Der Geschlechtsakt geht, wie erwähnt, bei den Ashluslays oft in Gegenwart von Zuschauern vor sich. Bei den Chorotitänzen mußte man sich in der Dunkelheit vorsehen, nicht über die liebenden Paare zu stolpern. Dergleichen sieht man niemals bei den Chiriguanos oder Chanés. Da viele in derselben Hütte liegen, sieht man gleichwohl auch bei ihnen vieles, was man immer sieht, wenn man Schlafgäste hat. Dies nicht zum wenigsten ist der Grund, daß das Geschlechtsleben selbst für die kleinen Kinder keine Geheimnisse hat.
Offenbar steigert das Zusammenleben mit den Weißen das Schamgefühl. Die Indianerinnen genieren sich sogar, die Brust zu zeigen. Die Moral sinkt in dem Maße, wie das Schamgefühl steigt.
Dies sollten alle diejenigen bedenken, die für nackte Heidenkinder Kleider nähen.
Viele meiner Leser finden vielleicht, daß dieses Kapitel nicht in meinem Buche hätte enthalten sein sollen. Es scheint mir gleichwohl richtig, etwas über die Abweichungen auf dem geschlechtlichen Gebiete zu sprechen. Es trägt zum Verständnis der Menschen, die ich hier schildere, bei. Natürlich habe ich hier nicht über all den Realismus, der bei den Gesprächen am Lagerfeuer manchmal zutage trat, sprechen können.[87]
Die natürliche Seite des Geschlechtslebens fassen die Indianer so ganz verschieden von dem, wie wir es in der Regel sehen, auf. All die Verderbnis, die in der zivilisierten Gesellschaft ist, treffen wir bei diesen Menschen nicht, verschiedenes findet sich aber schon hier. Was besonders die Homosexualität betrifft, so zeigen, wie bekannt, die Verhältnisse bei den Naturvölkern, daß die Ursache des Übels viel tiefer, als in unserer Hyperzivilisation liegt.
[82] K. v. d. Steinen: l. c. S. 25.
[83] Koch-Grünberg: l. c. Bd. I S. 133.
[84] Penelope.
[85] Als allzu realistisch ausgelassen.
[86] Westermarck: Ursprung und Entwickelung der Moralbegriffe. Bd. II. Leipzig 1909.