[87] Wenn unsere täglichen Zeitungen, die wohl für die Öffentlichkeit bestimmt sind, über alles mögliche schreiben, so braucht man ja in einer Reiseschilderung nicht allzu prüde zu sein.

Vierzehntes Kapitel.
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Forts.).

Häuptlinge und Gesetze.

Die Häuptlinge bei den Chanés und Chiriguanos haben eine ganz andere Stellung als bei den Ashluslays und Chorotis. Sie haben eine bedeutende Macht. Unter den Häuptlingen finden sich die großen Häuptlinge, die über mehrere Dörfer herrschen, und die Dorfhäuptlinge, die nur über ein Dorf oder einen Teil eines solchen gebieten. Von großen Häuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert die alte Vuáyruyi, die Häuptling über die Chanédörfer am Rio Itiyuro ist, Taruiri, der über den größeren Teil des Caipipenditales herrscht, Mandepora ([Abb. 111]), der früher eine bedeutende Macht in und um Machareti hatte, und Maringay im Iguembetal.

Jetzt haben die Häuptlinge keine anderen Zeichen ihrer Würde, als silberbeschlagene Stöcke. Nach Corrado trugen sie früher einen großen Haarbüschel auf dem Kopfe, „yattira“, sowie grüne Steine, die an den Ohren hingen. Bei den Festen und Tänzen hatten sie das Recht, die „yandugua“, eine mit einem Bündel Straußenfedern geschmückte Stange, und „iguirape“, einen mit eigentümlichen Figuren geschnitzten Stab, anzuwenden. Von diesen habe ich nur eine Yandugua erwerben können. Die übrigen habe ich nicht einmal gesehen.

Die Häuptlingswürde scheint in der Regel erblich zu sein. Doch sind Tüchtigkeit und die Kunst, seine Worte wohl zu setzen, erforderlich.

Vocapoy hat mir seinen Stammbaum mitgeteilt, den ich hier wiedergebe, da er sehr lehrreich ist, und ich zu glauben wage, daß es den Leser interessieren kann, einen indianischen Stammbaum zu studieren.

Vocapoys Stammbaum.

Wir finden somit, daß der eigentliche Häuptling am Rio Itiyuro eine Frau ist. Ich habe die alte Vuáyruyi besucht. Sie empfing mich, in ihrer Hängematte liegend, mit großer Würde. Da die Frau alt und schwach ist, regiert Vocapoy und sucht, so gut wie er kann, die Seinen gegen die Weißen zu schützen, die ihr Land vollständig in Beschlag genommen haben. Ich fragte Vocapoy, warum Vuáyruyi, als Frau Häuptling geworden ist. „Ihr Vater Hinu Parawa hat sie sprechen gelehrt“, sagte Vocapoy. Es wird somit von diesen Indianern, um regieren zu können, als höchst wichtig betrachtet, die Sprache in seiner Gewalt zu haben. Diese Menschen können die Klugheit höher schätzen, als die Stärke. Niemand wird Häuptling, wenn er nicht ein älterer Mann ist. Der Mann der Vuáyruyi war nicht Häuptling, sondern nur „Prinzgemahl“. Die Dorfhäuptlinge gehören ebenfalls dem Geschlechte Hinu Paravas an.