Über den Kysil Su im Alai-Tal

Am 22. Juni erwachte ich natürlich mit einem entsetzlichen Brummschädel. Mein Diener hatte schon alles aufgepackt; ich bekam bei Herrn Jusefowitsch, dem der Wodka vorzüglich bekommen zu sein schien, Tee mit Fergana-Rotwein darin vorgesetzt. Dann verabschiedete ich mich von dem gutherzigen Menschen und ritt mit dem Zivilisten, einem Moskauer Kaufmann, ab, am südlichen Rande des Alai-Tales, also am Nordhange des Trans-Alai-Gebirges entlang. Nach einer Stunde Marsch kreuzten wir das hier schon ziemlich breite und teilweise Wiesengrund zeigende Tal und kletterten nun in die nördlich gelegenen, mit Schnee bedeckten Berge, die recht steile Hänge hatten. Dazu setzte der Wind von Westen, also gerade von vorn, ein; es war mehr als ungemütlich. Nach weiteren zwei Stunden Marsch kamen wir an die Schneegrenze, dafür taute aber die Sonne die obere Schneeschicht auf, so daß das Reiten mehr einem Schlittern glich. Dort, wo der Schnee nicht hoch lag, marschierte man im knietiefen Schlamm, dort, wo er zusammengeweht war, fiel man alle Augenblicke in ein Loch. Dabei mußte man sich noch fortgesetzt vorsehen, daß man nicht in eine der durch Schmelzwasser entstandenen Bodensenkungen rutschte. Um uns herum pfiffen die Murmeltiere; einmal sahen wir weit entfernt zwei Tiere grasen, die wir für Steinböcke hielten. Beim Heranpirschen stellte sich aber mit Hilfe des Zeiß heraus, daß es zwei entlaufene Pferde waren, die sehr scheu waren und sofort wegliefen. Ich merkte bei dieser Gelegenheit die Wirkung der Höhe, etwa 3600 Meter; ich bekam Herzklopfen und Atemnot und mir zitterten die Hände so, daß ich den Karabiner kaum halten konnte. Mein Diener und mehrere andere bekamen Nasenbluten. Fußgänger, die sich uns angeschlossen hatten, spannten aus und konnten nicht mehr weiter.

Um 12 Uhr erreichten wir eine Paßhöhe, wo eine Kaufmanns-Karawane im Schnee biwakierte. Wir nahmen dankbar eine Tasse Tee, Brot und Fleisch an, während die Bagage weiter vorausmarschierte. Beim Weitermarsch versuchte ich, auf Murmeltiere zu schießen; die drei ersten schoß ich nur krank, so daß sie im Bau verschwanden, trotzdem jedesmal sehr reichlich Schweiß im Schnee war. Ich merkte dabei, wie unsicher ich schoß, wenn ich auch nur zehn Schritte gegangen war; daher schoß ich die nächsten Tiere stets direkt am Pferde stehend. Außerdem beobachtete ich, daß krank geschossene Tiere, die nicht einen Kopfschuß hatten, jedes Mal unrettbar im Bau verschwanden. Ich schoß nun einige Male vorbei, denn das Ziel ist recht klein, und man muß schnell schießen, wenn sie den Kopf aus dem Bau herausstecken, aber ich erlegte doch schließlich drei Tiere, die alle gut im Fell waren, sie hatten auffallend lange Schneidezähne und gut entwickelte Grabepfoten. Die Tiere sind sehr possierlich; weiterhin trafen wir eine solche Unzahl und sie waren so vertraut, daß sie mir leid taten und ich keine mehr schoß. Das eigentümliche Pfeifen tönte dauernd von allen Seiten.

Alai-Gebirge — Rast im Schnee

Mittlerweile hatten wir die Karawane längst aus den Augen verloren und eilten ihr in dem knietiefen Sumpf so schnell als möglich nach. Es war drückend heiß geworden, und ich packte nach chinesischer Sitte schließlich alles, was ich an Pelz usw. an mir trug, bis auf die Lederweste, auf den Sattel. Als wir den letzten Berg hinter uns hatten und in das wellige Alai-Hochtal eintraten, war kein weißes Fleckchen mehr zu sehen, alles prangte im schönsten Grün, im Süden begrenzt durch die weißen Trans-Alai-Berge; ein herrlicher Anblick. Weniger schön war es, daß wir nichts von unserer Karawane entdecken konnten. An den Spuren stellten wir fest, daß zwischen den Pferdespuren diejenigen von einem Esel und einem barfüßigen Menschen waren, also waren wir vielleicht auf falschem Wege; es wurde 5 Uhr, die Pferde kamen vor Müdigkeit kaum noch vorwärts. Ich ritt auf einen inmitten des Tales sich erhebenden, einen guten Überblick bietenden Felsen zu und erkletterte die Spitze, um mit dem Zeiß zu erkunden, wo die Karawane steckte. Das famose Glas zeigte mir bald drei ziemlich gleich aussehende Trupps; einer nach Osten marschierend kam nicht in Betracht, ein zweiter nach Westen ziehender mitten im Tale hatte, wie ich ganz deutlich sah, keine Schimmel, also konnte es sich nur noch um den im letzten Moment entdeckten, gerade in den nordwestlichen Bergen verschwindenden, sehr weit entfernten handeln. Es war höchste Zeit, denn die Sonne tauchte gerade hinter die Berge.

Lager im Alai — Reisende Baumwollhändler

Ich nahm mir als Artillerist einen genauen Marschrichtungspunkt mit Zwischenpunkten und dann ging es los, so schnell, als die sehr müden Tiere vorwärts konnten. Sobald wir in die noch etwa 7 Kilometer entfernte Gegend kamen, wo ich die Karawane gesehen hatte, suchten wir wie die Indianer eine ganze Zeit lang an feuchten Stellen nach den Eindrücken der Hufe. Aber, o weh, es waren wieder die Eselhufe und der barfüßige Menschenfuß dazwischen! Doch, was war zu machen, wir wollten doch wenigstens abends bei Menschen landen, um Feuer, Holz und Kochgelegenheit zu haben. Ich vergaß zu erwähnen, daß im ganzen Alai-Tal keine Kirgisenhütten zu sehen waren; die Kirgisen kommen erst ungefähr vierzehn Tage später hierher. Die Pferde führend und scharf auf die Spuren achtend, überschritten wir einige kleinere Pässe und kamen schließlich an einen Punkt, wo die Spuren sich teilten. Beide Spuren zeigten Eselhufe; der barfüßige Mensch schien mittlerweile an den Füßen gefroren zu haben, seine Fußspuren waren nicht mehr zu entdecken. Wir wählten die nach rechts laufende Spur und bald machte mich mein Diener auf eine Rauchsäule aufmerksam, die hinter einem Hügel hervorkam; also endlich waren wir am Lager, und nach Passieren einer Ecke hatten wir ein Biwak von aus Kaschgar nach Andischan ziehenden Baumwoll-Kaufleuten vor uns; unsere Karawane war nicht dabei.