Kaschgar — Strohverkäufer
Unter großer Eskorte brachen wir am Abend auf. Der Umpasch stellte mir eines seiner eigenen Pferde zur Verfügung, er wollte später selbst nachkommen. Unsere Karawane war schließlich elf Pferde stark. Durch Steppe und Wüste reitend kamen wir um zwei Uhr in einem schon auf Kaschgarer Gebiet liegenden Dorfe unter. Gegen Abend kam der alte Umpasch an; wir wechselten wieder die Pferde und ritten um acht Uhr nach dem berühmten Masar Ordan Padscha, dem vielbesuchtesten Heiligengrab Turkestans. Bald umgab uns völlige Wüste. Links lag einmal ein Masar. Auch passierten wir mehrmals einzelne Stationen, die alle mit ihrer Kochgelegenheit auf Pilgerkarawanen berechnet sind. Nach zwölf Kilometern waren wir in hohen Sanddünen, in denen die glühende Hitze noch schwerer zu ertragen war; die armen Pferde litten sehr. In der Tiefe waren zuweilen harte, lehmige Stellen, auf denen man besser vorwärts kam. Nachdem wir ungefähr acht Kilometer durch die Sanddünen geritten waren, sahen wir von der Höhe aus vereinzelte Bäume und eine Häusergruppe. Diese liegen um zwei salzige Quellen; Jakub Bek hat sie seinerzeit in Holz gefaßt und ein Haus darüber erbaut. Hier liegen mehrere kleinere Heiligengräber. Bald darauf erreichten wir Ordan Padscha selbst. Dieses ist eine an einer Quelle entstandene Ansiedlung aus mehreren Häusern, die entweder den Mollas zur Wohnung dienen oder für die Unterkunft von Pilgern berechnet sind. Um letztere mit Essen zu versorgen, hat man in einem Hause fünf große Töpfe eingemauert, die ich mir nach Sven Hedins Beschreibung eigentlich anders und großartiger vorgestellt hatte. Die sogenannten Töpfe sind flache kupferne Kessel; ein ganz großer, ein mittlerer, der zerbrochen war, und kleinere, die zur Zeit benutzt wurden. Der oberste Molla setzte uns in seinem Hause Tee vor. Mir fiel hier wieder die merkwürdige Art, die Pferde zu behandeln, auf. Die Tiere wurden trotz der glühenden Hitze mit dem Kopf hoch gebunden und erhielten kein Wasser. Allerdings mag letzteres seinen Grund darin gehabt haben, daß das gesamte Wasser salzhaltig ist.
Quelle in der Wüste in Ordan Padscha
Betende Türken am Masar Ordan Padscha
Allmählich versammelten sich viele Mollas, die mich mit ihrem scheinheiligen, leidensvollen Wesen anwiderten und meiner Meinung nach das Trinkgeld möglichst hoch zu schrauben suchten. In der glühenden Hitze wanderten wir durch tiefe Sandberge nach dem 1½ Kilometer entfernten Masar. Wir passierten einen im Bau befindlichen Betsaal, ferner eine Quelle, die durch das Vorrücken des Sandes mitsamt den drei sie umgebenden Bäumen wohl bald verschwinden wird. Dann waren wir an dem Masar, die Stiefel voller Sand und einem Sonnenstich nahe. Den Masar hatte ich mir viel großartiger vorgestellt; er besteht aus Bündeln von Stangen mit Fähnchen. Jeder der Pilger bringt eine solche Stange mit, so daß das Ganze im Laufe der Jahrhunderte schon eine ansehnliche Stärke erreicht hat. Einige Versuche, die umliegenden Sanddünen zu befestigen, scheinen keinen rechten Erfolg gehabt zu haben. Die Mollas und meine Begleiter sprachen ein lautes Gebet. Ich schenkte für den Masar einen Wildschafschädel und gab dem Molla einen halben Tael Trinkgeld, nachdem ich durch einen der Diener daran erinnert worden war. Der Dank wurde mir durch ein für mich gesprochenes Gebet abgestattet. Auch hier fiel mir das salbungsvolle Getue der Leute auf; mehr gefiel mir ein gewandter Türke, der uns eine Kanne mit Tee in die hohen Sanddünen nachgebracht hatte. Meine sämtlichen Begleiter gaben hohe Trinkgelder; der Molla hatte beide hohlen Hände zusammengehäuft voller Silbermünzen. Für jede einzelne Gabe wurde mit einem gemeinsamen Gebet quittiert. Zurückgekehrt gab es im Hause des Molla Reis und Hammelfleisch. Maulbeeren und Ziegenmilch wollten sich in meinem Magen nicht recht vertragen; ich drängte daher zum Aufbruch, besichtigte noch eine von Jakub Bek gefaßte Quelle, dann führte ein langer heißer Rückweg, in dem uns noch ein Staubsturm faßte, nach unserem Quartier zurück.
Ordan Padscha