Gegen fünf Uhr erreichten wir eine Mulde mit herrlichem Grase, auf der gerade aus Osch kommende Kirgisen ihre Jurten aufschlugen. Sie befanden sich zu dieser Zeit auf dem allmählichen Vormarsch zu den schönen Weiden des Alai. Im September wandern sie dann ebenso in Etappen nach Osch zurück. Wir kamen schnell und gut unter. Gegen Abend gab es Asch[5], dazu frische Yakmilch. Nasr war gänzlich unbrauchbar, er schien etwas Fieber zu haben und glaubte sich aus diesem Grunde noch berechtigt, unverschämt zu werden.

[5] Asch = in Hammelfett gekochter Reis.

Am 24. Juni brachen wir sehr früh auf. Das Tal erweiterte sich zu einem weiten Wiesenplan, auf dem überall Kirgisen-Jurten standen und Yak-, Hammel- und Ziegenherden weideten. Wir begegneten etwa 50 Kosaken, die zur Ablösung der Kaschgarer Konsulatswache dorthin zogen. Nasrs Zustand verschlimmerte sich heute; er verlor ganz und gar den Kopf und wollte durchaus nach Kaschgar zurückwandern. Als ich ihm das Unsinnige dieser Absicht vorhielt, heulte er wie ein kleines Kind, bestand auf seinem Vorhaben und wollte nicht einmal Geld von mir nehmen. Schließlich überredete ich ihn doch, mit nach Andischan zu gehen, da ich ihn in diesem Zustande nicht allein zurückkehren lassen konnte. Wir passierten zweimal Felsdurchbrüche des Syr darya. Das Tal verbreiterte sich allmählich, der Flußlauf selbst ist tief eingeschnitten.

Auf einem Wiesenplan stießen wir endlich auf unsern Karawan-Baschi mit seinen Tieren, der ganz vergnüglich bei meinem Gepäck lagerte, unschuldig wie ein Kind tat und gar nicht auf den Gedanken gekommen war, auch nur eine Minute auf uns zu warten. Sonst war alles in schönster Ordnung. Leider fing es an zu regnen, ich wollte aber noch nach Guldscha weiter und ließ deshalb aufpacken, obgleich mir kein Mensch angeben konnte, wie weit es eigentlich bis dort noch war. Schließlich, als es vom Himmel wie mit Kannen goß, krochen wir doch gegen drei Uhr bei Kirgisen unter, die behaupteten, es sei nur noch vier Kilometer bis Guldscha. Indessen konnte es mir gleichgültig sein, denn mit meiner Bagage hatte ich hier alles, was ich brauchte. Bei den Kirgisen kaufte ich für billiges Geld kleine Webereien aus Kamelwolle, die man nur vereinzelt in den Jurten fand; sie sind stets von der Hausfrau selbst geknüpft. Leider sind von den vier von mir erstandenen Stücken nicht zwei im Muster gleich. Den ganzen Nachmittag regnete es lustig weiter. Nasr litt an Fieber und Durchfall; ich gab ihm Kalomel und später Chinin, was die erwünschte Wirkung hatte.

In einer solchen Kirgisen-Jurte ist es ganz gemütlich. Draußen grunzen die Yaks, blöken und meckern Schafe und Ziegen. Zuweilen bekommt man einen Spritzer durch ein Loch in der Filzbekleidung, aber das in der Mitte lodernde Feuer hält alles warm und trocknet schnell ab. Natürlich schläft man nachts mit der ganzen Familie in einer Jurte. Stets sind mehrere Weiber und eine Menge Kinder mit im Zelt, was aber keinen stört; es sind eben noch Naturmenschen.

Gegen 6 Uhr morgens marschierten wir weiter. Nach vier Kilometern hatten wir das vermeintliche Guldscha erreicht. Es war nur ein Kosakenposten, der in der Einmündung des Weges vom Terek davon aufgestellt und in einigen Baracken untergebracht ist. Den ganzen Tag begegneten uns Kirgisenfamilien, die mit ihrer ganzen Habe nach dem Alai zogen. Es war das bunteste und farbenprächtigste Bild, das ich je gesehen habe, leider etwas durch den ununterbrochen fallenden Regen beeinträchtigt. Den Zug jeder Familie eröffnete eine auf einem Pony reitende Frau, die ein Kamel führte. So folgte eine Reiterin der anderen, jede ein Kamel an der Hand. Schon Jungen und Mädchen von vier Jahren sind beritten; dazu kommt noch die bunte Ausstattung. Die Reittiere der Frauen sind vollkommen in rotes Zeug eingekleidet, ungefähr so, wie wir unsere Rennpferde eingepackt zur Morgenarbeit schicken. Die Satteldecken sind reich bestickt, über diese liegen noch Teppiche. Trensen, Vorder- und Hinterzeug haben Silberbeschlag; die Bügel sind schwer versilbert. Die Frauen und besonders die erwachsenen Mädchen sind in vollem, höchst buntem Staat, die Mädchen mit merkwürdigen Kappen, die mit Silber- und Korallenketten verziert sind, welche über das Gesicht fallen, die Frauen in der typischen weißen Haube mit zwei durch Silberbeschlag verzierten Korallenketten, die zu beiden Seiten des Kopfes herabhängen. Die Säuglinge — eine Frau ohne solchen sah ich kaum — werden in einer kleinen Wiege mit Überzug vorn auf den Sattelknöpfen transportiert. Die Füllen werden an den Schweif der zugehörigen Mutter gebunden, die jungen Kamele laufen an reich gestickten Halftern an der Seite ihrer Mütter. Manche waren mit Hals- und Rückenschutzdecken versehen. Die Kamele tragen den Hausrat, über dem stets einer der von uns so sehr geschätzten herrlichen Teppiche befestigt ist, an beiden Seiten bis zur Erde reichend. Hinterher kommen dann, von den berittenen Männern und größeren Jungen getrieben, die Pferde, das Rindvieh und die Schafherden, unter letzteren meist einige Ziegen. Die besonders schwachen Füllen, Kälber oder kleinen Hammel werden vorn über den Sattel gelegt. Die Männer führen stets einen langen Stock zum Treiben. Manche hatten an diesem Stock eine lange Schlinge zum Einfangen der Tiere. Natürlich gehören zu jeder Herde mehrere Hunde.

Kirgisen auf dem Marsch zum Alai

So zogen sie vorbei, Karawane auf Karawane in unübersehbaren Reihen, Tausende und aber Tausende von Haustieren nach dem Nahrung spendenden Alai treibend. Den ganzen Tag über ging das fort, und wenn es auch stets dasselbe Bild blieb, so war es doch immer wieder infolge seiner Farbenpracht interessant; Zirkus Busch könnte unbedingt eine Zugnummer daraus machen. Leider regnete es — wie gesagt — wie mit Bindfäden, und der bergauf und bergab gehende, mehrfach den Syr darya auf Holzbrücken kreuzende Weg glich einem tiefen Sumpf.