Im russischen General-Konsulat — Diner für vornehme Türken

Exzellenz Petrofsky übernahm sofort meine Telegramme in die Heimat, eines an meine Eltern, mit der Mitteilung meiner Ankunft in Kaschgar und eines an meine vorgesetzte Behörde in Berlin, auf dem russischen Staats-Telegraphen. Kosacken ritten umgehend mit den Telegrammen nach Guldscha — über 300 Kilometer —, von wo aus sie der Draht in die Heimat beförderte. Ebenso meldete ich meine Ankunft in Kaschgar an meinen Kommandeur in Tientsin, General-Major v. Rohrscheidt, auf dem gerade heute ausnahmsweise funktionierenden chinesischen Telegraphen.

Im Konsulat zeugte eine reichhaltige Menagerie von der Tierliebe des Generalkonsuls; da liefen Steinböcke, Antilopen, Hirsche, Tibetschafe usw., frei im Garten herum; alle so zahm, wie ich sie sonst nirgends gesehen habe. Man sieht, wie gute Behandlung auch aus den scheuesten Tieren Freunde der Menschen zu machen vermag.

Ich ging nun zur russischen Bank, um mir auf meinen Kreditbrief Geld zu holen. Da ich selbst nicht Russisch kann, war es mir leider nicht möglich, mich mit den Leuten zu verständigen; ich mußte warten, bis der augenblicklich unpäßliche Vorsteher der hiesigen Filiale, ein Deutsch-Russe aus den Ostseeprovinzen, Namens Hammerbeck, wieder hergestellt war. Am Nachmittag hatte ich das Glück, ein großes chinesisches Diner beim Obersten Miles mitzumachen, zu dem derselbe sämtliche vornehmen, im höheren Range befindlichen Chinesen Kaschgars und der Umgegend eingeladen hatte. Genau nach Rangordnung, von unten anfangend, stellten sich alle mit großem Gefolge ein. Schließlich verkündeten Böllerschüsse, daß der Taotai käme. Das Diner wurde im Garten serviert und nahm den üblichen Verlauf aller chinesischen Diners, nur vielleicht mit dem Unterschiede, daß sich einige der alten Herren einen gründlichen Schwips an dem guten Champagner des Gastgebers antranken.

In den Straßen Kaschgars
Turkestaner, Essen auf offener Strasse feilbietend

Am 13. Juni machte ich dem Taotai und dem Stadt-Präfekten, der noch seinen Rausch von gestern ausschlief, meinen Besuch. Dann ging ich auf die Bank, um nochmals zu versuchen, meinen Kreditbrief einzulösen. Ich fand den Vorsteher in seiner Privatwohnung, die etwas sehr tief zu liegen scheint, denn Herr Hammerbeck litt an Malaria. Die ganze russische Kolonie schien übrigens auf etwas gespanntem Fuße zu leben, wie ich hier erfuhr. Später suchte ich Herrn Hammerbeck in seinem Geschäftszimmer auf, wo mir die unangenehme Überraschung zuteil wurde, daß die russische Bank den Kreditbrief nicht auszahlen wollte, da er überfällig war. Ich mußte daher, um nicht Geld borgen zu müssen, versuchen, meine Pferde zu verkaufen. Schon jetzt stellten sich große Schwierigkeiten heraus, die geforderte Anzahl Tragetiere nach dem russischen Turkestan zu bekommen. Ich erhielt den Eindruck, daß die meisten hier durchreisenden Europäer infolge zu anspruchsvollen Auftretens Zank gehabt haben, denn sowohl bei den Russen wie bei den Engländern wurde darüber geklagt.

Musikanten in einem Gasthaus Kaschgars

Am 14. Juni früh ritt ich mit Oberst Miles nach Hasrett-Afack, einem Heiligengrabe. Der Heilige heißt Bodscha Deied Tula Bek, mit dem Beinamen "König der Heiligen von Kaschgar" und ist im Jahre 1693 gestorben. Die Moschee liegt in einem schönen Hain rings von Begräbnisplätzen umgeben; dicht dabei hat Jakub Bek eine Bethalle erbaut. Sein Grab, wo er ohne Kopf liegen soll, da die eindringenden Chinesen denselben verbrannt haben, nachdem sie die Leiche wieder ausgegraben hatten, sieht wie die andern aus, wird aber nicht instand gehalten, sondern verfällt vollkommen. Als wir zurückgekehrt waren, machte mir Exzellenz Petrofsky seinen Gegenbesuch. Mir zu Ehren hatte er den ihm von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser verliehenen Roten Adlerorden angelegt. Er bot mir über die Berge Kosakenbegleitung an und versprach, durch den russischen Aksakal Trage-Ponies besorgen zu lassen, ferner bat er mich, meine drei Pferde vorzustellen, die er vielleicht kaufen wollte. Später besuchte ich den bekannten Pater Hendricks, der in der Eingeborenen-Stadt ein zerfallenes Haus ohne den geringsten Komfort bewohnt. Ich bekam alten, selbst gekelterten Kaschgaer Wein vorgesetzt, der wie Malaga schmeckte und sehr ins Blut ging. Am Abend stellte ich auf dem russischen Generalkonsulat meine drei Tiere vor, die mir schließlich alle zu einem annehmbaren Preise vom Generalkonsul und seinem Sekretär abgekauft wurden. Ebenso verkaufte ich einen Sattel und meine Mauserpistole.