Meine Jagdgenossen in Maralbaschi
Beim Hause angelangt, wurde uns ein köstliches Mahl vorgesetzt. Die Frau hatte mir zu Ehren einen jungen Hammel geschlachtet und gekocht; Brühe und Fleisch waren delikat; ich lernte hier zum ersten Male besonders den Fettschwanz schätzen. Dann nahmen wir Abschied von dem gastfreien Hause. Ich schenkte dem Besitzer mein Jagdmesser mit ledernem Gehänge, woraufhin er mir sein turkestanisches Messer mit Ledergehänge zur Erinnerung gab. In Begleitung des Hausherrn ritten wir zurück; im schlanken Trabe ging es durch die Stadt, auf deren Straßen heute am Bazartage ein lebhaftes Treiben herrschte. Im Gasthause wurde zuerst die Jagdgesellschaft photographiert, dann der Beschlag besichtigt, der ganz gut ausgefallen war. Dschang klagte über furchtbare Kopfschmerzen. Wie sich später herausstellte, hatte er unsere Abwesenheit benutzt, um mit einem "Freunde" ein "Gläschen Wein", also nach unsern Begriffen gemeinen Fusel, zu trinken, und dann wunderte er sich noch über den Katzenjammer und die Strafpredigt, die er von mir bekam. Togda Mehrab besuchte mich noch in dem Gasthause und erhielt von mir eins der von allen Chinesen und Türken vielbegehrten Frottierhandtücher für seine Hausfrau. Ich habe allmählich, bis auf zwei ganz große, meine sämtlichen Frottierhandtücher verschenkt.
Das Gepäck wurde verteilt, die leider wieder recht umfangreiche Trinkgelderfrage erledigt und die Karre mit dem Gepäck entlassen. Bald darauf ritten wir, fünf Mann und sieben Pferde stark, ab. Meine beiden Pferde wurden an der Hand geführt, eins trug die Hinterpacktaschen, das andere die mit den notwendigsten Ausrüstungsstücken gepackte chinesische Satteltasche aus Aksu. Es ging heute nur 60 Li weit, die mir aber in Anbetracht der sich allmählich einstellenden Müdigkeit endlos vorkamen. Beim Abritt begleitete uns Togda Mehrab noch fünf Kilometer und empfahl sich dann, wobei er mich sehr bat, doch ja zurückzukehren und dann in seinem Hause und nicht im Gasthause zu wohnen; doch möchte ich erst im Winter kommen, da die Jagd auf Tiger sonst zu schwierig sei und deren Fell auch während der heißen Jahreszeit lange nicht so schön sei wie in der kalten.
Wir überschritten unendlich viele Brücken, ließen einen nicht unbeträchtlichen See links liegen und befanden uns meist auf sandigen Wegen im lichten Walde. Um elf Uhr abends waren wir in Chamal, wo uns der Umpasch, ein Bruder Togda Mehrabs und diesem sprechend ähnlich, sehr gut und ebenso freundlich aufnahm. Ich schlief vor allen Dingen ordentlich aus, und zwar in dem Bette der Dame des Hauses, was ich zwar erst nicht annehmen wollte, aber nicht abschlagen konnte. Nach dem letzten anstrengenden Tage bedurfte ich allerdings dringend der Ruhe. Auch die hiesige Gegend war ein einziger, fruchtbarer, großer Garten, in dem alle Arten Obst, Mais usw. angebaut wurden. Es herrschte ein Überfluß an Holz, den ich der Tientsiner Gegend wünschte. Jedermann wußte mit der Büchse umzugehen, wie ein alter gelernter Jäger; jeder war ein guter Schütze, hatte Jagdpassion und Jagdverständnis.
Nachmittags ging ich wieder, dieses Mal zu Fuß, mit Togda Mehrabs Bruder auf Schweinsjagd, kam jedoch nicht zum Schuß. Um 5½ Uhr marschierten wir weiter, kreuzten den Yarkand darya und waren um 9½ Uhr in Achsach Maral, wo wir beim Umpasch unterkamen. Leider plagte mich über Nacht Ungeziefer, so daß ich nicht schlafen konnte. Morgens ging ich mit einem Mann des Dorfes auf Antilopenjagd. Die Gegend ist hier sandiger, und Antilopen kommen viel vor. Wir hatten Glück und kamen, auf dem Bauche zwischen den Sanddünen entlang kriechend, an einen Sprung auf vielleicht 30 Schritt heran, ohne daß die Tiere uns bemerkt hätten. Ich schoß den Leitbock weg; er lag im Feuer. Die Tiere waren so bestürzt, daß sie alle durcheinander liefen und nicht wußten, woher und wohin. Die zweite Kugel brachte einem geringeren Bock einen schweren Halsschuß bei; er lief noch 50 Schritte und brach dann zusammen, ich gab ihm den Fang. Wir pirschten weiter, und nochmals hatte ich das Glück, an einen Sprung heranzukommen und auf ungefähr 110 Schritte ein Tier umzulegen.
Die Hitze war inzwischen unerträglich geworden, so daß wir zum Dorf zurückgingen und die Jagdbeute hereinholen ließen.
Nachmittags ritten wir weiter durch das mit Büschen und Baumgruppen bestandene Weideland. Einmal sahen wir einen Hirsch, der jedoch schon flüchtig wurde, als wir auf ungefähr 400 Meter heran waren; es war ein guter Zehner, den die Leute aus dem Dorfe ganz genau kannten. Gegen Abend wurde es empfindlich kalt; wir marschierten auf einem Damm, links lag ein flacher See. Um 10 Uhr waren wir in Ala Argi, wo wir wiederum beim Umpasch gut unterkamen. Wenn man in dieser Gegend nicht von den Leuten aufgenommen wird, muß man biwakieren, denn Gasthäuser gibt es hier nicht. Ich hatte indessen, wie stets in Turkestan, ein Begleitschreiben vom Yamen mit, welches die Ortsvorsteher anwies, mir jede gewünschte Unterstützung zuteil werden zu lassen. Früh morgens am 7. Juni brachen wir nach Meinet auf. Der Weg führte teils durch vollkommenen Urwald, teils durch Ackerland, welches stets gegen das hier sehr zahlreiche Wild stark eingezäunt ist. Auf einer überschwemmten Strecke ungefähr 5 Kilometer lang mußten wir durch knietiefen, zähen Schlamm, so daß Mann und Pferd hinterher im wahrsten Sinne des Wortes wie aus dem Morast gezogen aussahen. Auch hier bemerkte ich sehr zahlreiche Fährten von Schweinen, zuweilen auch solche vom Hirsch, Wolf und Fuchs. Der noch in Maralbaschi gar nicht seltene Tiger kommt hier nicht mehr vor. Der Damm war sehr schlecht gehalten, die Brücken sämtlich eingefallen. Vereinzelt traf man an gerodeten Strecken kleine Ansiedlungen, meist nur aus einem alten Lehmhaus bestehend.
Türkinnen
Gegen 3 Uhr waren wir in Meinet, einem aus verstreut liegenden Gehöften bestehenden Dorf. Die armen Pferde waren infolge des Marsches durch den Sumpf und infolge des Staubes sehr müde. Die meinigen waren besser in Training, man merkte es ihnen nicht so sehr an, während die vom Yamen ganz abgefallen waren und gar nicht fressen wollten. Wir kamen auch hier wieder beim Umpasch unter. Mein Wirt war mehrfacher Großvater, und im Hause waren elf kleine Kinder, die abwechselnd ununterbrochen schrien. Sonst waren die Leute die Höflichkeit selbst und ich wurde in jeder Beziehung als großer Herr behandelt, was teilweise gar nicht bequem war. Wenn ich z. B. nur die Nase zur Tür hinaussteckte, um nach meinen Ponies zu sehen, stand sofort alles ehrerbietig auf. Im übrigen zeigte sich hier wieder, daß die Neugierde eine weibliche Eigenschaft ist. So hatte eines der jungen Weiber durch eine Türritze beobachtet, wie ich in einem Holzbottich badete; nun amüsierte sich alles großartig darüber, und das Gekicher wollte kein Ende nehmen.