Der Ortsvorsteher besuchte mich und erzählte, daß es hier sehr viele Wildschweine gäbe. Ich bat sofort um Pferde, die mir auf das liebenswürdigste zugesagt wurden. Man brachte mir einen Hengst, der bereits rechts am Bauche schwere Narben aufwies, die ihm ein verwundeter Keiler bei der Jagd auf Schweine beigebracht hatte. Als das Pferd in den Hof gebracht wurde, bemerkte ich, daß die Chinesen grinsten, und auf meine Frage, was sie zu lachen hätten, meinten sie: "Herr, das Pferd ist din bu lausche" (ein gemeiner Verbrecher). Mir machte das nichts, ich saß ruhig auf und ritt mit meinem Diener und noch zwei andern Schantus nach Osten, auf dem Wege, auf dem wir hergekommen waren, acht Kilometer durch angebautes Land zurück. Unterwegs erzählten die Leute viel von ihren Schweinsjagden; sie hassen das Tier, welches sie als Mohammedaner nicht einmal essen, wie die Pest, weil es ihre Saaten zerwühlt, und sie jagen es, wann und wo sie nur können. Zu dieser Jagd ziehen sie bis zu 20 Reiter stark aus, von denen nur einer eine alte primitive Büchse hat; die andern haben Lanzen oder auch nur Stangen. In langer Linie reiten sie durch das Unterholz, und kommt dann ein Schwein auf, so geht es in Pace hinterher, bis das Schwein gestellt wird. Dann erhält es den Schuß, der fast nie fehlgehen soll. Wir machten es ähnlich, verteilten uns auf eine Linie und ritten durch sehr dichtes Unterholz, das mit frisch gerodetem Land und Saaten abwechselte. Überall sah man die Fährten des Wildschweines, es mußte hier Hunderte von Schwarzkitteln geben. Im Trabe ging es über viele Gräben und Dämme und durch ein Stück Sumpf. Mein Pony ging sehr gut und benahm sich vorläufig ganz anständig. Nasr hatte den linken Flügel und rief plötzlich: "Herr, Herr, ein sehr großes!" und schon kam es wie eine Maschine durchs Unterholz. Ich sah nur einen Moment die weißen Gewehre des Keilers blitzen, kam aber nicht zum Schuß, und nun ging die Jagd los, eine Parforcejagd, wie sie in Deutschland nicht schöner sein kann. Die Ponies gingen totsicher und beinahe in Rennpace durch das Dickicht, daß es eine reine Freude war. Ich bemerkte nun, warum die Chinesen mich vor dem Tiere gewarnt hatten, denn mein Brauner kannte das Geschäft ganz genau und pullte wie besessen. Ich glaube, daß die Mohammedaner gehofft hatten, mich beim ersten Graben im Schmutz liegen zu sehen; den Gefallen tat ich ihnen aber nun nicht. Ich nahm die Zügel in die eine Hand und hielt mit der anderen das Gewehr hoch. So ging die Jagd mehrere Kilometer weit, immer das durch das Gebüsch brechende Wild vor uns. Mit einem Male hörte ich nichts mehr von dem Schwein; wir waren an einen Sumpf, die Pferde sanken tief ein. Wir mußten leider umkehren, da die Sonne schon bedenklich tief stand und wir einen weiten Rückweg hatten.

Auf dem Hauptwege angelangt, proponierte einer der Schantus noch ein Wettrennen; ich glaube, sie wollten mich auf meine Sattelfestigkeit hin prüfen. Natürlich war ich gleich dazu bereit und bestimmte, um einer unnützen Hetzerei vorzubeugen, als Ziel ein Haus am Wege, wohin ich meinen Diener als Richter vorausschickte. Ich hatte richtig gerechnet, die Schantus stürmten vom Platz weg, was die Tiere laufen konnten, während ich, nachdem ich mein Gewehr an Nasr abgegeben hatte, mit beiden Händen meinen alten Puller hinten halten konnte. Kurz vor dem Ziel fing ich an zu reiten und schlug die andern um eine gute Länge, was sie natürlich nicht erwartet hatten; sie waren etwas verblüfft, und ich konnte ihnen nun meinerseits sagen: "Seht ihr, so reiten die Europäer." Die Leute haben mir sonst gefallen, sie gehen in einer Pace und mit einer Ruhe durchs Dickicht und über schwere Hindernisse, die ganz vortrefflich ist. Dabei haben sie wirkliche Jagdpassion und einen scharfen Blick, um welch letzteren ich sie besonders beneide. Man merkte ihnen übrigens die Dankbarkeit für gute Behandlung an. Dieser Herr schlug die Leute nicht, ritt wie sie selber und hatte auch noch für ihre Angelegenheiten Interesse; das war noch nicht dagewesen, denn der chinesische Herr verkehrt nur per Peitsche mit den Schantus.

Bettler in Uchur Masar

Am 1. Juni morgens marschierten wir nur 25 Kilometer, weil in der Gegend viele Schweine sein sollen. Aus der Ebene, die sehr sumpfig wird und mehrfach Seen-Bildung aufweist, erheben sich ganz unvermittelt Felsgruppen zu ziemlich beträchtlicher Höhe. Ich pirschte die ganze Gegend ab, ohne auch nur eine Fährte eines Wildschweines zu sehen; es wurde drückend schwül, und die Luft war wie in einem Treibhause. Auf einem der Felsen, unmittelbar am Dorfe, liegt ein Heiligengrab, Uchur Masar, das dem Dorfe den Namen gegeben hat. Der hier ruhende Heilige ist vor ungefähr 200 Jahren begraben worden. Ich kletterte auf einem für Nichtschwindlige berechneten Pfade hinauf und genoß von oben eine herrliche Fernsicht.

Unten im Dorfe erzählten die Leute, daß vor ein paar Tagen ein Tiger hier gewesen sei und einige Pferde und Rinder zerrissen habe. Leider mußte ich mich von der Unmöglichkeit einer Jagdexpedition zur Zeit überzeugen. Abgesehen davon, daß mich kein Mensch begleiten wollte und ohne Führung an den Tiger gar nicht heranzukommen gewesen wäre, bietet die Jagd selbst auch noch sehr große Schwierigkeiten. Das Schilf ist drei Meter hoch und der Untergrund fast durchweg Wasser, so daß die Treiber nicht durchkommen können. Die Leute behaupteten, der Tiger säße auf dem andern Ende des Sees im Sumpf; Entenjäger hätten ihn gestern Abend vom See aus brüllen hören. Im übrigen wird der Tiger hier eigentlich nur im Winter geschossen, da dann seine Decke sehr viel schöner und die Jagd weniger schwierig ist. Man brennt das trockene Schilf herunter und treibt ihn so auf den Fleck, wo man ihn haben will, was er sich ruhig gefallen lassen soll, und schließlich schießt ihn der beste Schütze des Dorfes mit der nie fehlenden Kugel oder vielmehr der Ladung aus Bleistücken aus der primitiven Luntenflinte. Die Decke bringt im Bazar ungefähr 60 Taels, jeder Knochen und jedes Stückchen Fleisch wird verwertet, da es die Apotheken für Medizin sehr hoch bezahlen. So zahlen sie z. B. für einen Röhrknochen drei Taels.

Uchur Masar
Das Heiligengrab ist auf der Spitze des Felskegels

Am Nachmittag wanderte ich, um die Pferde zu baden, zum See und entdeckte hierbei in einem Abflußkanal drei Einbäume, jeder vielleicht 4 Meter lang, ausgehöhlt und ohne Kiel, Bug usw. Die Leute bewegen das Boot sehr geschickt mit einem einfachen, ganz kurzen Handruder. Ich unternahm sofort eine Gondelpartie und stieg mitten im See zu einem herrlichen Bade in das nur ganz schwach salzhaltige Wasser. Der See soll sehr fischreich sein. Das Heraus- und Hereinbalanzieren beim Einbaum war ein ziemlich gefährliches Unternehmen, da der Kahn jedesmal zu kentern drohte. Als wir landeten, planschten die Pferde vergnügt im Wasser herum; der Dicke hatte sich losgerissen und es schien ihm ganz besonders gut im Wasser zu gefallen, denn er wollte gar nicht mehr herauskommen.

Gegen Abend aufbrechend, passierten wir auf einem Bergabhang hohe Ruinen von Gebäuden, teils Ziegel-, teils Lehmmauern. Die Chinesen behaupteten, es seien zerfallene Tempel, die Schantus sagen, es sei eine alte, verlassene Stadt. Es mochte gegen 2 Uhr nachts sein, als wir kurz vor uns im hohen Schilfe das Brüllen eines Panthers hörten. Die Pferde standen an alle Gliedern zitternd und waren nicht mehr einen Schritt vorwärts zu bringen. Meine Kavalleristen wollten sofort kehrt machen, und erst als sie sahen, daß ich mir den Karabiner geben ließ, um dem Panther zu Leibe zu gehen, faßten sie wieder Mut. Leider war auch hier wieder ein Eindringen in den Sumpf so gut wie unmöglich, und fernerhin hörten wir nichts mehr von dem Panther. Die Pferde beruhigten sich und wir marschierten weiter auf Maralbaschi zu. Früh gegen 3 Uhr waren wir im Ort.