Auch in dieser Gegend fand ich nur Hengste; übrigens sind dieselben gegen den Menschen durchweg gutartig, nur untereinander fangen sie sofort Streit an. Vor dem Hause liegt ein flacher See, der in manchen Jahren ganz austrocknen soll. Daß er andererseits zuweilen sehr viel höher stehen muß, konnte man an den verschiedenen alten Uferlinien erkennen.
Wir machten früh nur eine deutsche Meile nach Awott, wo die Pferde gewechselt und gefüttert werden sollten, um für den Marsch durch die 55 Kilometer lange Wüste nach Mogal frisch zu sein. Die Pferde standen im Garten unter dichten Aprikosenbäumen, wo es angenehm kühl war, während man es im Freien vor Hitze nicht aushalten konnte. Mein Küchenzettel wurde hier recht einseitig, meist bestand er nur aus Hirse und Eiern. Gott sei Dank hatte ich einen kleinen Sack mit Reis und einige, allerdings schon sehr trocken gewordene Brötchen mit. Die Leute waren wieder lächerlich freundlich. Der alte Umpasch, ein Mekkapilger mit dem grünen Turban, kam alle fünf Minuten, um nachzusehen, ob auch alles nötige da sei. Der mächtig große Raum, der wohl 12:12 Meter maß und in der Decke ein Luft- und Lichtloch von einem Quadratmeter hatte, war schön kühl. In ihm hielt sich die ganze Familie mit Knechten und Mägden auf, es war eine Art Diele, wie man sie bei uns in Westfalen findet. Man sah hier schon die hübschen, ziselierten Wasser- und Teekrüge aus Chotan; der übrige Hausrat war denkbar einfach. Einige Filzteppiche, Kopfpolster in Rollenform, einige wenige irdene Töpfe und Teller, die Metallspiegel und Öllampen, alles war noch ganz so, wie zu Zeiten Christi Geburt. Die Leute essen hier verhältnismäßig viel Fleisch, sind dafür aber auch viel muskulöser als die Chinesen. Opiumraucher habe ich, außer einigen Damen der Halbwelt, unter den Schantus noch nicht gesehen; jedoch soll es eine ganze Menge geben, die diesem Laster huldigen. Dafür hat jeder seinen kleinen, ausgehölten Flaschenkürbis mit Tabak im Gürtel hängen, aus dem er ab und zu eine Prise kaut. Ich versuchte das dunkelgrüne Zeug; es ist beißend scharf; daß es auf die allgemeine Gesundheit des Körpers denselben schwer schädigenden Einfluß hat wie das Opium, glaube ich nicht. Die kleinen Flaschenkürbisse sind außen meist hübsch geschnitzt, teilweise mit Silberbeschlag versehen.
Bek von Terem
Um 5 Uhr ritten wir ab. Den nahenden Staubsturm sah man schon an der Färbung der Horizontes. Der Himmel war ganz grau geworden und die Sonne nur noch eine glanzlose Scheibe. Es ging durch ein kleines Stück bebautes Land, das bald in Wüste mit abgestorbenem Walde überging. Leichte Sanddünen, vielleicht drei Meter hoch, nordsüdlich laufend, kreuzten den Weg. Trotzdem sie nur klein waren, machten sie den Pferden viel Beschwerde. Ich konnte mir recht gut vorstellen, wie es Sven Hedin im Tschong Kum, dem großen Sande in der Taklamakan, die wir dicht vor uns haben, ergangen ist. An tiefer gelegenen Stellen stehen vereinzelt grüne Bäume. Um 6 Uhr ging der Sturm los, es wurde stockfinster. Wie unser, vom letzten Ort mitgenommener Führer den Weg fand, der sich im Sande ohnehin kaum abzeichnete, ist mir noch heute unklar; diese Leute müssen eine Art Instinkt haben. Im rücksichtslosen Inspektortrabe ging es vorwärts, dicht aufgeschlossen; hinten galoppierte alles, um nur mitzukommen. Nach 1½ Stunden war der Sturm vorüber, und nach einer weiteren Stunde schärfsten Trabes hatten wir die Wüste hinter uns und waren im steppenartigen, mit Gebüschgruppen besetzten Lande. Ab und zu kam noch eine hohe Sanddüne, die wir umgingen, und um 11 Uhr waren wir am Hause des Dorfältesten von Mogal, wo Mann und Pferd bald gut untergebracht waren und wir bei einer Tasse Tee unsern recht beträchtlichen Durst löschen konnten.
Als ich früh um 9 Uhr aus meinem Zimmer trat, fand ich draußen eine große Menge versammelt. Mogal hatte seit vollen zwei Jahren seinen Anteil an Wasser aus dem Kaschgar darya nicht erhalten. Jedes dieser Dörfer hat nämlich für eine bestimmte Zeitdauer im Jahre, für Mogal sind es 20 Tage, das Recht, seinen Bedarf an Wasser aus dem Flusse zu decken. Da es hier nie regnet, so ist den Leuten einfach die Lebensader unterbunden, wenn das Wasser aus dem Flusse fehlt. Nun klagten sie mir ihr Leid, der Umpasch von Terem, dem sie unterstellt sind, enthalte ihnen ihren Anteil an Wasser vor, und baten mich, dem Taotai in Kaschgar den Sachverhalt mitzuteilen. Sie selbst hatten natürlich zu dem hohen Herrn nicht vordringen können, es kostete zu viel Geld. Es sah allerdings hier böse aus: alles war verdorrt und versengt, und die meisten Felder waren unbestellt. Ich versprach, bei Gelegenheit dem Taotai zu erzählen, was ich gesehen hätte, bemerkte aber im übrigen, daß ich als Ausländer keinerlei Einfluß auf die ganze Angelegenheit habe.
Ordan Padscha — Alter Molla
Wir ritten dann weiter nach Terem. Als wir gegen zehn Kilometer entfernt waren, bemerkte ich, daß mein Taschenmesser, ein Nicker, fehlte. Mir fiel ein, daß ich einen Mann aus meinem Zimmer hatte kommen sehen, der schnell etwas in seinem langen Rock versteckte. Ich hatte mir sein Aussehen gemerkt und schickte nun schleunigst zurück, um nachsuchen zu lassen. Nach drei Stunden war das Messer richtig wieder da, es hatte sich tatsächlich bei dem betreffenden Manne gefunden. Wir ritten durch die öden, vertrockneten Felder weiter; alle die kleinen Wasseradern waren ausgetrocknet. Ich hatte erwartet, als wir auf Teremer Gelände kamen, alles in Fruchtbarkeit strotzen zu sehen, aber im Gegenteil, es war alles ebenso verdorrt wie in Mogal. Der alte weißbärtige Umpasch der mich sehr freundlich aufnahm, schien wirklich keine Schuld zu haben, denn seine Felder sahen genau so schlecht aus wie die übrigen auch. Ich bekam in einem wunderschönen kühlen Zimmer gleich "Asch" (in Hammelfett gekochten Reis und Hammelfleisch) sowie russisches Zuckerzeug vorgesetzt. Auch die Pferde wurden gut untergebracht und versorgt.