Scharfrichter, Schwert in der rechten Hand

Ich hatte unterdessen den Gegenbesuch des Taotais verfehlt, den ich unterwegs in seiner Karre, von meinem Hause zurückkehrend, traf. Bald darauf kam auch der Amban zum Besuch. Abends machte mir Dscho, der sich in seiner Dummheit noch immer nicht über das gestohlene Geld beruhigen konnte, eine Szene, erklärte, daß er nach Karaschar zurück wolle, und forderte im unverschämtesten Tone Geld. Ich setzte ihn etwas unsanft hinaus, nahm ihm seine Sachen weg, damit er nicht fortlaufen konnte und erklärte ihm, daß wir unsere Angelegenheiten morgen auf dem Yamen vor dem Amban ordnen würden. Ich war recht müde, da man mich den ganzen Tag belagert hatte, und schlief wie ein Toter. Frühmorgens am 25. Mai kam Dschang, um für seinen Kameraden zu bitten, der natürlich Angst vor den Prügeln hatte, die ihm bei der Klarheit des Falles mit Sicherheit auf dem Yamenhofe bevorstanden. Meine drei Pferde waren so sauber wie noch nie, das Essen ganz besonders gut hergerichtet. Dscho hatte sich die äußerste Mühe gegeben, obwohl er auch sonst nicht faul war. Vorläufig ließ ich ihn noch etwas zappeln, was ihm nur dienlich sein konnte.

Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg nach dem alten Aksu, das ungefähr 50 Kilometer nördlich gelegen ist. Wir durchritten die umwallte Stadt und die nördliche Vorstadt, in der der Hauptverkehr und Handel sich abspielt, dann ging es entlang dem Aksu darga, dessen Tal reich angebaut ist. Die Talwände steigen in senkrechten, hohen Lehmmauern zu einer staubigen, lehmigen Ebene auf, durch die eine Zeit lang der Weg führt. Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz denken, als dieses reich angebaute Tal und die öde Ebene. Der Boden im Tale ist hier sehr wertvoll, die Begräbnisstätten liegen daher alle oben im schlechten Boden. Wir ritten eine ganze Zeit lang zwischen Kirchhöfen mit ihren kleinen Kuppelbauten und ihren unzähligen würfelförmigen Gräbern, genau wie man sie in Konstantinopel sieht. Unten im Tale wird ein sehr guter Reis angebaut, die überschwemmten Felder ließen dies schon von weither erkennen. Beim Eintritt in die Stadt fiel sofort an hoher Stange im Käfig der Kopf des gestern Hingerichteten auf, zu dem noch immer viele Neugierige strömten. Wir ritten durch viele, lange, wundervoll kühle Bazarstraßen, die so gut oben eingedeckt sind, daß es fast dunkel darin ist, zum Yamen des Wangtsy[4] Hadyr. Er war nicht zu Hause, sondern erwartete uns in seinem Garten außerhalb der Stadt. Trotzdem mich einer der Beamten vom chinesischen Yamen schon vorher angemeldet hatte, kam in voller Fahrt ein Diener angeritten, um uns zu führen.

[4] Wangtsy = Prinz

Am Garten, der noch im Entstehen begriffen ist, erwartete mich außerhalb der Prinz, ein Mann im besten Alter mit Schnurrbart und rasiertem Kinn, in der Kleidung eines vornehmen Chinesen. Er könnte jederzeit für einen Chinesen besseren Standes gelten. Ich wurde zu einem nach allen Seiten offenen Pavillon geführt, dessen Fußboden mit Teppichen belegt war. Wir setzten uns auf Feldstühle, und es wurde Tee und russisches Zuckerwerk gereicht. Die Unterhaltung drehte sich um die üblichen Fragen. Das Plätzchen ist hier sehr angenehm, auf zwei Seiten rieselt ein Kühlung spendender Bach; fünf Musikanten führten Musik auf einer derselben sang dazu. Ich bekam dann noch Schlagsahne, eine Art Kalbfrikassee und Rührei mit Früchten darin vorgesetzt. Man brachte zuerst den Teller mit dem Fleisch, auf dem ein kleiner hölzerner Löffel lag. Da man mir keine Eßstäbchen gab, fing ich an, mit dem Löffel zu essen, nicht ahnend, daß ich damit einen groben faux pas beging, denn es war der Vorlegelöffel. Nach dem Essen fragte man mich, ob ich nicht noch den Aksakal besuchen wollte, der sehr weit entfernt wohnte, offenbar ein Wink mit dem Zaunpfahl, mich zu empfehlen, dem ich schleunigst Folge leistete. Natürlich wurde beim Abschied die nach chinesischen Begriffen schwanzlose Stute gebührend bewundert, nicht ohne den üblichen erstaunten Seitenblick, daß ich eine Stute reite.

Türkischer Prinz in Aksu-Hadyr

Wir ritten nun zum Aksakal, der nicht zu Hause war; dann versuchte ich im Bazar mehrfach, kupferne Krüge zu erstehen; es war aber infolge unverschämter Forderung nicht möglich. Weiter führte mich ein gewandter Chinese nach dem Serail der Chotaner Teppichhändler. Hier bekam ich sehr schöne, mit der Hand geknüpfte Kamelhaarteppiche zu sehen. Wir handelten lange; der Verkäufer, ein junger Mann aus Chotan, war eigensinnig und wollte mit dem Preise von 10 Taels das Stück nicht heruntergehen, obwohl ich ganz genau wußte, daß er zu hoch war. Schließlich kam der Älteste des Serails herzu. Mein Chinese und der Alte steckten sich gegenseitig die rechte Hand in den langen weiten Ärmel, um nun mit einem sehr geschickten, gegenseitigen Fingerspiel den Preis zu bestimmen. Sie einigten sich auf 15½ Taels für zwei Stück. Der Alte erklärte dem Jungen, der noch immer nicht einwilligte, daß er noch ein Kind sei, im übrigen wurde er gar nicht weiter gefragt und der Kauf war abgeschlossen. Bei einem andern Verkäufer in demselben Hofe kaufte ich zu demselben Preise noch zwei andere sehr hübsche Teppiche, dann ritten wir zurück. Der vermittelnde Chinese erhielt einen Tael Trinkgeld. Ich wollte eigentlich die ganze Gesellschaft mit einem Stück Silber auszahlen, jedoch belehrte mich mein Führer, daß dies eine Torheit wäre, da der chinesische Bankier auf je ein Zehntaelstück Silber, das man bei ihm wechselt, ungefähr 1/3 Tael in Kupfermünzen zugibt. Ich ließ daher erst bei dem Bankier die Gesamtsumme in Kupfer wechseln und bezahlte die Teppichhändler in Kupfer. Auf diese Weise sparte ich ungefähr einen Tael.

Später kaufte ich noch kleine Jetsachen sowie chinesische Schuhe und Strümpfe, da ich es in meinen schweren Schnürstiefeln mit den wollenen Strümpfen nicht mehr aushalten konnte. Doch bewährten sich die Strümpfe nicht, denn da sie aus Leinen sind, sind sie noch weniger durchlässig als wollene. Der Scharfrichter, den ich photographiert hatte, stellte sich ein und quälte mich um sein Bild. Natürlich konnte ich es ihm nicht geben, da mir alles zum Entwickeln der Films fehlte, was die Leute niemals begreifen konnten. Sie dachten immer, wenn man sie photographierte, müßten sie auch immer gleich ihr Bild zu sehen bekommen. Es hatte sich herumgesprochen, daß ich Teppiche gekauft hatte, und nun wurde ich den ganzen Tag über von Leuten bestürmt, die mir den verschiedenartigsten Schund aufhängen wollten. Der europäische Geldbeutel gilt eben als unergründlich. Mein neuer Diener Nasr bat um ein Darlehn von 2 Taels, da er seine Sachen im Pfandhause habe; anscheinend bei diesen Leuten ein chronischer Zustand. Ich gab sie ihm infolge schlechter Erfahrungen ungern, ließ mich aber schließlich erweichen, da er nichts Ordentliches zum Anziehen hatte. Nach und nach brachte er mir einen Teil des Geldes zurück, den er sich wahrscheinlich von seiner Freundschaft zusammengeborgt hatte.