Lager im Alai — Reisende Baumwollhändler

Wir wurden freundlich willkommen geheißen und suchten nun so gut wie möglich unterzukommen. Den Pferden wurden die Vorderbeine gekoppelt, dann wurden sie zum Grasen geschickt. Durch einen glücklichen Zufall hatte mein Diener gerade an diesem Tage die großen Packtaschen auf sein Pferd genommen und wir fanden darin eine Kleinigkeit zu essen, so daß wir wenigstens nicht zu hungern brauchten. Für Geld und gute Worte bekamen wir ferner einige uralte Brötchen, heißes Wasser und einen Jungen zum Helfen. Ich borgte mir zwei der großen flachen Baumwollballen und schlug auf diesen mein Lager auf. Um 10 Uhr wurde gefuttert, dann legte ich mich schlafen. Was an Sachen da war, hatte ich angezogen; zwei Hemden, zwei Paar Strümpfe, Lederweste, Rock und Regenmantel, so daß ich über Nacht nicht sehr fror, trotzdem es empfindlich kalt war. Dummerweise versäumte ich aber, mir den Baschlik über den Kopf zu ziehen und erfror mir die Backen, die Nase, Kinn und Lippen; sie brannten mir bald wie Feuer und wurden purpurrot. Ich hatte zum Schutz gegen die teilweise recht verdächtig aussehende Gesellschaft meinen geladenen Karabiner im Arm; er wurde aber nicht notwendig. Von drei Uhr morgens ab wurden die Hengste wieder lebendig und fingen an, sich mit dem üblichen Geschrei zu balgen, dazu schneite es leicht, so daß an schlafen nicht mehr zu denken war. Alles war dick bereift und das Wasser des kleinen Bachs im Grunde vollkommen gefroren. Eigentlich ist es merkwürdig, daß ich die Kälte so wenig spürte; es war aber vollkommen windstill, und bis auf die erfrorenen Stellen im Gesicht fühlte ich mich ganz wohl. Zum Frühstück gab es heißes Wasser mit hineingebrocktem Weißbrot. Den Pferden ging es weniger gut, sie waren sehr abgefallen; das eine, ein noch sehr junges Tier, wollte den Mais, den ich für schweres Geld erstanden hatte, nicht einmal fressen. Die Leute satteln überhaupt nicht ab, einesteils der Kälte wegen — die Packsättel sind riesig groß und gewähren etwas Schutz — andernteils der Druckstellen wegen. Auch mein Diener wollte um keinen Preis absatteln, wurde aber von mir dazu genötigt.

Im Alai — Reisende Händler mit Baumwolle

Nachdem ich die Gesellschaft photographiert hatte, zogen wir ab, und zwar auf der zweiten gestrigen Fährte, die bald in einen weiten Wiesenplan führte. Dort trafen wir eine seit gestern Mittag lagernde Gesellschaft, die nichts von unsern Leuten gesehen haben wollte. Sie konnten uns auch nicht über den ferneren Weg nach dem Talldikpaß orientieren, nur die ungefähre Richtung wußten sie anzugeben; diese schlugen wir dann auch ein. An einem Kreuzungspunkt von mehreren Tälern veruneinigte ich mich mit meinem Diener, der im höchsten Grade schlechter Laune war. Als ich ihm jedoch den Vorschlag machte, ihn auf der Stelle abzulohnen und uns zu trennen, hielt er es doch für geraten, mit mir weiter zu gehen und verhielt sich von da ab still. Wir nahmen von den uns zur Verfügung stehenden Tälern den Weg zur Linken, den ich für den richtigen hielt; wie sich später herausstellte, hätten wir sogar noch mehr links ausbiegen müssen. Es ging in die Berge, der Weg wurde immer kleiner, schließlich ging er meist in einem Bach und nur zuweilen waren noch einige Spuren am Ufer sichtbar.

Mit einem Male standen wir an der Schneegrenze vor einer unübersehbaren Schneewand, die unten Eis zeigte, also einem Gletscher. Wir konnten nicht weiter, und ich kam zu der Überzeugung, daß wir die ganze Zeit, anderthalb Stunden lang, auf einem stark ausgetretenen Hirschwechsel geritten waren. Von allen Seiten höhnten uns die pfeifenden Murmeltiere; auch weiße Finken, Wildtauben und Dohlen gab es in dieser beträchtlichen Höhe von etwa 4000 m noch. Ein Entenpärchen strich im Tal entlang, und hoch oben zogen Bussarde ihre Kreise. Mit schwerem Herzen entschloß ich mich, umzukehren und denselben Weg zurückzureiten. Es war drückend heiß geworden. Schließlich entdeckte ich mit Hilfe des Zeiß weit unten im Alaitale Menschen; also dorthin, denn das unnütze Herumirren führte zu nichts. Als wir die Leute anhielten und ausfragten, zeigte es sich, daß sie zu denen gehörten, die wir früh morgens lagernd getroffen hatten; sie gingen ebenso wie wir nach Andischan und hatten uns offenbar am Morgen falsch gewiesen. Sie entschuldigten sich damit, daß sie es selbst nicht besser gewußt und erst von andern Leuten Auskunft über den einzuschlagenden Weg erhalten hätten. Wir schlossen uns ihnen an, ließen über Mittag die Pferde eine Stunde grasen und frühstückten spärlich etwas uraltes Brot, an dem man sich die Zähne ausbeißen konnte.

Gegen 1 Uhr gelangten wir an den Anfang eines Fahrweges mit russischen Bezeichnungen an den Pfählen; es war der große Weg nach Osch über den Talldik, nach Sven Hedin 3537 m. Er war recht belebt, man sah Kaufleute, ab und zu Kosaken und auch eine Menge zu Fuß gehende Leute, die teils nach Kaschgar, teils nach der andern Seite, gen Andischan wanderten. Die Straße steigt in Serpentinen an den Talhängen hoch zur Paßhöhe; von der Schneegrenze ab war sie teilweise durch große Schneemassen gesperrt, so daß man sich selber einen Weg am jenseitigen Hange suchen mußte. Das Schmelzwasser schadet der Straße sehr, die ein hübsches Stück Arbeit gekostet haben muß und ein Wahrzeichen des russischen Vordringens in Zentral-Asien ist; ganze Strecken sind unterwaschen oder weggerissen.

Nach anderthalbstündigem Steigen hatten wir die Höhe des Talldik erreicht. Hier ist eine Plattform geschaffen, in deren Mitte an einer Stange zwei eiserne Inschrifttafeln angebracht sind. Man hat eine herrliche Aussicht von dort oben nach beiden Seiten. Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Die Karawanen benutzen kaum den neuen Weg, sondern krabbeln lieber auf den alten, schmalen Saumpfaden entlang. Übrigens entdeckte ich im Schnee Räderspuren, also muß ein Wagen über den Paß gefahren sein, was immerhin eine Leistung ist. Je tiefer wir auf den Serpentinen kamen, desto romantischer wurde die Umgebung. Man sah an den Abhängen Knieholz, und auf den Uferwiesen des Baches wuchs herrliches Gras. Die Karawanenführer hatten Mühe, ihre Tiere davon abzuhalten. Zwei- oder dreimal hörten wir von Heraufmarschierenden, daß sie früh morgens meine drei Bagagetiere im Marsch gesehen hätten. Unsere beiden Pferde waren sehr müde und auch Nasr klagte über alle möglichen Schmerzen, die er sich wohl beim Biwak zugezogen hatte, so daß ich beschloß, bei der ersten, nicht mehr weit entfernten Kirgisen-Jurte zu übernachten.

Im Alai-Gebirge vor dem Talldik