Dort schlief ich ein Stündchen und ritt dann 8 Uhr abends weiter nach Chan Arik, wo wir früh morgens am 11. Juni anlangten und die Pferde wechselten. Die neuen Pferde waren sämtlich Hengste, die sich sehr bockig benahmen. Gleich, beim Aufsitzen räumten mein Diener und ein Mann vom Yamen unfreiwillig den Sattel; beiden Hengsten rutschte der Sattel hinten unter den Bauch, sie gingen nur noch auf den Hinterbeinen spazieren und bissen sich herum, bis alles Sattelzeug zerrissen war. Die Leute hatten nebenbei noch eine lächerliche Angst vor den Tieren, so daß der Aufbruch eine volle Stunde verzögert wurde. Dann ging es weiter die große Landstraße nach Kaschgar-Neustadt entlang. Unterwegs machten wir in einer Maulbeerallee kurze Rast und pflückten uns zum Frühstück die frischen Früchte von den Bäumen, was die Landessitte erlaubt, während das Besteigen der Bäume verboten ist. Dann ging es in die Neustadt hinein. In einem elenden Gasthause fand ich meine Karre vor; Dschang hatte zwar alles von Maralbaschi hierher gebracht und war sehr stolz auf diese Leistung, behauptete aber, in Kaschgar-Altstadt, wo ich eigentlich unterkommen wollte, kein besseres Gasthaus finden zu können. Da ich meine sämtlichen Angelegenheiten in der Altstadt zu erledigen hatte und auch alle hier ansässigen Europäer dort wohnten, beschloß ich, dorthin überzusiedeln und sandte meinen türkischen Diener und einen vom Yamen voraus, mit dem Befehl, sich beim Taotai-Yamen zu melden und um Unterstützung beim Aussuchen eines geeigneten Quartiers zu bitten.

Ich machte drei Stunden Rast, benutzte die Zwischenzeit, um zu essen und mich rasieren zu lassen, und ritt gegen drei Uhr nachmittags nach Kaschgar-Altstadt. Dort traf ich auf der Straße einen indischen Diener in Kaki, sprach ihn englisch an und erfuhr von ihm, daß er bei Colonel Miles, den ich noch aus Tientsin her kannte, im Dienste sei. Ich trug ihm Grüße an seinen Herrn auf.

Kaschgar

Ein entgegengesandter Mann vom Taotai-Yamen übernahm nun die Führung und brachte uns nach einem Serail nicht weit vom russischen Generalkonsulat. Es war nur ein ganz kleiner Raum, aber kühl und schattig, und besonders bestach mich der gute Stall. Kaum war ich im Gasthause, als auch schon mit oben erwähnten Diener ein Brief von Colonel Miles eintraf, ich möchte sofort kommen und bei ihm Wohnung nehmen. Ich konnte nur antworten, daß ich infolge meines wenig schönen Anzuges nicht wagen könnte, mich augenblicklich sehen zu lassen. Der liebenswürdige englische Offizier, der hier militärisch-politischer Agent ist, kam nun selbst, um mich zu holen. Ich leistete seiner Aufforderung selbstredend sehr gern Folge. Die Pferde blieben in dem Gasthause. Oberst Miles bewohnte eine schöne, große Gebäudegruppe, die sehr hoch und vollkommen fieberfrei gelegen war. Die Gebäude waren im europäischen Stil, natürlich unter Berücksichtigung des heißen Klimas, erbaut worden, und zwar für den Vorgänger des Obersten, einen Mr. Macartney.

Ich meldete mich nun brieflich sofort bei dem russischen Generalkonsul, Exzellenz Petrofsky, "dem König von Kaschgar", an, mit der Bitte, mir eine Zeit zu bestimmen, wann ich meinen Besuch machen könne. Endlich kam auch meine Karre an. Spaßig war es, die Neugierde meines Chinesen zu beobachten, der noch nie ein europäisches Haus gesehen hatte. Ich bekam im Garten ein sehr hübsches Zimmer angewiesen und packte meine sämtlichen Sachen aus, lohnte meine Begleiter ab und erhielt bald vom Generalkonsul die Antwort, daß ich jederzeit zwischen 10 und 12 Uhr willkommen sei. Da es mit meiner Toilette ziemlich übel bestellt war, half mir mein Gastfreund in der liebenswürdigsten Weise mit der seinigen aus. Ich erhielt einen Kakianzug, einen weißen Anzug und Wäsche und sah schließlich vollkommen wie ein englischer Offizier aus.

Wir saßen den ganzen Abend zusammen, und ich erzählte von meiner langen Reise. Schließlich geleitete er mich zu seinem mitten im herrlichsten Garten gelegenen Zelt, das er mir zum Schlafen anwies. Überall durch den Garten, der viele schattenspendende Bäume hat, fließt in kleinen Rinnen Wasser, so daß es angenehm kühl ist. Von seiner Terrasse ans genießt man eine entzückende Aussicht auf die Berge. Die ganze Anlage liegt so hoch, daß Moskitos nicht mehr herkommen. Ich schlief zum erstenmal seit langer, langer Zeit im weiß bezogenen Bette und war sehr erstaunt, als ich am nächsten Morgen um 8 Uhr von Colonel Miles geweckt wurde.

Ich benutzte den Morgen des 12. Juni, um im Gasthause meine Pferde zu besichtigen, ließ mir von einem Schneider Maß zur Wäsche nehmen, meine Uhr reparieren usw. Am 1. Februar, 10½ Uhr, wanderte ich zum russischen Generalkonsulat, wo mir gleichfalls eine ganz reizende Aufnahme zuteil wurde. Der Generalkonsul kam mir mit einer Liebenswürdigkeit entgegen, die ich niemals erwartet hätte. Ebenso nett und liebenswürdig war sein Sekretär, Herr Lavroff. Exzellenz Petrofsky, dem schon Sven Hedin ein so glänzendes und wohlverdientes Denkmal in seinem großen Werke gesetzt hat, ist hier schon seit vielen Jahren Herrscher, denn dieses Wort paßt allein auf seine Stellung. Man spricht jetzt viel von seiner Ablösung, infolge zu hohen Alters. Ich glaube, daß Rußland, wenigstens augenblicklich noch, einen Mißgriff tun würde, den hohen Herrn hier wegzunehmen; denn von einem Abnehmen seiner Kräfte habe ich in keiner Beziehung etwas gemerkt, im Gegenteil, mir imponierte seine Geistesfrische, die Lebhaftigkeit seiner Auffassung und sein hohes Interesse für alles und jedes außerordentlich. Ich konnte kaum noch einen Wunsch oder auch nur eine Bitte äußern, so war sie schon erfüllt, und ich möchte hier in diesen Zeilen noch einmal meiner großen Dankbarkeit für die viele, mir erwiesene Güte Ausdruck geben.