Von Kaschgar über den Alai nach Russisch-Turkestan
12 Marschtage = 375 Kilometer. Tägliche Durchschnittsmarschleistung 31,2 Kilometer

[VIII. KAPITEL.]
Von Kaschgar über den Alai nach Russisch-Turkestan.

Wir kreuzten die unzähligen Arme des Kaschgar darya und gelangten, allmählich ansteigend, in ein steiniges, breites Tal, das rechts und links von hohen, steil aufsteigenden Felsen begrenzt wird. Um 4 Uhr waren wir nach 35 Kilometer Marsch in Mynyoll, dessen einziges großes Gasthaus im Dezember 1902 vom Erdbeben vollkommen vernichtet worden ist. Die Besitzer leben nun in einer Kirgisen-Jurte im Hofe; zwei Räume für Gäste sind notdürftig aufgebaut. Nach Norden zu hat sich in einer Riesenfelswand ein Loch gebildet. Bei meinen Pferdebesitzern hatte ich wieder mit der häßlichen Angewohnheit zu kämpfen, daß sie die unglücklichen Tiere bis zum Abend hochgebunden stehen lassen und erst bei Dunkelwerden füttern. Es gab hier viel Ungeziefer, das mich nicht schlafen ließ. Meine Leute litten schon hier, in einer noch verhältnismäßig geringen Höhe an einer Bergkrankheit, die sich in Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und einer merkwürdigen Schlaffheit des ganzen Körpers äußerte. Gegen 7 Uhr morgens marschierten wir ab. Das Auflegen der Bagage ging sehr schnell, da ich alle Lasten selbst sorgfältig gleichmäßig abgewogen hatte. Es ging allmählich in einem breiten Tale mit Bach auf der Sohle in die Höhe. Wenn die Sonne aus den treibenden Wolken einmal herauskam, war es glühend heiß, sonst empfindlich kalt. Mehrfach trafen wir Karawanen, die die weiße russische Baumwolle, die allmählich, aber sicher die indische verdrängt, nach Turkestan bringen. Einmal passierten wir zwei verfallende Soldatenlager, die wohl als Talsperren dienen sollen. Gegen 2 Uhr, es drohte Regen, waren wir in Kandjoram, wo wir wie gewöhnlich beim Umpasch — wir waren noch auf chinesischem Gebiet — unterkamen. Ich erhielt die schöne, große Hauptjurte angewiesen, die genau wie die mongolischen gebaut war. Der glückliche Besitzer hatte zwei Frauen, die beide sehr artig waren, wie mir mein Diener versicherte. Im übrigen hatte der Umpasch große Schaf- und Ziegenherden und auch eine ganze Anzahl Kamele, Pferde und Rinder, mit anderen Worten, er war ein reicher Mann. Den ganzen Abend führten die jungen, noch saugenden Tiere ein ununterbrochenes Konzert auf. Die kleinen Lämmer und Ziegen sind vor den Zelten an einem langen Strick, der viele kleine feste Schlingen hat, angebunden. Wenn die Herden dann heimkommen, wird erst allen Muttertieren etwas Milch abgemolken, und alsdann wird das Kleine zur Mutter gelassen, auf die es sich natürlich wie ein Wolf stürzt. Die Jungen und Mädchen fangen die Tiere zum Melken ein, während die Frauen sie melken. Mir zu Ehren wurde eine junge Ziege geschlachtet; die Bouillon davon war sehr gut, das Fleisch bekam ich erst am nächsten Morgen kalt vorgesetzt; es war nicht schlecht, aber sehr ausgekocht. Abends setzte stoßweise Wirbelwind ein, der nur einige Minuten dauerte, aber vollkommen genügte, um meine zum Lüften aufgehängten Decken zu beschmutzen. Die Nacht über wurde es empfindlich kalt.

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Kirgisen

Am 19. Juni passierten wir, weiter reitend, ein Heiligengrab, dann ging es steil aufwärts, manchmal durch richtige Klammen. Das Gestein ist weich und rötlich mit vielen runden Windlöchern. An einer Wand fanden sich viele Inschriften in russischen Buchstaben; meine Türken fühlten sich natürlich verpflichtet, auch ihre Namen dort zu verewigen. Weiter ging es über den im tief eingeschnittenen Tale fließenden Kysil Su, der wenig, aber kristallklares Wasser führte. Der Weg ging bergauf und bergab, manchmal traten Quellen mit stets vorzüglichem Wasser zutage. Wir trafen, wie gestern, viele Eselkarawanen mit Baumwolle für Fergana, ich zählte hintereinander 200 Esel, dann hörte ich auf zu zählen, es waren noch viele, und zwar alles Hengste. Diese Riesenkarawanen sind nur von ganz wenigen Leuten begleitet. Ein Esel trottet immer hinter dem andern her; merkwürdigerweise kommen kaum Marschstörungen vor. Gegen 4 Uhr erweiterte sich das Tal, an einem Bach standen einzelne Pappeln, und bald kamen einige Jurten in Sicht. Der Ort hieß Uchsalar. Bei freundlichen Kirgisen kamen wir, wie gestern, gut unter. Die Eseltreiber biwakieren stets mit ihren Karawanen; sie bauen dann aus Baumwollballen eine Art Ring, in dem es sich ganz schön wohnt. Mein Karawan-Baschi, d. h. Führer, gab den Pferden einfach gar nichts zu fressen, sie bekamen nur Gras, das sie sich selbst suchen mußten, und ein Tier war daher schon am Zusammenbrechen. Erst auf meine ernstlichen Vorstellungen hin entschloß er sich, wenigstens etwas Mais zu kaufen.

Auch am 20. Juni ging es weiter über Berg und Tal, vorbei an einer ganzen Karawane von aus Mekka zurückkehrenden Pilgern, über einen sehr steilen Paß, den eine von Jakub Bek geschickt angelegte Talsperre krönt. Dicht an der kleinen Festung liegen drei Heiligengräber mit den üblichen Stangen und Fähnchen. Um 1 Uhr machte ich Frühstückspause. Von Westen her zog es schwarz herauf; die Temperatur war in den letzten Tagen schon sehr gefallen und ich fror wie ein Schneider; bald wurde es noch kälter und fing an zu scheinen, zu hageln und zu regnen, alles durcheinander, noch dazu aus unserer Marschrichtung her. Die Pferde wollten nicht mehr vorwärts und drehten sich immer mit der Kruppe nach dem Winde. Ich war vollkommen durchnäßt; meine "wasserdichte" Lagerdecke gewährte gar keinen Schutz mehr. Wir zogen weiter am Rande des Urchat darya. Der Weg ist durch Faschinen befestigt und recht pittoresk, nur bei diesem Wetter alles andere als angenehm. Rechts hatten wir himmelhohe Wände, links den reißenden Strom. Manchmal ging es dicht am Wasser entlang, manchmal hoch über ihm.

Gegen 3 Uhr nachmittags kamen wir durchgefroren und hungrig nach Kügün, an einer breiten Stelle des Tales. Kirgisen nahmen uns auf, und wir konnten unsere nassen Sachen trocknen. Natürlich waren die trockenen Untersachen im letzten Ballen, den ich aufmachte. Meine ganz anständige Bezahlung für das Quartier wurde mürrisch und ohne Dank am nächsten Morgen angenommen; jedenfalls war es zu wenig.