Um fünf Uhr nachmittags marschierten wir ab. Wir waren noch nicht zehn Li weit, als ein abscheulicher Staubsturm losbrach. In dem sandigen Tale des Aksu darga reitend, kreuzten wir zwei oder drei Arme desselben, die ungefähr einen Meter tief, und, da man nicht die Hand vor Augen sehen konnte, recht unangenehm zu durchschreiten waren. Schließlich gelangten wir an den Hauptarm, dessen gelbe, reißende, sich südwärts wälzende Flut mittels Fähre überschritten wird. Die Fähre lag am rechten Ufer etwa 10 Meter von diesem entfernt. Man ritt durch das Wasser heran und balanzierte vom Pferd aus hinein; die Tiere mußten dann über den einen Meter hohen Bord hineinspringen. Ich sah die meinigen schon mit gebrochenen Knochen bei dem lebensgefährlichen Manöver. Aber es ging besser als man dachte; die Stute und der Schimmel sprangen glatt hinein, nur der Dicke streikte, und wenn der einmal nicht will, ist nichts mit ihm anzufangen. Ich ließ nun aus einigen Bohlen eine Art Laufsteg ins Wasser bauen, redete meinem guten Dicken gut zu, und siehe da, er kletterte gutwillig hinein. Als wir glücklich alle darin waren, erklärten die Fährleute, wir müßten noch einige Stunden warten, bis der Sturm sich gelegt hätte. Natürlich allgemeine Entrüstung. Auf meine Frage, warum sie uns das nicht gleich gesagt hätten, erwiderten sie, wir hätten sie ja gar nicht gefragt, sondern wären gleich in die Fähre gestiegen. Ich ließ mir das nicht gefallen und befahl, loszufahren, aber ich hätte es mir sparen können. Sechzehn Mann arbeiteten mit dem dazu gehörigen Geschrei, ohne das Boot weiter als bis in die Mitte des gar nicht sehr breiten Flusses bringen zu können. Der gewaltige Sturm drückte derartig gegen, daß wir nicht vorwärts kamen, dabei trieb uns die sehr starke Strömung fortwährend flußabwärts. Schließlich saßen wir auf einer Sandbank fest. Nach vieler Mühe kamen wir wieder los und landeten zuletzt an demselben Ufer an einer Flußwindung, ungefähr zwei Kilometer vom Ausgangspunkt. Der Sturm nahm eher zu als ab. Ich ließ daher ausladen und beschloß, zurückzureiten.

Zuerst ging es zur Karre, um meine Leute zu benachrichtigen, dann führten uns die Kavalleristen zu einem nicht sehr weit entfernten Dorf, bei dessen Ortsvorsteher wir uns einquartierten und recht gut unterkamen. Die Pferde hatten einen sehr guten Stall, und ich bekam etwas zu essen. Das beste Zimmer war von einem Opium rauchenden Mandarinen, dem es ebenso wie uns gegangen war, besetzt. Ich sollte die eine Hälfte bekommen, verzichtete aber lieber, da der Opiumgeruch der einzige Geruch ist, an den ich mich in China nicht gewöhnt habe. Ich nahm mit einem kleinen, aber sauberen Raume vorlieb. Unser Nachtquartier hieß Tschochtan.

Über Nacht legte sich der Sturm. Am 27. Mai morgens hatten wir an der Fähre wieder dasselbe Theater wie gestern. Der Dicke streikte heute gänzlich, und ich war schon drauf und dran, mich auszuziehen und ins Wasser zu steigen, als mir zum Glück noch ein alter Trick einfiel, mit dem wir unsere Pferde in die Eisenbahn besorgen, nämlich, sie einfach mittels hinten angespannten Obergurts hineinzuziehen. Ich ließ einen Strick hinten anlegen und an beiden Seiten Leute ziehen, worauf mein Dicker ganz willig hineinspazierte. Die Überfahrt an das andere, einen Meter hohe Ufer mit steiler Böschung ging glatt von statten; die Pferde sprangen direkt ans Land, und wir trabten bald lustig auf Humpasch zu. Der Weg verschlechterte sich zusehends; da es im Gebirge stark geregnet hatte, standen lange Strecken ganz unter Wasser. Viele der kleinen Brücken waren weggerissen, so daß wir uns oft gezwungen sahen, große Umwege durch das seichte Wasser zu machen. Einmal fingen wir einen fast meterlangen Fisch, der im seichten Wasser nicht vorwärts konnte. Er bildete eine sehr angenehme Abwechslung der Speisenkarte. Um 2 Uhr waren wir in Ajikur, wo wir gut unterkamen. Bald nach uns langte eine Karre mit einer Halbweltdame an, die mir sofort in die Stube lief. Inzwischen entwischte ihr der bereits bezahlte Karrenführer, und es gab draußen eine Szene, bei der man eine Sammlung der gemeinsten Schimpfworte zu hören bekam. Merkwürdig und recht bezeichnend für die nicht allzu hohe Sittlichkeit des Volkes ist es, daß die verheirateten Frauen mit dieser Sorte Weiber wie mit ihresgleichen verkehren. Den ganzen Abend spielten sie draußen auf dem Kang Karten, was schließlich auch mit einem Streit endigte.

Türkin aus Chotan

Vom Amban in Aksu hatte der mich begleitende Yamenbeamte ein Begleitschreiben mitbekommen, wonach die Ortsvorsteher uns Pferdefutter, welches sich die Reisenden im allgemeinen mitzubringen pflegen, zu liefern hatten. Der hiesige Ortsvorsteher verstand sich jedoch erst dazu, nachdem die Kavalleristen eine längere Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatten. Ich persönlich habe übrigens niemals daran gedacht, etwas zu fordern: lieferten die Leute etwas, so nahm ich es dankbar an und vergalt es mit einem Geldgeschenk, gaben sie nichts, so mußte ich eben kaufen, was ich gebrauchte. Da es am 28. Mai wieder sehr heiß war, beschloß ich, über Nacht zu marschieren und rastete noch bis zum Nachmittag. Gegen 4 Uhr ritten wir ab. Im nächsten Dorfe entstand ein Streit zwischen einem meiner Kavalleristen, meinem Yamenbeamten und dem Ortsältesten. Da ich die Türkisch sprechenden Leute nicht verstand, ließ sich nicht feststellen, um was es sich handelte, doch konnte ich den Verdacht nicht unterdrücken, daß die Gesellschaft hinter meinem Rücken meinen Namen zu Erpressungen benutzte. Es ging weiterhin durch knietiefen Sand, einen im Bau befindlichen Kanal entlang, der das überflüssige Wasser des Aksu darga ableiten soll, um einerseits neue Strecken urbar zu machen und andrerseits Überschwemmungen vorzubeugen. Am Ende war ein Riesenbiwak von ungefähr 3000 Arbeitern, überall lohten die Feuer, anstatt des Pferdegewiehers hörte man den klangvollen Schrei des Esels. Die Arbeiter waren beim Kochen des Abendessens, es herrschte ein lebhaftes Treiben im Lager. Von weitem konnte man sich einbilden, an ein deutsches Manöver-Biwak heranzureiten.

Gegen 1 Uhr nachts kamen wir nach einer einsamen Posthalterei; die Pferde waren sehr müde und infolge des knietiefen Sandes warm geworden. Bis der Wagen kam, warteten wir, dann marschierten wir noch bis zur nächsten Posthalterei an einer salzhaltigen Quelle. Man sagte uns, es gäbe bis Kaschgar kein gutes Wasser mehr. In der Tat schmeckte das Wasser schauderhaft bitter, und selbst die Pferde wollten es nicht saufen. Der Ort hieß Tschyrchuduch. Das Frauenzimmer von gestern fuhr mit ihrer Karre beständig hinter der meinigen her. Sie hatte natürlich gehofft, an mir einen guten Fang zu tun, und mag recht enttäuscht gewesen sein, denn ich ließ einfach das Haupttor sperren, so daß sie draußen bleiben mußte. Über Nacht kam Staubsturm aus Nordwesten auf; es war morgens so ungemütlich, daß ich bis 2 Uhr nachmittags wartete, zu welcher Zeit sich der Staubsturm etwas gelegt hatte. Auch als wir abmarschierten, war es noch immer drückend schwül. Der Weg führte wie gestern durch Wüste mit vereinzelten Kamischbüscheln. Gegen 4 Uhr kam es aus Osten bei kaltem Winde wie eine schwarze Wand angesaust, es war ein neuer Staubsturm, der bedeutend stärker war als der erste; er brachte Abkühlung, und da er von hinten kam, wirkte er nicht unangenehm.

Der Umbasch in Tschylangtai, wo wir über Nacht bleiben wollten, ließ mir sagen, daß ich mich zu ihm bemühen solle, um ihm meinen Paß zu zeigen. Dies war insofern eine Unverschämtheit, als ihm der Beamte vom Yamen Aksu bereits das Begleitschreiben seines Herrn vorgezeigt hatte. Ich ließ ihm zurücksagen, er möge zu mir kommen. Da er nicht erschien, schickte ich Nasr hin, worauf er sofort kam und alles Vorhergegangene bestritt. Wahrscheinlich hatten sich die Kavalleristen mit dem in Wirklichkeit ganz gutwilligen Alten einen Witz erlaubt, weil er auf ihre Anzapfungen, betreffend Pferdefutter usw., nicht eingegangen war. Am 30. Mai marschierten wir früh ab; es ging durch Wüste, die allmählich in Steppe mit Baumwuchs überging. Am Rande der Wüste steht ein altes verlassenes Soldatenlager aus den Zeiten der Fürsten von Kaschgar. Wir rasteten und futterten in einem kleinen Nest mit einer salzigen Quelle und marschierten um 5 Uhr abends weiter nach Scheitai, d. h. elfter Meilenstein. Es ging im mahlenden Sande meist durch dichten, Schatten spendenden Wald, abwechselnd mit drei bis vier Meter hohen, auf kleinen Erdhügeln stehenden Kamischsträuchern. Ich kann mir die Entstehung der Erdhügel nur so erklären, daß Jahrhunderte lang die Verwitterungsprodukte desselben Strauches diesen Hügel gebildet haben, auf dem dann der Strauch fortwuchert. Eine kurze Zeit lang hatten wir südlich den jetzt kaum Wasser führenden Kaschga darga in Sicht. Im Norden traten die Sanddünen der Wüste hervor. Der Weg ging teilweise auf einem recht gut erhaltenen Knüppeldamm mit vielen Wasserdurchlässen, die sich auch alle in gutem Zustande befanden. Abends kamen wir nach Scheitai, wo ich aus den besten Zimmern des Gasthofs erst einige Landstreicher herausbesorgen mußte, um Unterkommen zu finden.

Leider gab es über Nacht eine große Pferdeschlacht. Ich hatte am Abend allein neun Hengste im Hofe gezählt, von denen, nach der üblen Sitte der Karrenführer, über Nacht keiner angebunden war. Ich wachte von dem Geschrei der Hengste auf, nachdem ich schon am Abend vorher hatte Ruhe stiften müssen, da die Hengste natürlich alle zu meiner Stute, der einzigen im Hofe, gelaufen kamen. Mein Schimmel, der sich mit der Stute sehr angefreundet hatte, geberdete sich wie toll und hatte Streit mit allen Hengsten. Ich stand auf und fand die ganze Gesellschaft bei meinen Pferden; der Schimmel war los und blutete bereits mehrfach. Auch die Stute war hinten rechts verletzt. Nun lief mir doch die Galle über, ich trieb mit der Peitsche alle Karrentreiber heraus und ließ die Hengste anbinden.

Auch heute, 31. Mai, ging es durch Wald, der aber teilweise abgestorben ist; wahrscheinlich hat ihm der vordringende Sand die Lebensbedingungen genommen. Weiterhin sahen wir wieder viel Kamisch. Wir waren schnell geritten und ich kam mit meinen Leuten schon gegen 12½ Uhr in Scheitai an. Die Karre folgte erst um 4 Uhr.