Bei bedecktem Himmel und schneidendem Südwest marschierten wir am 21. Juni weiter stromauf, den Urchat darya entlang. Schon kurz hinter den Jurten hatte der Weg an einer hohen Felswand ein Ende; wir mußten den Fluß kreuzen; sehr einladend sahen seine gelben Fluten, die reißend nach Osten schossen, nicht aus. Ich schickte zuerst den Mann vom Taotai-Yamen Kaschgar hinein, um nach einer Furt zu suchen. Er versuchte an verschiedenen Stellen durchzureiten, behauptete aber schließlich, der Übergang sei unmöglich. Da ich aber sah, daß er nur Angst hatte, ritt ich selbst hinein und kam auch glücklich durch, allerdings bis über die Knie, die ich verzweifelt hochgezogen hatte, naß. Nun mußten die Bagagetiere durch. Sie gingen ganz willig, der untere Teil der Packen war zwar durchnäßt, aber das ließ sich nicht ändern. Über steinige Halden am rechten Ufer marschierten wir schnell vorwärts.
Rechts lag einmal ein chinesisches Soldatenlager, es war einer der Grenzposten. Ich wollte nicht verfehlen, noch schnell einen Blick hineinzuwerfen; tiefer Friede herrschte darin, nichts regte sich. Endlich, nach langem Suchen, zeigte sich ein verschlafener Kavallerist, der nach meinen Wünschen fragte. Ich forschte nach seinem Herrn, der aber noch schlief. Der Kavallerist, der einzige, den ich zu Gesicht bekam, war recht feist und sah nicht aus, als ob er sich im Dienst überanstrengte. Er wollte familiär werden, woraufhin ich es vorzog, mich zu entfernen. Das Lager war sonst hübsch und sauber angelegt und auch gut in Ordnung gehalten.
Chinesische Grenze — Thingpan, Alai-Gebirge (Soldatenlager)
Weiterhin kamen wir an einem einzelnen Rasthause Jakub Beks vorbei, das langsam, aber sicher zerfällt. Der Fluß teilt sich hier in viele Arme und füllt das ganze Tal aus. Die von den verschiedenen Flußarmen gebildeten Inseln sind mit lichtem Pappelbestand bewaldet und haben teilweise gute Wiesen, auf denen die Kirgisen ihre Kamele und andere Tiere weiden; auch an den Ufern stehen überall Pappeln. Unterhalb des Rasthauses von Jakub Bek passierten wir den Fluß. Ein Packpferd legte sich ins Wasser, stand aber schnell wieder auf, so daß die Sachen, die es trug, kaum naß wurden. Wir wanderten in das Tal nach Norden zu, das, wie man gleich an den viel gerader und höher gewachsenen Bäumen sehen konnte, gegen den Wind geschützt lag. Nach zwei Stunden Marsch, gegen Mittag, verbreiterte sich das Tal zu einem weiten, wiesenartigen Plan, auf dem uns der Wind wieder voll faßte. Am Nordrande trafen wir ein hübsch gelegenes Soldatenlager, umgeben von einer Menge Gebäuden. Das Lager war nicht besetzt, nur zwei Chinesen langweilten sich darin, natürlich vom frühen Morgen bis zum späten Abend Opium rauchend. Der Ort heißt Jirün.
Wir machten eine kurze Pause in einer Kirgisenhütte, wo man uns freundlich bewirtete. Ich hatte kein kleines Geld mehr, an wechseln war nicht zu denken, und da ich nicht ohne Bezahlung abreiten wollte, schenkte ich der Frau des Hauses einen Fächer von Adlerfedern aus Kutscha, der großen Beifall fand. Im Tale sah man einige schwache Versuche von Haferanbau. Der Hafer war jetzt, im Juni, noch ganz grün und kaum handhoch. Bergauf, bergab reitend trafen wir wieder Karawanen von aus Mekka zurückkehrenden Pilgern, und endlich hatten wir die hohen, schneebedeckten Trans-Alai-Berge in Sicht. Die uns umgebenden Kuppen waren auch schon leicht mit Schnee bedeckt. Nach kurzer Zeit mußten wir in steilem Abstieg in das Alai-Tal hinab, das hier in seinem Ostende vielleicht 1½ Kilometer breit und ganz steinig ist. Wir kreuzten das Tal und den es durchfließenden Kysil Su, der auch sehr steinig, aber ganz klar ist. Dann stiegen wir den jenseitigen Hang hinauf, wo bald der chinesische Grenzpfahl in Sicht kam. Es ist ein einfacher Pfosten in einem Steinhaufen, während auf russischer Seite ein senkrechter Stein steht. Kurz hinter den Pfählen bekommt man Einsicht in ein Quertal, und vor uns liegt freundlich mit seinen weißen Mauern die russische Grenz- und Zollstation Irkechtam. Wir ritten hinunter und stiegen vor dem im Grunde liegenden, zur Zollstation gehörenden Gebäude ab. Oben auf der Höhe liegt der Kosakenposten und, alles überhöhend, fällt sofort ein Reduit mit seinen Schießscharten auf.
Grenzfestung im Alai-Gebirge (Chinesisch)
Ich war trotz meiner Pelzsachen total durchgefroren, und es schien mir recht lange zu dauern, bis mein in die Station vorausgeschickter Diener zurückkam; endlich erschien er in Begleitung eines untergeordneten Angestellten, dem ich den Brief aus Kaschgar für den Kommissar, ferner meinen Paß und mein Tientsiner Begleitschreiben vom russischen Konsulat zur Aushändigung an Herrn Jusefowitsch übergab. Er ging zurück, kam aber bald wieder mit dem kurzen Befehl: "Alles öffnen." Da man mir in Kaschgar versichert hatte, daß dies nicht nötig sein würde, verlangte ich den Kommissar selbst zu sprechen. Aber als er kam, sah ich an seiner Nase bald, was die Glocke geschlagen hatte; nebenbei roch er stark nach Fusel. Er gab mir freundlich die Hand und versetzte in demselben Augenblick meinem Diener, der ihn nicht verstand, eine Ohrfeige. Das war mir zu bunt, und ich fuhr ihn gründlich an. Darauf wurde er sehr höflich und ging zurück, kam aber bald wieder in Begleitung eines in ebenso vorgeschrittener Stimmung befindlichen Kosakenoffiziers und eines Zivilisten. Ich hatte mittlerweile alles öffnen lassen, und die Angestellten des Zollamts kramten jede Kleinigkeit durch, fanden aber tatsächlich nichts zu verzollen. Der Zivilist sprach mich französisch an, stellte mir den Kosakenoffizier, einen alten verwitterten Haudegen, vor und bat mich im Namen des Herrn Jusefowitsch, doch mit in seine Wohnung zu kommen. Ich lehnte ab, ersuchte ihn, Herrn Jusefowitsch mitzuteilen, daß ich mich sofort beim Gouverneur in Taschkent beschweren würde, falls er noch einmal ohne Grund meine Leute schlüge, und bat gleichzeitig um Aufklärung, warum man mein Gepäck trotz des Schreibens des Kaschgarer Zollamtes durchsuchte. Man brachte mir sofort ein Plakat in allen Sprachen und meinte, meine Sachen hätten keine Plomben; das ließ sich allerdings nicht leugnen, und da die Leute sonst wirklich freundlich waren, ging ich mit ins Haus, wo ich natürlich auf dem Tisch die Wodka-Flaschen vorfand. Alles Sträuben half nichts, ich mußte daran glauben. Ich wußte ganz genau, welchen entsetzlichen Jammer ich am nächsten Morgen haben würde, zumal ich seit einem halben Jahre überhaupt keinen Alkohol getrunken hatte. Aber da zuerst die Gesundheit des Deutschen Kaisers ausgebracht wurde, mußte ich austrinken. Ich erwiderte sofort mit einem Toast auf den russischen Zaren. Die Russen hatten zuerst meine auf den Zaren in französischer Sprache gesprochene Rede nicht verstanden und machten faule Witze. Als der Zivilist ihnen dann meine Worte übersetzte, sprangen sie bestürzt auf und brachen in ein endloses Hurra aus. Ich bekam darauf von jedem nach russischer Sitte einen Kuß. Weiter kam die Gesundheit der Eltern, die eigene, gute Reise usw. usw., und immer mußte ausgetrunken werden. Der gute Kosakenoffizier leerte, um seinen guten Willen zu zeigen, stets ein halbes Wasserglas, während ich noch bei den kleinen Schnapsgläsern zu mogeln suchte. Schließlich bekam er das heulende Elend und prügelte sich mit dem Zollkommissar, welche Gelegenheit ich benutzte, um zu entschlüpfen und mir den wirklich wunderbaren Sonnenuntergang anzusehen. Bald waren sie alle auf der Suche nach mir, ich mußte zurück; für Wodka dankte ich, bekam aber eine vorzügliche Bouillon und Hammelgehirn und ging, sobald die beiden sich von neuem prügelten, schlafen.