Beim Auspacken der Karre vermißte ich meine Antilopenköpfe, die stets in einem Sack hinten an der Karre gehangen hatten. Zu meinem nicht geringen Ärger waren sie gestohlen. Wahrscheinlich hatte sie bei den Nachtmärschen einer hinten abgeschnitten; natürlich wollte keiner von der Gesellschaft etwas wissen.

Der Yamen schickte mir sofort als Geschenk 50 Eier, Hühner und Pferdefutter. Ich traf es gut, denn der Amban hatte gerade heute sein Amt angetreten und sein Vorgänger soll ein fremdenfeindlicher, unhöflicher Mensch gewesen sein. Ich schlief erst aus, dann ließ ich mir die Haare schneiden und mich rasieren, was ein Schantu recht gut besorgte. Ich gab ihm nach unserm Gelde 80 Pfennig, was im Vergleich zu den hiesigen Lebensbedingungen sehr viel mehr bedeutet. Dennoch war der Kerl nicht zufrieden und verließ den Hof erst, als ich ihm vorschlug, mit mir zum Yamen zu kommen. Dort hätte man ihm sofort zwei Drittel des Geldes, als zu viel, wieder abgenommen, so wenigstens versicherten mir die anderen Schantus. Am Nachmittag erhielt ich vom Aksakal und einem reichen indischen Kaufmann Besuch. Um 5 Uhr ritt ich selbst zum Yamen und revanchierte mich dabei mit Geschenken in Gestalt einer Handlaterne mit europäischen Lichten und einer Flasche Glycerin, die ich noch übrig hatte. Ich sollte eines der Kinder, das Zahnweh hatte, kurieren, was ich natürlich nicht konnte. Der Bengel hatte zur Feier des Tages zu viel Zuckerzeug gegessen, das von den Kaufleuten des Ortes neben tausend anderen Sachen zum Amtsantritt des Vaters geschenkt worden war. Der Yamenhof, alle Eingänge, Säulen usw. waren mit roten Tüchern drapiert, die nur notdürftig die Schäden der zerfallenden Lehmgebäude verdeckten.

Am Abend gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen: Suppe, ein richtiger, guter, in Butter gebratener Fisch, gebratenes Huhn und als Nachtisch frische Maulbeeren. Am Abend kam wieder der indische Kaufmann, um mich zu besuchen. Er stammt, wie viele seiner Landsleute in der Gegend, aus Lahore, reist jedes Jahr einmal nach seiner Heimat und macht im übrigen hier recht gute Geschäfte. Seine Handelsartikel sind: gemusterte und gestreifte Seide, Kaliko in den verschiedensten Farben, Porzellan, Zuckerzeug und auf Verlangen jedenfalls alles, was die Käufer bezahlen können. Nebenbei verleiht er gegen hohe Zinsen auch Geld. Er behauptete, daß seine Waren alle aus Indien stammten, während ich mich nach eingepreßten oder auch aufgemalten Firmen überzeugte, daß sie ohne Ausnahme russischen Ursprungs waren. Die Leute waren hier sehr höflich; wenn ich auf der Straße ging oder den Gasthof verließ, standen sie überall aus ihrer gewöhnlichen Hockstellung auf und machten Platz. Der Ort ist nicht sehr groß; an die umwallte Stadt, in der die Chinesen wohnen und in der der Yamen liegt, schließt sich nach Osten zu eine lange Bazarstraße mit vielen Läden an. Ich sah außerdem zwei Moscheen und ein Heiligengrab.

Chinesinnen mit unverkrüppelten Füßen

Den ganzen Abend wartete ich auf den mir angekündigten Gegenbesuch des Ambans, der mir erst sehr spät sagen ließ, er käme am nächsten Morgen. Bei meinem abendlichen Rundgang fand ich meine Stute und den Schimmel so kurz angebunden, daß sie sich nicht legen konnten. Der zur Beaufsichtigung der Pferde engagierte Schantu behauptete, daß der eine der Kavalleristen sie kurz angebunden hätte, weil sie sein Pferd geschlagen hätten. Ich beförderte den Opium rauchenden Krieger recht unsanft vom Kang in den Stall, wo er eigenhändig meine Pferde wieder lang binden mußte. Wegen einiger fehlender Eisen war es unmöglich, wie ich es eigentlich wollte, am nächsten Tage weiter zu reiten; ich beschloß also, Masar Alldi zu besichtigen, ein Heiligengrab, das sehr hübsch auf einem einzelnen Felskegel in der Ebene gelegen sein sollte und einen der Hauptausflugsorte bildet. Um meine Tiere zu schonen, mietete ich mir im Orte drei andere Pferde. Wir wollten gerade abreiten, als einer vom Yamen kam und den Besuch des Ambans anmeldete. Ich saß wieder ab und ließ die Pferde wegführen, um ihn zu empfangen. Der große Eintrittsraum der mir zur Verfügung stehenden Zimmer war mit meinen schönen, neulich gekauften Teppichen ausgestattet und machte sich sehr hübsch. Wir warteten und warteten, der Amban kam nicht. Die Sonne stieg immer höher, und es wurde drückend heiß; endlich, um neun Uhr, nach zweistündigem Warten, erschien der alte Herr und hielt mich noch eine halbe Stunde auf, so daß es nunmehr eine Tierquälerei gewesen wäre, noch zu reiten. Daher gab ich den Ritt auf und besuchte statt dessen den Aksakal und den indischen Kaufmann, die mir beide nach Landessitte Zuckerzeug vorsetzten. Dem Schmied, der mittags noch nicht angefangen hatte, die Eisen zu machen, hetzte ich den Umpasch (türkischer Ortsvorsteher) auf den Hals. Die Karre mit meinen Sachen sollte auf dem großen Weg nach Kaschgar gehen, während ich selbst über Terem, Lailik und Ordan Padscha südlich der großen Heerstraße zu reiten beabsichtigte. Da wir zu Pferde ohne jegliches Gepäck schneller vorwärts kommen konnten, war anzunehmen, daß wir ungefähr zu derselben Zeit wie die Karre in Kaschgar eintreffen würden. Die für heute schon bezahlten Pferde bestellte ich für morgen zur Jagd. Der Schmied erschien noch ganz spät abends, weil es aber schon zu dunkel war, verschob ich das Beschlagen auf morgen und gab ihm, da ich nicht selbst anwesend sein konnte, meine Wünsche ganz genau an. Um 4½ Uhr morgens ritten wir, fünf Mann hoch, zur Schweinejagd. Ich hatte eine falbe Stute, die vier anderen hatten Hengste, so daß das Gegrunze und Gequietsche kein Ende nahm. Es fällt anfangs auf, daß in hiesiger Gegend nur Hengste geritten werden und man gar keine Wallache findet. Dies hat aber seinen Grund darin, daß der Wallach die Stute gegen den angreifenden Wolf oder Tiger auf der Weide nicht schützt. Greift ein Raubtier die Herde an, so schließen sich sämtliche Stuten zum Kreise zusammen und nehmen die Füllen in die Mitte, wobei sie den Kopf nach innen haben, die Hengste bleiben draußen und sollen den Tiger oder Wolf rücksichtslos mit Gebiß und Hufen angreifen. Meine Begleiter waren Nasr, der Umpasch und zwei vom Yamen, alle gut beritten. Es ging in der üblichen tollen Fahrt zur Stadt hinaus in westlicher Richtung, allmählich etwas nach Süden wendend, zuerst durch bebautes Land, dann durch heideartige, schwach mit Tamarisken bestandene Steppe.

Bei einem einzelnen Gehöft machten wir Halt und saßen ab. Es gehört einem wohlhabenden Schantu, Namens Togda Mehrab, eine Art Vertrauensperson des Yamens. Ich lernte in ihm einen Mann kennen, wie man ihn wohl selten findet. Der alte ehrwürdige Vater, der über 100 Jahre alt ist und auf fünf Generationen herabblickt, wie seine ganze Familie waren alle gleichmäßig angenehm. Der Greis hat das Glück, nicht einen einzigen ungeratenen Nachkommen zu besitzen. Ich wurde mit einer Herzlichkeit aufgenommen, wie ein alter, lang erwarteter Freund, und bekam sofort Tee, Milch und gerösteten Fisch vorgesetzt. Der Hof zeigte bald ein Bild, wie bei uns im Herbst ein Gutshof im schönen Schlesien: vor Versammlung zur Jagd. Die Frau des Hauses, das Muster einer guten Hausfrau, sorgte für alle, dabei hatte sie noch ein freundliches Wort für jeden und neckte sich mit allen herum. Wir ritten nun zur Jagd, unter Führung des mit einer uralten Luntenbüchse und Gabel versehenen Togda Mehrab. Jeder bekam noch zum Abschied von der Hausfrau oder ihrer hübschen Enkelin einen Strauß Rosen geschenkt. Südwärts ging es im Pulk galoppierend durch die nicht sehr dicht mit Tamarisken bestandene Heide, weiter durch mehrere, hoch aufspritzende Bäche, bis wir an dem mit ganz dichtem hohen Schilf bewachsenen Sumpfgürtel ankamen. Togda Mehrab nahm nun die Tete, und einer hinter dem andern, ich als zweiter, ritten wir im Schritt hinein in den Sumpf. Wir waren meist bis an den Bauch der Pferde im Wasser und kamen nur verhältnismäßig langsam vorwärts, da das sehr dicht stehende Schilf natürlich ein schnelles Vorwärtskommen hinderte. Unzählige Schweinsfährten durchkreuzten das Schilf, ab und zu kam die Fährte eines Hirschrudels, und Togda Mehrab zeigte mir die Fährte eines starken Zehners, den er ganz genau kannte. Im Sumpf erheben sich von Zeit zu Zeit kleine sandige Kuppen, ähnlich wie die Kanzeln, die man bei uns zum Schießen hat; hier waren sie selbstredend natürliche. An einer dieser Kuppen saßen wir ab, koppelten den Pferden die Vorderbeine und machten es uns bequem, während Togda Mehrab auf Kundschaft auszog. Bald kam er zurückgelaufen und meldete zwei Schweine, ein großes und ein kleines. Ich zog seine hohen Stiefel an, und vorwärts ging es zu Fuß durch den Sumpf bis zu einer großen, im Frühjahr heruntergebrannten Strecke, auf der jetzt junges grünes Schilf wucherte. Wir setzten uns an einer vorspringenden Ecke auf Anstand an und warteten. Bald kamen sie, ich sah aber nur ihre hellbraunen Rückenlinien über den Schilfspitzen und zögerte deshalb zu schießen. Die Schweine ästen die jungen Schilfspitzen im Vorbeitrotten ab und näherten sich bedenklich der gegenüberliegenden Schilfwand. Togda Mehrab sagte leise: "Schieß, Herr, sie laufen sonst fort." Ich schoß auf das Schwein, welches ich am besten sah, konnte aber nicht unterscheiden, ob es das große oder das kleine war; es lag im Feuer, der Schuß saß Hochblatt. Der große mächtige Keiler trollte ab; ich hatte leider die kleine geringe Sau geschossen. Togda Mehrab ging wieder auf Kundschaft aus, kam aber bald zurück mit der Meldung, die Schweine hätten sich verzogen. Er brachte mir als Geschenk einen Schweinsschädel mit, den er irgendwo vergraben haben mußte. Wir saßen auf und zogen immer tiefer in den Sumpf hinein. Einige Male kamen wir an offene Stellen, wo die Pferde mehrere Meter weit schwimmen mußten, so daß ich bis an die Schultern naß wurde; mich mit der einen Hand an der Mähne festhaltend und mit der andern das Gewehr hochhaltend, ging es aber doch ganz gut. Schließlich langten wir an einer in Krümmungen durch den Sumpf laufenden Sandhügelkette an. Togda Mehrab kannte jede kleine Bucht, wußte von jedem der hier horstenden großen Bussarde, wie viel Junge er hatte, ich hätte mich in diesem Labyrinth nicht mehr zurechtgefunden. Wir galoppierten weiter; die Junisonne trocknete uns bald gänzlich. Wir sahen noch mehrfach Schweine, aber vom Pferd aus ist stets schwer schießen. Einmal saßen wir noch ab, ich hatte Glück und schoß einen groben Keiler, der im Sumpf ruhig auf vielleicht 15 Schritt stand. Dann ritten wir allmählich heimwärts. Ich war um eine interessante Jagderfahrung reicher und hatte zugleich auch gelernt, daß Sümpfe, so unzugänglich sie aussehen mögen, für den Geübten doch passierbar sind. Zu bewundern waren auch hier wieder die Ponies, die mit einer Ruhe und Sicherheit überall hingingen, die geradezu großartig war.

Nasr Togda Mehrab