des Verbrechers fallen ließ

Kaum hatte ich den Yamen verlassen, so fuhr eine Karre in den Hof. Der Deliquent, ein Chinese, erschien und wurde unter dem Geheul der Menge von vier bis fünf Yamenleuten auf die Karre geladen. Die beiden Trompeter bliesen Fanfaren, und der Zug mit der Infanterie an der Spitze ging los. Es folgte die Karre mit dem Deliquenten, dann kam der Kommandeur des hiesigen Infanterie-Bataillons im scharlachroten Mantel mit einigen andern Offizieren und Mafus dahinter. Der Marsch ging nach dem ganz nahen Westtor. Die Menge tobte und brüllte ohne Unterlaß: "Scha! scha!" (töte ihn! töte ihn!) Ich ritt ganz hinten und konnte von der Stute aus alles übersehen. Als der Wagen am Tor war, konnte die Menge es nicht mehr erwarten, alles griff zu und im Laufschritt wurde die Karre vorwärts gestoßen. Am Richtplatz wurde der Deliquent heruntergerissen, in die Knie gedrückt, und schon rollte der Kopf im Sande unter allgemeinem "Ah" der Menge. Einer der mich umstehenden Chinesen meinte zu mir: "Das ist doch noch schöner, als das Theater." Die Trompeter bliesen nach der Exekution langgezogene Fanfaren, es klang beinahe wie zum Halali. Die Menge drängte sich um den Körper, der Kopf wurde sofort weggetragen, wobei sich die damit beauftragten Soldaten den Scherz machten, ihn so am Zopf zu schlenkern, daß alle Umstehenden mit Blut bespritzt wurden, dann kam der Kopf in das übliche Kästchen, um an seinem Heimatsorte zur Warnung aufgehängt zu werden.